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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-23 · Heft 21 (23.5.1882) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 21 (23.5.1882)
Date
1882-05-23
Page
Seite 335 (sequence 3)
Language
German
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und seinem geistigen Auge ist der Gang , der göttlichen Vergeltung, der sichere Schritt der göttlichen Weltordnung völlig anschaulich. Auch jetzt werden die Geschicke sich erfüllen. Die Sammlungen für die russischen Inden. Soweit es sich jetzt übersehen läßt, wird die Theilnahme für die Tausende und Abertausende ihrer Heimath, ihres Obdachs, ihrer Habe und ihres Erwerbes beraubten und mißhandelten Juden in Rußland immer allgemeiner und lebhafter. Bon den Centren der civilisirten Welt breitet sie sich über alle Länder aus und klopft um eine werkthätige Milhülfe an jede Pforte an. In der That, bei dem unermeßlichen Elend und der massenhaften Verarmung und Austreibung kann nur die Anstrengung und Vereinigung aller Kräfte eine irgend fühlbare Abhülfe schaffen. Mit den großen Gaben der Reichen, mit den edlen Spenden der Bemittelten müssen sich auch die Hpfer der Aermeren vereinigen, um die Summen zu beschaffen, die erforderlich sind, etwas Erkleckliches zu wirken. Wir stehen hier Ereignissen gegenüber, die seit Jahrhunderten auch nur annähernd nicht vorgekommen, die Niemand ahnte, die Niemand in unsrer Zeit für möglich hielt. Wenn man früher die Idee der Auswanderung stets zurückwies, weil man voraussetzen mußte, daß doch bald eine Besserung der Lage eintreten würde und die Mittel für eine Emigration nicht zu erschwingen wären: so wurde man gezwungen, jetzt diese Ansicht aufzugeben, weil, jeder Einzelne, der. aus dieser Sturmfluth gezogen wird, ein geretteter Mensch ist. Man kann darauf vertrauen, da^ einet: so ungeheuren Barbarei gegenüber die Menschenliebe alle fühlenden Herzen bewegen und damit auch umfängliche Mittel herbeikommen würden. Es muß sich bald zeigen, ob diese Erwartung in Erfüllung geht. Während bereits in mittleren und kleineren Gemeinden gesammelt wird, sehen wir noch große, besonders einige, welche in früheren Jahrhunderten Mittelpunkte des jüdischen Lebens gewesen, sich theilnahmlos bezeugen, sehen wir noch ganze Provinzen, ja ganze Länder außerhalb jeder Opferwilligkeit für diesen Zweck, an welcher sie es doch sonst nicht fehlen lassen. Wir fühlen uns nicht berufen, hier Namen zu neunen; aber es wird sich bald von selbst ergeben, daß deren Abwesenheit schmerzlich und auch öffentlich bemerkt werden wird. Hier ist fürwahr die Gelegenheit, über jede erbärmliche Weichbildsklugheit hinauszusehen. Auch müssen wir uns gefaßt machen, daß diese Opfer und Spenden eine längere Zeit fortgesetzt und wiederholt werden müssen, um nur zu einem etwas befriedigenden'Ziele zu kommen. Was auch bis jetzt geschehen ist, Uebermäßiges hat noch Niemand gethan, arm hat sich noch Niemand gegeben, und zu einer Zeit, wo der Luxus so gestiegen, der Aufwand für die Lebensbedürfnisse so groß ist wie gegenj wärtig, darf sich Niemand über die Anforderung beklagen, ein Scherflein für eine so heilige Menschensache beitragen zu sollen. Daß diese jüdischen Flüchtlinge der Hülse nicht blos durch ihr Unglück, sondern auch durch den sittlichen Fond, den sie in sich tragen, würdig sind, hat sich nicht blos aus den Berichten d er Männer ergeben, welche bis jetzt die Auswanderung leiteten und deren Mittheilungen wir auch in diesen Blättern gaben, sondern ist jetzt, auch durch ein amtliches Communiquö aus Lemberg vom 8. Mai in der „Gazeta Lwowska" erwiesen. Es lautet:' „Schon beim Beginn der Bewegung wurden die kompetenten Behörden angewiesen, über die eintreffenden Emigranten genaue Evidenz nach Geschlecht, Alter und verlassenem Wohnsitze zu führen, die Evidenzlisten stets zu ergänzen und diese der Statthallerei vorzulegen. Insbesondere wurde die Frage der Subsistenzmittel und der Legitimation fremder' Juden geprüft und denselben selbst der zeitweilige Aufenthalt auf . dem flachen Lande nur gegen die Zusicherung genehmigt, daß sie ohne Bewilligung der Behörden den temporären Aufenthalt nicht verlassen. Die Bewilligung zur Abreise wird Jedermann ertheilt, der den Wunsch äußert, nach Brody, dem Zentralpunkt der Amerika-Expedition, abznreisen. Allen fungirenden Hilfskomitss wurde eindringlich die gehörige Verpflegung der Emigranten, die Beachtung der. sanitären Rücksichten und die möglichst rasche Fortschaffung derselben nach Amerika ans Herz gelegt. Bisher sielen die russischen Juden nirgends der Landesbevölkerung zur Last und erklärten die Delegirten des englischen Hilfskomitös entschieden, alle Juden ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter fortzuschaffen, um mittellose und erwerbsunfähige Ankömmlinge nicht lange zurückzulassen. Bisher sei kein Grund vorhanden, an der Erfüllung Dieser Zusage zu zweifeln, da selbst in finanzieller Hinsicht die Delegirten des englischen Komitos die Mittel für ausreichend betrachten, um dieser großen Aufgabe zu entsprechen." Das österreichische Abgeordnetenhaus. __ Wien, 12.^Mai. Wir werden in unsrem Abgeordnetenhause einem interessanten Zwischenfalle beizuwohnen haben. In der Sitzung vom 10. Mai ist von dem Abg. Eduard Sueß und hundert Abgeordneten der Linken folgende Interpellation eingebracht: Da nach glaubwürdigen Berichten jenseits unserer nordöstlichen Grenze an jüdischen Einwohnern grauenvolle Unthaten vollbracht werden, und nach diesen Berichten zahlreiche Flüchtlinge das österreichische Gebiet bereits betreten haben, stellen die Gefertigten nachfolgende Frage: Gedenkt die k. k. Regierung angesichts der aus diesen Vorgängen auch für unseren Staat erwachsenden Schwierigkeiten ihren Einfluß in geeigneter. Weise dahin geltend zu machen, daß diese

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