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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-16 · Heft 20 (16.5.1882) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 20 (16.5.1882)
Date
1882-05-16
Page
Seite 327 (sequence 11)
Language
German
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Unterstützungswerke. für die russischen Flüchtlinge bis jetzt betheiligt haben. Äir hoffen, daß dies wenigstens hier in Prag bald anders werden wird. Im isr. Tempel in der Geistgasse hielt vorgestern Vormittags der Prediger -Herr Prof. Kämpf vor einem sehr zahlreichen Publicum, unter welchem auch Zuhörer anderer Confessionen vertreten waren, eine ergreifende Rede zu Gunsten der unglücklichen russischen Inden. Ausgehend von dem Bibeltexte schilderte der Redner in geistvoller und gemüthreicher Weise die Leiden der Glaubensgenossen in Rußland und appellirte an den so oft bewährten Wohlthätigkeitssinn seiner Gemeinde, um das in Angriff genommene Werk der Unterstützung jener Unglücklichen kräftigst zu fördern. .Die in Form und Inhalt gleich ausgezeichnete Rede übte einen mächtigen Eindruck auf die Zuhörerschaft. — Auch in der Meiselsynagoge fand zu dem gleichen Zwecke eine Predigt statt, in welcher der Prediger Hr. Dr. Stein gleichfalls in tief ergreifenden Worten zur energischen Unterstützung der Glaubcnsbrüder in Rußland aufforderte. — Herr Kreisrabbiner Jacob Haller hielt gestern im isr. Tempel in Carolinenthal aus demselben Anlasse eine wohldurchdachte, auf die ungewöhnlich große Zuhörerschaft mächtig wirkende Predigt, in welcher er zum Schluffe an den Wohlthätigkeitssinn seiner Gemeinde appellirte. Der Vorstand der Synagoge hat auch bereits die nöthigen Schritte eingeleitet, um eine Sammlung zu diesem Zwecke vorzunehmen, welche hoffentlich vom besten Erfolge gekrönt sein wird. Lemberg, 3. Mai. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge aus Rußland, welche in Galizien eintreffen, wird immer größer. Die Auswanderer aus Kitajgrod und Mohilew erzählen haarsträubende'Dinge über die Behandlung der jüdischen Bewohner. Aus Grodno emigriren 500 Arbeiter. Ungefähr 7000 Judenfamilien haben beim Auswanderungs-Bureau in Jaffa ihre Niederlassung in Palästina angekündigt. Mit dem morgigen Tage beginnt von allen Theilen Südrußlands der Auszug der Juden. Bisher sollten bereits neuntausend Juden das russische Reich verlassen haben. Lemberg, 2. Mai. Heute ist aus Brody abermals ein Zug mit 165jüdisch-russischen Flüchtlingen (zumeist Frauen und Kinder) auf der Durchreise nach Amerika hier eingetroffen. Unter den Ankömmlingen befanden sich viele wohlhabende Leute. Uhrmacher Koltz, dessen Familie in Balta ermordet wurde, begab sich nach Boston. Ihm schlossen sich zahlreiche über Nowosielica hieher geflüchtete Juden aus Elisabethgrad an. — Am hiesigen Bahnhofe wurden die Emigranten von den Mitgliedern des Lemberger und Londoner Hilfscomites bewirthet und mit Anweisungen für die amerikanischen Agenten des Comitss versehen. — Der Zug, der Nachmittags nach Hamburg weitergehl, besteht bisher aus 200 Flüchtlingen. — Arbeitsscheuen und unverwendbaren Individuen hat das Hilfscomite unnachsichtlich jede Unterstützung versagt. Großbritannien. London, 5. Mai. Eine Bill betreffs des Wahlscrutiniums ist in diesem Augenblick dem Hause der Gemeinen Englands unterbreitet: Der Minister, Sir Charles Dilke, hat unserm Glaubensgenossen, dem Deputirten Serjeant Simon, die Zu-'' sicherung gegeben, daß in der Bill die Akte von 1872 auch auf die Fest- und Fasttage der Juden ausgedehnt werden solle. Diese Akte beschränkte blos auf den Samstag das Zugeständniß, daß 'jüdische Wähler, wenn die Wahl am Samstag stattfindet, ihr Votum bei dem Wahlbüreau aufschreiben lassen dürfen; die neue Bestimmung ist um so mehr berechtigt, als die letzten Wahlen gerade an den jüdischen Ostern stattfanden. — Herr Mocatta aus London hatte sich zuerst eingeschrieben auf die Liste der Unterschriften zu Gunsten der russischen Juden mit einer Summe von 10,000 Livres Sterling (200,000 Mark.) Dieses fürstliche Geschenk war von einem Briefe begleitet, dessen interessanteste Stellen wir hier wiedergeben: „Ich stamme von den Juden ab, die im Jahre 1407 aus Portugal vertrieben wurden. In unseren Familienpapieren werden die Drangsale geschildert, welche meine unglücklichen Vorfahren erdulden mußten, als sie gezwungen waren, den portugiesischen Boden zu verlassen und ein neues Vaterland zu suchen. Jndeß der Allmächtige hat ihnen beigestanden und zuerst fanden sie in Amsterdam ein Asyl.' Später begaben sie sich nach London. Hier erhoben sich meine Vorfahren durch ihren Fleiß und ihre Arbeit zu einerhohen Stellung» Seitdem sind fast vier Jahrhunderte vergangen. Wir sehen jetzt, daß die Verfolgungen gegen die Juden in Rußland nicht weniger blutig sind wie jene in Portugal. Ich schätze mich sehr glücklich, mich in einem Wohlstände zu befinden, der mir gestattet, "meinen heimgesuchten Glaubensgenossen in Rußland Hülfe zu gewähren." Rußland. Petersburg, 27. April. Die Nihilisten, deren Beifall das Vorgehen der Regierung aus naheliegenden Gründen findet, nähern sich äußerlich den vertriebenen Juden, indem sie dieselben in gegenwärtig stark vertheilten Flugblättern auffordern, mit ihnen gemeinschaftliche Sache gegen die Regierung zu machen. Allen hiesigen jüdischen Banquiers sind von den Nihilisten in diesem Sinne gehaltene Zuschriften übermittelt worden und dasselbe wird wohl auch in Moskau, Kiew und den andern großen Städten geschehen sein. — So wenig wie die Juden diesen Verlockungen Gehör geben werden, so ist es doch augenscheinlich, daß alle diese den Staat zerwühlenden Ereignisse dem Nihilismus geistig und thatsächlich großen Vorschub leisten und nach allen Seiten hin der staatlichen Gesellschaft tiefe Wunden schlagen. — Zu den nicht

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