Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vergnügen zur Verfügung der Deputation. Am Dienstag kam die Deputation zu Jgnatiew. Derselbe ließ die Depuj tation gar nicht zu Worte kommen, betheuerte immer, ein warmer, aufrichtiger Freund der Juden gewesen zu sein und gar nicht daran gedacht zu haben, jemals ihre Rechte irgendwie zu beschränken. Im Gegeutheil, er wolle den Juden gleiche Rechte mit der übrigen Bevölkerung geben. Allerdings habe er einige wichtige Maßregeln für die Zukunft beantragt Und seien dieselben auch beschlösse« worden, aber dieselben dienten nur zum Besten der Juden, denn es könne denselben nur nützen, wenn sie in Zukunft weder Immobilien noch Schänken kaufen oder pachten dürften; dadurch würden Neid, Mißgunst und Haß vermieden und .die Juden vor Verfolgung geschützt sein. Seine Fürsorge wäre demnach eine väterliche. Die bekannten sechs Punkte seien bloße Erfindung der Zeitung „Nowosti", welche dieselben in einem langen Feuilleton bekämpfte. Dieses Feuilleton habe Jgnatiew gelesen und sei sofort tu den Minister-Conseil geeilt, um es demselben vorzulegen, welcher jedoch dieser publicistifchen Enunciation kein besonderes Gewicht zngemessen habe. Um der Deputation die Schwierigkeiten seiner Position auseinander zu setzen, erzählte er derselben, er habe über die Beschwerde der Juden wegen ihrer widerrechtlichen Austreibung aus Kiew dem General-Gouverneur Drenteln telegraphirt, diese Austreibungen sofort zu sistiren, worauf Drenteln telegraphirte: „Wenn ich die Juden nicht austreibe, so ist ein Judencrawall zu befürchten". Dennoch antwortet Jgnatiew: „Sistirt sofort Austreibung!" Wieder antwortet Drenteln: „Unmöglich, sonst Schlägerei unvermeidlich." Aergerlich telegraphirt Jgnatiew ein drittes Mal: „Stellen Sie die ungesetzlichen Austreibungen der Juden jedenfalls ein." Drenteln telegraphirt ein drittes Mal: Unmöglich, ich kann sonst für die Ruhe nicht bürgen." „Was konnte ich nun thun?" frug Jgnatiew die Deputation. „Sie begreifen, daß meine Lage eine sehr schwierige ist. Einerseits Ihre Wünsche, andererseits der mangelnde Gehorsam der Gouverneure. Es ist zum Verzweifeln!" So rief Jgnatiew mit komödienhaftem Pathos. Damit war die Notabeln-Deputation entlassen. Die vorgelegten Beschlüsse der Notabeln sind nun werthloses Material. Das einzige praktische Resultat war, daß sie einen Unterstützungsfonds für die geplünderten Juden gründeten. Baron Gttnzburg zeichnete neuerdings 25,000 Rubel, Poljakow gab 15,000, so daß in wenigen Stunden 54,000 Rubel beisammen waren. Doch sind die einheimischen Juden bereits durch vieljährige Opfer für Entschädigung beraubter und durch fortwährende Unterstützung armer Glaubensgenossen unglaublich erschöpft. Ausländische Hilfe ist nöthig. So mein Gewährsmann. Hierauf besuchte ich jüdische Notabeln. Diese verweigerten jede Auskunft, aber sie erklärten, daß fte | an Obigem zwar nichts zu dementiren haben, doch auch nichts^ hinzufügen könne«, denn ihre Position sei peinlichst und jedes j Wort könnte ihnen sehr schwer zu stehen kommen. Ihr Correspondent constatirt aus dieser Audienz, daß Jgnatiew's sechs Punkte thatsächlich verworfen wurden, daß sie „Nowosti" um so^ weniger erfunden , hatte, als beinahe jeder der jüdischen Notabeln eine authentische Copie des von Jgnatiew's eigener Hand Unterzeichneten Originales in der Tasche hatte, Jgnatiew demnach nur sein verstoßenes Kind feige verleugnete.. Ferner sei constatirt, daß Jgnatiew die..neuen Beschränkungen der Juden officiell zugab, dieselben jedoch gleißnerisch als von ihm zum Wohle der Juden geschaffen hinstellte. Neuere wichtige Nachrichten. ' Brüssel, 14. Mai. (Privatmitth.) Wie an so vielen andern Orten hat sich auch hier ein Comit6 gebildet, um den ‘ ■ unglücklichen russischen Israeliten zu Hülfe zu kommen und eine öffentliche Versammlung zum Behufe eines Potestes gegen die wider jene verübten Greuel zu veranstalten. An der Spitze dieses Comitos steht der Bürgermeister von Brüssel. Hr. Büls; und es ist bei den schroffen Parteiverhältnissen des Landes doppelt erfreulich, daß sich zu diesem Werke die Katholiken mit den Liberalen vereint haben. Katholische Kammermitglieder und Journalisten haben sich mit ihren sonstigen Gegnern gern verbunden , um ein Werk der Barmherzigkeit zu üben und die Stimme der Gerechtigkeit und der Gewissensfreiheit zu erheben. Man sagt, daß der Cardinalerzbischof von Mecheln der Sache sein ganz besonderes Interesse widmet. Das Comits will sich mit allen größern Orten des Landes in Verbindung setzen, um dort eine ähnliche Bewegung hervorzurufen. Inzwischen ist hier in der jüdischen Gemeinde'schon eine bedeutende Summe -für die russischen Israeliten gesammelt worden. — Das Büreau für das große Comito besteht aus dem Präsidenten Bürgermeister Büls ,- dem Vicepräsidenten Beer- . naert, dem bekannten früheren klerikalen Minister, einem der Führer der Rechten, ferner Paul Janson, dem sehr populären radikalen Abgeordneten; als Sekretäre fungiren der liberale Journalist Hymans, früher Deputirter , und de Houlleville, * klerikaler Journalist, Direktor des „Journal de Bruxelles", und als Schatzmeister Banquier Franz Philisipson. Die beiden Präsidenten der Kammern haben ihren Beitritt zum' Comitö erklärt. Zunächst wird ein Manifest erscheinen, welches vom ganzen Comite, ungefähr 15 Personen unterzeichnet wird. Dann soll ein großes Meeting abgehalten, Concerte, Festlichkeiten u. s. w. zum Besten der Unglücklichen gegeben werden. Paris, 14. Mai. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen heute die erfreuliche Mittheilung zu machen, daß, abgesehen von einem Aufruf, eines israelitischen Comitö's an die hiesigen