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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-23 · Heft 21 (23.5.1882) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 21 (23.5.1882)
Date
1882-05-23
Page
Seite 346 (sequence 14)
Language
German
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bemittelten Juden Proletarier werden, bevor sie Rußland verlassen können, und daß bald alle russischen Juden Proletarier sein werden! Daß damit nicht die Nachtheile, die aus den Judenverfolgungen entspringen, erschöpft sind, beweist ein zweites Privattelegramm aus Petersburg, welches lautet: „Auf die letzten Judenverfolgungen hin haben einige der größten ausländischen Banken und Bankhäuser, welche mit hiesigen Instituten in Verbindung gestanden, alle Verbindungen liquidirt und ihre Guthaben eingezogen. Siemotiviren diesen Schritt damit, daß die Unsicherheit für Person und/Eigenthum und der Mangel an Rechtsschutz stetig zunimmt." — Eine Correspondenz der Boss. Z. vom 6. Mai theilt aus glaubwürdiger Quelle mit, daß der Entwurf, in welchem Jgnatiew die von ihm geplanten bekannten Verbote gegen die Juden zum Gesetze erheben wollte, und die er widergesetzlich -dem Reichsrathe vorzuenthalten . und durch den Ministerrath allein zu erlassen gedachte, vom Ministerrathe einstimmig verworfen worden. Als Bestätigung dieser Nachricht führt man an, daß der Ministerrath am Dienstag bis gegen 7 Uhr Abends währte, und noch an demselben Abend ging den Redaktionen ein Cirkular der Oberpreßverwaltung zu, das jede Mittheilung über den Verlauf und das Resultat der Sitzung untersagte. Die Niederlage Jgnatiew's machte sich auch auf der Petersburger Börse wahrnehmbar, dieam folgenden Tage trotz des Feiertags in Berlin eine sehr animirte und feste Haltung zeigte. — Die Wiener „Presse" erhielt aus Odessa von einem Arzte, der das jüdische Spital in Odessa besucht hat, Mittheilungen, die zu erschütternder Art sind, als daß wir sie hier wiedergeben können (auch die Voss. Z. vom 9. Mai bringt sie.) In Balta hat das russische Volk eine Bestialität geübt, die über Alles, was die Geschichte aus früheren Zeiten erzählt, hinausgeht. Die Fabel von der russischen Gutmüthigkeit wird Wohl nunmehr verstummen. Wir haben es hier, mitten im eigentlichen Rußland, also nicht etwa in den asiatischen Steppen , mit einer bestialischen Horde zu thun, die in grausamen Mordthaten, in unmenschlichen Freveln mit den rohesten Barbaren wetteifert. Fürwahr, die Verantwortlichkeit derer, welche jetzt Rußland regieren , wird immer schwerer.. Denn man hat hier nicht die Entschuldigung des Krieges.oder der revolutionären Aufstande. Mitten im Frieden werden diese Greuel nun schon anderthalb Jahre an der friedlichsten Bevölkerung unter den Augen der Regierung vollbracht. Petersburg, 9. Mai. In Jekäterinoslaw herrscht unter den Juden so große Furcht, daß viele, besonders die Wohlhabenden, ihr Eigenthum um jeden Preis verkaufen. und sich zur Auswanderung rüsten. — Die Moskauer.Kaufmannschaft bereitet eine Petition an wie Regierung gegen die Inden- Ausweisungen vor, weil durch dieselben Fabrikanten und Kaufleute großen Schaden erleiden..' Die ausgetriebenen Juden können natürlich ihre Wechsel nicht bezahlen. — Der Totalverlust in Balta beträgt 976 Häuser, 1 bis 2 Millionen Rubel an ' Eigenthum, 211 Verwundete und 8 Tode resp. an ihren Wunden Gestorbene. Gestern fand ein neuer Versuch statt, die übrig gebliebenen Juden zu plündern, wurde aber von den Behörden unterdrückt. — Die jüdischen Apotheker in Petersburg, denen die Berechtigung zum Betriebe ihres Geschäfts entzogen ist, haben ihre Sache an den dirigirenden Senat gebracht. Ueber dessen Entscheidung unterrichtet uns nm/ein Privattelegramm der „V. Z." aus Petersburg, welches lautet: „Wie die- „Nowosti" erfahren, ist in der Frage, betreffend die Apothekenbesitzer mosaischen Glaubens, die Weisung des dirigirenden Senates erfolgt, daß bis zur erfolgten Entscheidung der Klage genannter Apotheker die Verordnung des Ministers des Innern vorläufig außer Kraft gesetzt wird." — Haarsträubend dagegen lauten wieder die Berichteaus Go in bin bei Warschau wom 1. Mai. Es fand ein . 10ständiger Kampf zwischen den Juden und dem Pöbel statt, bis die Bauern in überwältigenden Massen in die Stadt eindrangen. Die Stadt ist ein Schutthaufen. Die Sicherheitsbehörden'waren nicht da, der Bürgermeister fortgefahren. Petersburg, 10. Mai. Aus Odessa meldet die Deutsche Zeitung: Vorgestern kamen in der Stadt Smjela (Regierungsbezirk Kiew) zwei Brände zum Ausbruch, wodurch über 200 Judenhäuser eingeäschert wurden. Der Kiewer Gouverneur ist dorthin abgereist. Aus Odessa wandern die Juden massenhaft nach Palästina. — 44 relegirte Kiewer Studenten jüdischen Bekenntnisses sind heute über Lemberg nach Amerika abgereist, wo sie unter Beihilfe von 70 russischen Äckerbauuud Gewerbetreibenden, die sich dem Zuge angeschlossen haben, drei größere Colonien zu gründen beabsichtigen. Die Teilnehmer des Zuges führen gemeinschaftliche Casse, aus welcher sämmtliche Ausgaben der geplanten Niederlassung in Canada bestritten werden. Die Mitglieder dieser Vereinig ung tragen Abzeichen und Fahne. (In Canada 'werden sie sehr Wohl ausgenommen werden, wie wiederholte Kundgebungell der dortigen Bevölkerung verheißen.) Petersburg, 12. Mai. Die Ässecuranz - Gesellschaften beschränken die Annahme von Versicherungen und verweigern die Zahlung der versicherten Summen.für die vielen bei den Judenkrawallelt durch Brandstiftung zu Grunde gegangenen Häuser. — < — An der Börse circulirte das Gerücht, das Londoner Haus Rothschild und Lippmann in Amsterdam wickelten ihre sämmtlichen Operationen mit Rußland ab, indem sie. ihren hiesigen Geschäftsfreunden erklären, die gegenwärtige Situation Rußlands erschüttere jedes Vertrauen. — Privatberichte

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