Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1882)
- Date
- 1882-05-30
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
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der Tagespresse, auch wenn diese eine verschiedene Tendenz verfolgen möchten, bald den von ihr beschnittenen. Weg einzuschlagen. Nun, die Presse aller civilisirten Völker hat in dieser traurigen Katastrophe Alles geleistet, was von ihr gefordert werden konnte. Abgesehen von einigen reaktionären und. ultramontanen Blättern, welche schwache Versuche machten, die Vorgänge zu verschleiern und den Juden die Schuld aufzubürden, hat die gesammte Presse gegen die russischen Barbareien von unten und von oben entschieden Front gemacht , die Wahrheit über diese scheußlichen Erscheinungen ans Licht gebracht und die Aufklärung über die wirkliche Beschaffenheit und Gewerbsthätigkeit der Verfolgten, die man gern allesammt zu Wucherern und Schankwirthen gestempelt hätte, zu verbreiten/ Wie hier die erwachte öffentliche.Meinung gewirkt, konnte man besonders an der deutschen Presse wahrnehmen', von der ein namhafter Theil sich Anfangs schwankend zeigte, bald jedoch dem Urtheil und den Empfindungen des größeren Publikums nachgeben mußte. Selbst in der russischen Presse, die mit geringer Ausnahme Jahre lang gegen die Juden hetzte, trat, nachdem die Folgen ans Licht getreten, eine Spaltung ein, und namentlich drei der einflußreichstem Journale ,Katkow's Moskausche Zeitung (panslavistisch), der Golos (gemäßigt liberal) und Novosti (populär) traten zu Gunsten der Juden und gegen das Ministerium des Innern auf, soweit russische Verhältnisse dies gestatten. ' Auf dieser Seite haben wir also eine mächtige Bundesgenossenschaft, die um so höher anzuschlagen ist, als die letzten Jahre tatsächlich bewiesen haben, daß in Wirklichkeit die Juden auf die europäische Presse einen höchst geringfügigen Einfluß üben. Besitzt aber die Presse doch nur eine innerliche Wirksamkeit, welcher gegenüber die Gegner längere Zeit hartnäckig den Platz behaupten und nur sehr allmälig räumen, so ist dagegen die Macht des öffentlichen Credits eine sehr greifbare, da unter ihren Schlägen auch, der eigensinnigste Gegner die Machtmittel verliert. Dafür ist derselbe jedoch von zäher Natur, da er trotz aller momentanen Schwankungen eine Tendenz/des Beharrens besitzt, nichts von Sentimentalität weiß und. allein von den tatsächlichen Zuständen abhängt. Der öffentliche Credit ift. international und interkonfessionell, und da er sich, schließlich dennoch aus den Ansichten der Individuen, aus ihrer Concurrcnz und Rivalität zusammensetzt, so hält es schwer, bis er in irgend eine gemeinsame und allgemeine Tendenz einlenkt. Jndeß die Zustände in Rußland haben den Charakter einer solchen Zerfahrenheit und Zersetzung angenommen, daß der öffentliche Credit sich dort gefährdet ansehen muß. Dieser setzt sich aus den Beziehungen der Finanz zu der Staatsregierung. und aus den Verhältnissen der Industrie und des. Handels zusammen. Was die ersteren betrifft, so schreiben wir uns nicht Sachkenntniß genug zu, um ein Urtheil darüber zu fällen. Allerdings bilden jüdische Finanziers, wenigstens auf.dem europäischen Continent einen einflußreichen Theil. Wie weit diese aber' ihre persönlichen Vortheile, ihre persönliche Stellung äufzuopfern geneigt.seien und inwieweit sie dies zu.thün vermögen, inwieweit bei ihnen die Entrüstung über die grausamen Verfolgungen ihrer Glaubens- und Stammesgenossen ihre Geschäftsrichtung zu bestimmen im Stande, wäre, darüber haben wir wohl lebhafte Wünsche, aber ein bestimmtes Urtheil nicht und sichere Thatsachen liegen noch nicht vor. Die Folgezeit und ein sachkundigeres Urtheil werden darüber erkennen. Anders liegt es mit dem öffentlichen Credit auf dem Boden der Industrie, des Handels, der allgemeinen Besitzsicherheit. Die Vorgänge des vorigen Jahres, die angerichteten Verwüstungen, .Plünderungen und Brandstiftungen in einer /beträchtlichen Zahl Städte, die Ausweisungen und Beschränkungspläne, . welche Massen von Gewerbtreibenden trafen, mußten schon erschütternd wirken. Aber man gab sich wohl der Hoffnung hin-, daß die Sache ein Ende genommen und ertrug noch die beträchtlichen Einzelnverluste. Nachdem aber mit dem diesjährigen Frühling alle diese Vorgänge sich erneuerten und an den.betreffenden Orten einen noch umfänglicheren und bestialischeren Charakter angenommen, mußte der öffentliche Credit aufs Empfindlichste getroffen werden. Wenn eine ganze Stadt von 20,000 Einwohnern wie Balta, völlig in Trüm-, mer gelegt wird und Millionen Rubel Eigenthums verschwindenwie es in den neueren Kriegen ganz beispiellos ist, wenn in den Straßen anderer Städte, wie in Gombin, zehnstündige Schlachten geliefert werden, die mit dein Untergang der Stadt enden , wenn Tag . für Tag bald in dieser, bald in jener Stadt Feuersbrünste auflodern, -welche ganze Stadttheile in Asche legen — wie soll da der allgemeine Credit nicht in die größten Verluste gezogen werden und vor der notorischen Unsicherheit aller staatlichen, bürgerlichen und Besitzverhältnisse sich nicht zurückziehen müssen? 'Schon telegraphirt inan aus Petersburg: „Englische und zwei österreichische Großindustrielle haben erklärtnach Rußland nur noch Kassageschäfte machen zu können. Viele Hypothekenbanken sehen sich in ihrem Bestände ernstlich gefährdet, denn die Defraudationen und leichtfertige Creditgewährungen aps Protection nehmen erschrecklich zu. Andererseits haben sie durch Brand und. Vernichtung jüdischer Häuser und die Verwüstung jüdischen Grundeigenthums, welche mitunter bis zu 60 Procent beließen waren und gegenwärtig kaum den halben Beleihungswerth repräsentiren, enorme Verlusteerlitten." Dies sind bis jetzt nur. noch Symptome; - aber die Lage ist so bestimmt gezeichnet, daß der Fortschritt dieser Calamität unzweifelhaft und für Rußland von unübersehbaren Folgen sein wird. Ja, von diesem Punkte aus allein sind wir berechtigt,, die Hoffnung auf eine entschiedene Besserung in der Behandlung der Juden in Rußland hegen zu dürfen. —