Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- Seite 345 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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den betr. Gesetzentwurf mit 334' gegen 124 Stimmen an, nachdem sich die Ueberzeuguug ausgesprochen hatte, daß das Verbot der Ehescheidung nach vielen wichtigen Seiten hin den sittlichen Zuständen schädlich wirke. Dagegen ist es dem mosaischen Gesetze widersprechend, daß die Kammer auch die Gesetzesbestimmung aufhob, nach welcher ein ehebrecherisches Paar sich nach vollzogener Scheidung nicht heirathen durfte. Dies war nach der strengen Strafe, welche das mosaische Gesetz über Ehebrecher verhängte, an und für sich unmöglich. Das Gesetz war auf diesem Gebiete sehr empfiudlich, denn es gestattete einem geschiedenen Ehepaare mit einander die Wiederverheirathung 'nur dann, wenn die Frau vorher nicht wieder verheiratet gewesen. Großbritannien. London, 8. Mai. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir heute einige Worte über einen Gegenstand, der uns eigentlich etwas ferner liegt. Allein Richard Wagner hat sich zu sehr als Antisemit aufgespielt und kann getrost zu den Urhebern der Zustände gezählt werden, welche gegenwärtig das Herz jedes Menschenfreundes empören, als daß wir nicht das Recht haben sollten, auf den sittlichen Werth und Character dieses Mannes einen Blick zu werfen. Nicht daß wir sein Privatleben selbst nach den bekannten Thatsachen beurtheilen wollten: wir halten uns nur an seine Schöpfungen als Dichter der Texte seiner Opern. Und da, wie englische Blätter richtig bemerken, bei Wagner dem Texte die Musik untergeordnet ist, so tritt dieser Text auch in den Vordergrund betreffs der Wirkung auf die Zuschauer. Nachdem nun gestern Abend die Walküre in vorzüglicher Ausstattung und durch die besten deutschen Kräfte getragen über die Bühne gegangen, sprechen die englischen Blätter in seltener Uebereinstimmung ihre Verurtheilung des sittlichen Inhalts dieser Oper in schärfster Weise aus. Nachdem schon die Charaktere im „Rheingold" als erbärmlich bezeichnet worden, hat der Text der Walküre, in welchem die natürlichsten Gesetze der menschlichen Sitte verhöhnt werden, eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen, und es dringen die bedeutendsten Blätter der Metropole, wie „Observer", „Daily Telegraph", „Standard" rc. auf das Verbot der ferneren Aufführung. Die Namen dieser Blätter bezeugen, daß wir es hier nicht mit einem exquisit spröden Theile der englischen Nation, sondern mit der gesammten und freisinnigsten Presse zu thun haben. Man spricht seine Verwunderung aus, daß die. deutsche Nation, die sich doch sonst auf Sitte und ehrenhaften Charakter Etwas zugute thut, solche Entartung, wenn sie in ihrer Mitte geschaffen worden, auf der öffentlichen Bühne duldet und teilweise sogar bewundert. Ist doch in Deutschland der Streit nur.über den Werth der Musik entbrannt, der man auch hier stellenweise Beifall spendet, und haben sich zwar einige Stimmen in Deutschland gegen diesen Text gewendet, ohne jedoch Nachhall zu finden. Ich erinnere mich deutlich, daß auch Sie in der A. Z. d. I. diesen sittlichen Unrath des Wagner'scheu Textes wiederholt gebrandmarkt habend Aber - was wollen solche vereinzelte Stimmen dagegen sagen, wenn ein beträchtlicher Theil der Nation den Herrn Wagner als Triumphator auf den Schultern einherträgt? Man ist hier gespannt, ob diese Aeußerungen des öffentlichen Unwillens eine Folge haben oder übersehen werden und sich dann allmählig verlören. — Man hat sich hier sehr gewundert, mit welcher Unverfrorenheit der englische Consul über die Exeesse in Balta berichtet, und in der Abschwächung der dort stattgefundenen Zerstörungs- und Mordscenen selbst den Petersburger „Regierungsanzeiger" übertroffen hat, während die russischen Blätter von Petersburg und Moskau selbst ein ganz anderes Bild entwarfen. Diese Consularberichte haben deshalb auch das letzte Stückchen Credit verloren, und man kann sie sich nicht anders erklären, als daß sie demWünschen der englischen Regierung Nachkommen wollten, wie denn Dilke nicht anstand, diesen Bericht zu citiren und für die Absichten der Regicrmlg zu. benutzen. Rußland. Petersburg, ö. Mai. „Wie die „Nowosti" erfahren, hat die Kommission des Finländischen Landtages in der Judenfrage beschlossen, den Juden das Recht, in Finland zu wohnen, einzuräumen und den Gouverneur zu ersuchen, denselben auf 16 Monate lautende Aufenthaltscheine anstandslos auszufolgen. Die Juden sollen in Finland dieselben Rechte genießen, wie alle Ausländer. In Abo und Helsingfors wird ihnen gestattet, Tempel zu bauen." Es ist dies die erste ,verhältnißmäßig günstige Nachricht aus Rußland. Im übrigen Rußland hört die Verwüstung noch immer nicht auf, wie soeben aus Uman im Gouvernement Kiew gemeldet wird. Wie wir schon berichtet haben, gedenken die Allianzen, da die Beförderung nach Amerika für Tausende zu kostspielig wird, den Strom der Auswanderung nach Bosnien zu lenken. Man fängt an, in Rußland über diese massenhafte Auswanderung zu erschrecken. So schreibt Katko w in seinem Blatte: „Gegenwärtig spricht man überall von einer Auswanderung der Juden aus Rußland. Diese Gerüchte werden großen Lärm Hervorrufen. Selbstverständlich wird mcut aber nicht alle Juden aus Rußland entfernen können. Es werden - nur die wohlhabenderen Judenfamilien auswandern, ihre mehr oder weniger bedeutenden Kapitalien mit sich fortführen und das Judenproletariat zurücklassen. Wir verlieren nur Geld,' während die Zahl der auswandernden Personen eine geringe ist und wir kommen mit unserer Judenfrage nicht vorwärts." —Herr Katkow vergißt, daß das russische Volk und die russische Regierung schon dafür sorgen, daß die