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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-16 · Heft 20 (16.5.1882) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 20 (16.5.1882)
Date
1882-05-16
Page
Seite 322 (sequence 6)
Language
German
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es ja -och nicht: unangemessen, wenn die vielen Consektionäre unter den Juden, da sie Meister, und'Gesellen halten, sich auf Grund der Gewerbefreiheit auch Kleidermacher, Putzmacher und-gl. nennen würden, und daß-der Kaufmann, der Leinen 7 oder dergleichen weben oder Wäsche Herstellen, läßt, sich als Fabrikinhaber bezeichne. Hierauf müßten die Vorstände die Mitglieder ihrer Gemeinden aufmerksam machen. So weit unser Corresspondent aus Wesel. Es versieht sich, daß hiermit in keiner Weise der wahrheitsgemäßen Angabe zunahe getreten, werden solle und dürfe. Aber unser Corressp. hat selbst den Grund angegeben, weshalb Biele für ihr Gewerbe volltönendere Namen suchen, als sie im Grunde beanspruchen können, nur daß er unter den Motiven das gewiß oft genug bestimmende ausgelassen, dem Etablissement den Anstrich des Großartigen zu geben und sich dadurch leichter Kundschaft zu erwerben, Wir glauben deshalb, daß die Mahnung, durchaus am Platze ist, sich 'strikte an die Wahrheit zu halten und sich einfach als das zu bezeichnen, was man wirklich ist. Neuere wichtige Nachrichten. Pest, 3. Mai./ Wie aus Wien geschrieben wird, haben sich dort mehrere in der bürgerlichen Gesellschaft hochangesehene Persönlichkeiten zusammengethan, um eine Hilfsaktion großen Styls zu Gunsten , der mißhandelten und geplünderten Juden Südrußlands einzuleiten. Die Anregung hiezu ward.von einem Großindustriellen gegeben, welcher vor . Kurzem Südrußland bereist hat und bei dieser Gelegenheit durch eigenen Augenschein sich von dem Elend und der Noth, welche die Judenverfolgungen ängerichtet haben, überzeugt hat. Unser Korrespondent fügt hinzu, daß sowohl dieser Großindustrielle, wie die meisten der anderen eifrigen Förderer der geplanten Hilfsaktion durchwegs gute Katholiken seien. Da nun einmal, eine Intervention der Regierungen nicht zu erwarten steht, so sucht das Bürgerthum allein seine Gesinnung kundzuthun und den Ideen der Menschlichkeit uud Humanität jenen Tribut zu zollen, den ihnen unser Jahrhundert nie versagen wird. Czar Alexander IN. soll tief ergriffen gewesen sein, als ihm vor Kurzem erzählt worden, daß, man in der ganzen Welt für russische Unterthanen betteln müsse. Diese Gefühlsregung macht dem Czar alle Ehre; noch ehrenvoller aber wäre es, wenn er durch sein Machtgebot die Urheber der unerhörten Greuel fassen, undMaßregeln treffen ließe, welche die Wiederkehr ähnlicher beschämender Vorfälle zu, verhindern geeignet wären. Davon , hat man bisher noch sehr wenig und jedenfalls nur Unzulängliches gehört. Insehr rühmlicher, und erfolgreicher Weise hat die österreichische Regierung, die Regungen antisemitischen Geistes, die in Wien und an anderen Orten, in die Erscheinung traten, zu-unterdrücken verstanden. Ein hervorragender Vertreter des Wiener-Judenthums hat, Gelegenheit genommen, dem Minister -Präsidenten^ hiefür warmen Dank zu sagen, worauf Graf Taaffe, aste' Dankesbezeigungen zurückweisend, einfach bemerkte, er habe nichts als seine Schuldigkeit gethau. Das ist in der That ein schönes. Wort und ein richtiger Gedanke. Die. Regierungen thun nichts als ihre Schuldigkeit, wenn sie leiden? schaftliche Ausbrüche des Racenhasses beizeiten Niederhalten. Wie die russische Regierung in dieser Hinsicht ihre Pflicht erfüllt, das lehren die Ereignisse. — Baron Montague und vr. Asher, die hier weilenden Delegirten des Londoner Mansiyn-House-Komitss, wurden heute Vormittags vom Minister-Präsidenten Kolomann Tißa: empfangen. Die Delegirten, welche vom Reichstags-Abgeordneten Moriz Wahrmann dem Minister-Präsidenten vorgestellt wurden, übergaben Herrn v. Tißa das aus Lemberg mitgebrachte Empfehlungsschreiben des gatizischen Statthalters Grafen Alfred Potocki und den humanitären Zweck ihrer Reise schildernd, drückten sie im Namen des Lord-Mayors von London und des Komitös Sr. Exzellenz den Dank für seine Haltung in der obschwebenden, Frage, aus. Herr v. Tißa lehnte dies mit den Worten: „Wir sind hier in einem freien Lande!" ab. Baron Montague legte dem M.inister-Präsidenten den Plan, vor, die Emigration der russischen Juden nach Bosnien zu leiten, welchem Lande eine betriebsame, friedliche Bevölkerungsklasse sehr von Nutzen wäre. Der Minister-Präsident rieth den Herren, sich in dieser Angelegenheit, an das gemeinsame Ministerium zu wenden. Beim Abschiede wünschte Herr v. Tißa den Herren in herzlichen Worten den besten Erfolg in ihren menschenfreundlichen Bestrebungen. Die Delegirten reisen heute mit dem Mittags - Courierzuge nach Wien, woselbst sie zwei bis drei Tage verbleiben. Bonn, 8. Mai. Anch in.Brüssel wird von hervorragenden christlichen Persönlichkeiten eine Kundgebung vorbereitet. — , Wien, 7. Mai. Folgender Aufruf ist hier erschienen: Mitbürger! Seit Wochen überschreiten in fast ununterbrochener Reihenfolge Tausende von unglücklichen und verfolgten Juden unsere östliche Grenze. Die blutigen Ereignisse,; welche im verflossenen Jahre Kiew mit Schrecken erfüllten, haben sich in furchtbar, vergrößertem Maße wiederholt.. In Dubostar, Okno, Hotzeliewo, Mohilew und namentlich in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Balta wurden während der Ostertage dieses Jahres an der jüdischen Bevölkerung Greuelthaten verübt, welche diese Unglücklichen auf die tiefste Stufe menschlichen Elends hinabschleuderten. Fanatisüte Bolkshaufen vereinigten sich zu Mord, Plünderung und Brandlegung, legten ganze Stadttheile in Asche ,. machten Tausende von betriebsamen Menschen zu Bettlern; weder das Leben noch das Eigenthum.blieben verschont.

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