Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- Seite 334 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Grunde ihres Erscheinens, antwortete man ganz naiv: . „Man erzählt, daß heute die Juden gehauen werden! vielleicht . fallt auch für uns etwas ab! . „In dem Flecken Gozulowo plünderte der im trunkenen Zustand befindliche Pöbel nicht nur die Häuser der Juden, sondern begoß das Hab und Gut derselben mit Petroleum und verbrannte dasselbe. Ein Weib erklärte bei dieser Gelegenheit: „Ich fürchtete schon, ich würde auf die Feiertage ohne Oel für meinen Gott^bleiben; Gott hat mir aber jetzt einen ganzen Stof Oel geschenkt. Wir plünderten einen Laden und ich erhielt einen Stof Oel; damit komme ich eine ganze Woche aus." Die Felder grünen noch; die Heuernte ist aber verloren, auch wenn wir noch Regen bekommen sollten. Ein schrecklicher Gedanke, wenn wir von einer Mißernte betroffen werden sollten! Dann wird Plünderung der Juden heuer von den Bauern als direkter Erwerb betrachtet werden. Sie haben bereits an dieser Sache Geschmack gefunden. Dazu kommt noch, daß die Unruhestifter in Balta nur mit 3—4 Tagen Gefängniß bestraft werden. Die Bauern rufen aus: „Für hundert und vielleicht mehr Goldstücke kann man schon eine Woche im Gefängniß sitzen." In der That scheint das Gesetz fortgelaufen und Gesetzlosigkeit zurückgeblieben zu sein.. Raub wird von Richtern als „Störung der öffentlichen Ruhe" bezeichnet. Hunderte von Häusern zerstören, für Millionen Waaren rauben, heißt also nur die öffentliche Ruhe stören?" * - So weit dieser eine Correspondent. Das ist die Schmach unseres Jahrhunderts! Eine Schmach, die auf unser Jahrhundert schwerer fällt, als ähnliche Verfolgungen, ähnliche Zustände auf irgend ein früheres Jahrhundert. Nicht die Barbareien der Völkerwanderung, nicht die Barbareien des Mittelalters stehen mit den jetzt verübten auf einer Linie. Nach einer langen Kulturentwickelung, welche durch unaufhörliche Geistesarbeit und schwerste Kämpfe errungen worden, in einer Zeit, wo die Humanität und das Recht als die einzigen Fundamente der menschlichen Gesellschaft anerkannt worden, wo alle civilisirten Staaten auf dem Boden des Rechts, ja der Gleichberechtigung, der Menschenachtung und Menschenbildung, der gesetzlich geordneten Lebensverhältniffe sich aufbauen, wo jede Nation ihre Besten Jahr für Jahr versammelt, um jedes Recht, jede Freiheit sorgfältig auf der Wage zu prüfen, darüber zu berathen und zu beschließen, in einer Zeit, wo selbst wiederholt Kriege geführt wurden, um Staaten zu reorganisiren, in welchen die Verwirrung, die Gewalttat von oben und von unten überhand genommen, wo sich Congreffe versammelten, um die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aller Nationalitäten und aller Confessionen als das europäische Recht anzuerkennen — in einer solchen Zeit ist es eine unerhörte Schmach , wenn in einem großen Staate, der 90 Millionen Menschen umfaßt, Raub, Plünderung, Mord und Schändung in massenhafter Vergewaltigung über Millionen schuld- und wehrloser Unterthaneii^ ungehindert gebracht werden/wenn die dazu bestallten Behörden so gut wie unthätig zusehen, wenn die Bestrafung der Frevler geradezu eine lächerliche ist, und wenn all diesen Uebelthaten, all diesen scheußlichen Verbrechen Dekrete der Regierung zur Seite gehen, die alles Maß an Härte und Gehässigkeit übersteigen,! Solche Verhöhnung aller Rechtspflege, solche Begünstigung von Raubzügen und Zerstörnngswuth, solche von oben herab beförderte Zersetzung alles gesellschaftlichen Lebens, aller gesetzlichen Ordnung, aller volkswirthschaftlichen und finanziellen Interessen des Volkes und des Staates selbst ist noch nicht dagewesen. Wir haben Beispiele in der Geschichte genug, daß ehrgeizige Herrscher die Kräfte ihrer Völker erschöpften, theils um glanzvolle Gebäude aufzurichten und ihrer Prunk- und anderen Lüsten zu genügen, theils um Kriege in nahen oder fernen Gegenden zu führen — aber daß ein Staat in seinem eigenen Innern einen Theil des Volkes durch den andern plündern und morden, Handel und Industrie, Eigenthum und Besitz zerstören läßt, und dies nicht zu behindern sucht, sondern durch neue und harte Behandlung der Gemißhandelten befördert — das ist ohne Beispiel. Einen, den Schmerz und die Empörung mildernden Trost können wir in der Theilnahme der übrigen civilisirten Welt finden, die sich immer lauter und an immer 'mehreren Orten ausspricht und bethätigt. Abgesehen von den Meetings in England und Nordamerika sind jetzt in Berlin und Köln, in Wien und Stuttgart, in Hannover und Magdeburg, von den hervorragendsten Persönlichkeiten Aufrufe ergangen, welche den Abscheu gegen jene Vorgänge aussprechen und zu thatkräftiger Hilfe für die unglücklichen Flüchtlinge auffordern. Es ist das Gewissen der gebildeten Menschheit, das sich hier Luft schafft, nachdem ihm außer der Presse ein anderes Ventil nicht geöffnet worden. Zwar nur in England und Wien begegnen wir dabei hochconservativen Namen. Aber es ist doch das große Bürgerthum, welches seine Stimme erhebt, mit dem stillen Vorwurfe, daß nirgends ein Versuch gemacht wird, in irgend einer nachdrücklicheren Weise zu helfen. So wird es doch nicht blos der Geschichte überlassen, jene Scheußlichkeiten als solche zu brandmarken. Das Jahrhundert thut es selbst und wird es immer mehr thun. Nein! Wir flehen nicht die Rache des Himmels. an. Wir beten zu Gott um eine rettende That, welche dieser verzweiflungsvollen Lage von 3t/z Millionen Menschen ein Ende bereite. Die göttliche Strafe kommt von selbst. Bon den Egyptern, Assyrern, Chaldäern an ist die göttliche Vergeltung über kein Volk, das entartete, über keinen Staat, der Recht und Menschlichkeit verhöhnte, ausgeblieben. Wir brauchen die Beispiele nicht anzuführen. Wer nur dann und wann in die Geschichte hineingeblickt hat, kennt diese Beispiele selbst,