Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- Seite 344 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227415--39905-3257513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
menbett Betrages zur Unterstützung israelitischer Flüchtlinge aus Rußland behufs Weiterbeförderung derselben und überwies den Antrag an die Finanzsection zu möglichst baldiger Erledigung. ' Wien, 11. Mai. (Privatmitth.) Es dürfte nicht überflüssig sein, die Herren, welche den Aufruf zu Gunsten der russischen Juden unterschrieben haben, etwas näher zu characterisiren. Dem Alphabet folgend beginnt das Namens- Verzeichniß mit Dr. Arlt, dem berühmten Professor der Augenheilkunde an der hiesigen Universität. Es findet sich noch ein anderer Professor unter den Unterzeichnern, der bekannte Geologe Eduard. Sueß, welcher Reichsrathsabgeordneter und Gemeinderath von Wien ist. Eduard Uhl ist der jetzige Bürgermeister von Wien und Dr. Cajetan Freiherr v. Felder war sein indirecter Vorgänger. Dieser ist nun Landesmarschall in Niederösterreich, Mitglied des Herrenhauses und der Akademie der Wissenschaften, zu letzterer gehört er nämlich speciell wegen seiner großen Gelehrsamkeit auf dem Gebiete der Ornithologie. Ehemalige Minister sind die Herren: Dr. Banhans, Ritter v. Chlumecky, Ritter ö; Hasner, Freiherr v. Hye; wirkliche geheime Räthe sind Graf Wilczek, der Freund unseres Kronprinzen und Graf Edmund Zichy, die Herren Grafen Coronini und Dr.. Rechbauer waren Präsidenten des Abgeordnetenhauses. Der Abgeordnete Nikolaus Dumba ist Obercurator der ersten österreichischen Sparkasse. Der Hochadel ist vertreten durch die Herren Grafen Chotek und Kinsky, Freiherr v. Doblhoff und Fürst Schönburg. Großindustrielle sind die Herren Leitenberger, Lobmeyer und Miller. Einen weithin tönenden Namen hat der Dombaumeister Schmidt. Eduard v. Bauernfeld ist der bekannte Lustspieldichter und Johannes Nordmann Präsident des Schriftstellervereins „Concordia". Wie man sieht, hat sich bie Creme de la Cröme der Wiener Gesellschaft zusammengethan, um den so tief unglücklichen russischen Juden zu helfen. — Angeregt wurde die Angelegenheit von Herrn Baron Leitenberger, welcher Zeuge eines Judenmaffacres in Rußland war. Herr Baron Leitenberger war - es auch, der schon vor längerer Zeit der israel. Allianz hier fl. 25,000 zur Verfügung stellte. Nun auch von etwas Erfreulichem. Herr Dr. Leopold Kompert begeht am 15. Mai d. I. seinen 60. Geburtstag und zeigt es von der Bedeutung dieses Mannes, daß ihm schon bei dieser Gelegenheit vielfache Ovationen bereitet worden. Unter anderem wird ihm der Gemeinderath das Bürgerrecht der Stadt* Wien verleihen. Sie werden mir gestatten, auf diesen Mann, der Juden und Judenthum in seinen Schriften, die eben jetzt in einer Gesammtausgabe erscheinen, verherrlicht hat, ausführlich zurückzukommen. — Der Kronprinz Rudolf Und die Kronprinzessin Stephanie haben dem Comite je 500 Gulden — zusammen 1000 Gulden — zugeschickt. Pest, 10. Mai. (Privatmitth.) Die bekannte, auch in diesen Blättern erwähnte Petition des Szatmarer Komitats, welches legislatorische Verfügungen gegen das Einströmen der russischen Juden nach Ungarn und die Einführung einer Art Toleranzsteuer von den Eingewanderten verlangt, gab in der jüngsten Kongregation des Somogyer Komitats Anlaß zu einer Judendebatte, welche zu der sonst bemerkenswerthen Toleranz der Ungarn nicht stimmt. Am entschiedensten opponirte gegen diese Petition der Obergespan Lad. Jankowich.. Er sagte:- „Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich erklären, daß ich eine solche Petition für ein sehr engherziges und unpassendes Verfahren halte. Wenn unsere Flüchtlinge in der Türkei ebenso ausgenommen worden wären, so weiß ich nicht, was für eine Ansicht wir uns über jenes Land gebildet hätten. (Rufe: Der Beschluß ist verkündet und man darf daher nicht mehr reden!) Ja, ich habe den Beschluß ausgesprochen, aber ich muß gestehen, ich erröthe und halte es für einen Schimpf und für eine Schande, daß im Somogyer Komitatssaale solche Reden gehalten werden." (Ungeheurer Lärm.) Das Komitat Torontal hat eine Petition ähnlich der des Szatmarer Komitats beschlossen. — Im Beisein des Unterrichtsministers Baron Conrad fand gestern Vormittags im israelitischen Taubstummen- Jnstitute auf der Landstraße die Prüfung der Zöglinge dieser Anstalt statt. Nach der Prüfung in allen Fächern, als: Austandslehre, Naturgeschichte, biblische Geschichte, Rechnen, Lesen, Schreiben re. fand eine Besichtigung der ausgestellten Stickereien und Handarbeiten der Zöglinge dieser Anstalt statt und hatte man auch hierbei Gelegenheit, den steten Fortschritt dieses Instituts zu bewundern. In demselben befanden sich am Schluffe des Schuljahres 1880—81 62 Knaben und 35 Mädchen, zusammen 97 Zöglinge im Alter von 8 bis 16 Jahren. Frankreich. Paris, 9. Mai. (Privatmitth.) In der gestrigen Sitzung der Deputirtenkammer. wurden die langjährigen Anstrengungen des Abg. Naquet (Jude), die Aufhebung des Gesetzes von 1815, welches die Ehescheidung in Frankreich, und zwar allen Confessionen, verbot, zu bewirken, so daß, wenn das betreffende Gesetz auch vom Senate genehmigt worden/ die Ehescheidung auch in Frankreich wieder gesetzlich gestattet ist. Das Verbot gründet sich bekanntlich auf -das kanonische Recht -der katholischen Kirche, während die Ehescheidung nach ' dem mosaischen Gesetze auf legalem Wege zugestanden und dies auch von den protestantischen Kirchen angenommen worden ist. Für die Juden und Protestanten war es längst eine Zwangslage, ihrem kirchlichen Rechte entgegen die Ehe nicht scheiden lassen zu können. Die Deputirtenkammer nahm