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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-16 · Heft 20 (16.5.1882) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 20 (16.5.1882)
Date
1882-05-16
Page
Seite 323 (sequence 7)
Language
German
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323 Rechtlos,^ wehrlos, heimathlos verlassen die unschuldig Verfolgten den r Boden, auf dem sie geboren würden, das Land,/ welches sie 'selbst in ihrer Erniedrigung noch als ihr Vaterland lieben, und irren, aller Hilfsmittel entblößt, in der Fremde umher, um in entfernten Welttheilen eine neue Heimath zu suchen. < In allen Kulturländern des Erdkreises wurde die Kunde von diesen Greueln M Entsetzen vernommen. Unter diesem Eindrücke tritt die Pflicht hervor, werkthatige Hilfe zu leisten und so wenigstens einen Theil der Schuld. zu sühnen, welche irregeleitete Menschen gegen ihre Brüder auf sich geladen haben.; Oesterreich, welches stolz ist auf seine Bildung und Gesittung; Oesterreich, welches so oft dem Unglücke gegenüber sein edles Herz erprobt und erst vor Kurzem bei sich selbst die erhebende Wahrnehmung gemacht hat, wie tief jeder Schicksalsschlag, der Einzelne trifft, von der Allgemeinheit mitempfunden wird — Oesterreich kann bei diesem Werke der Barmherzigkeit nicht abseits stehen. Auch bei uns muß jede Scheidewand, welche der Glaube, die Abstammung oder das Vorurtheil zwischen Menschen aufgerichtet hat, fallen vor der Wucht dieses unbeschreiblichen Elends. Als die Nächstens an welche diese Opfer menschlicher Verirrung sich gewendet haben, wollen wir auch unter den Ersten sein, welche den Hilflosen beistehen. Bereits haben sich in London, Berlin, New-Z)ork und an anderen Orten Vereinigungen gebildet, um den verfolgten russischen Juden zu Hilfe zu kommen, den Flüchtlingen Nahrung, Kleidung und Obdach zu gewähren, sie in der Begründung einer neuen Existenz zu unterstützen, und hiermit unternehmen es die Unterzeichneten, auch in Wien eine Centralstelle für den Zusammenfluß milder Gaben aus dem ganzen Reiche zu begründen, auch Oesterreich Gelegenheit zu geben, sich an dem Samaritanerwerke-zu betheiligen. Sie wenden sich an ihre Mitbürger minder innigen Bitte, ihr vielerprobtes mildthätiges Herz auch diesem namenlosen Jammer nicht zu verschließen, mit der dringenden Mahnung, durch schleunige und thatkräftige Hilfeleistungen Zeugniß dafür abzulegen, daß wir an Humanität, Gesittung und an jener aufgeklärten Auffassung, die in jedem unschuldig Leidenden nur den unglücklichen Bruder erblickt, hinter keiner der civilisirten Nationen zurückstehen. Sie wenden sich hiermit an jede Nationalität, an jede Konfession und an jeden Stand; sie wenden sich an Alle, welche Menschenwürde achten und Unrecht verabscheuen; an Alle, welche von dem erhabenen Geiste des neunzehnten Jahrhunderts erfüllt und auf die Stimme des öffentlichen Gewissens zu hören gewohnt sind. Die Unterzeichneten rufen nicht allein die Barmherzigkeit, sondern auch alle anderen edlen Gefühle an, welche durch diese tief beklagenswerthen Vorfälle verletzt sind. Jede Spende, die ihnen zukommt, wird nicht blos ein Beweis des Edelmuthes ihrer Mitbürger sein , der sich noch bei keinem würdigen Anlasse verleugnet hat; sie sei auch eine Probe ihrer Unbefangenheit und Borurtheilslosigkeit, ein Tribut, welcher der Würde des ganzen menschlichen Geschlechtes dargebracht wird. Wien, Mai 1882. Dr. Arlt. Dr. Anton Banhans. Eduard Edler von Bauernfeld. Johann Ritter v. Chlumecky. Otto Graf Chotek. Franz Graf Coronini-Cronberg. Heinrich Freiherr v. Doblhoff-Dier. Nikolaus Dumba. Dr. Cajetan Felder. Leopold Ritter v. Hasner. Anton Ritter v. Hye-Glunek. Eugen Graf Kinsky. Friedrich Freiherr v. Leitenberger. Ludwig Lobmeyr. Vincenz Miller von und zu Aichholz. Johannes Nordmann. Dr. Karl Rechbauer. Ober-Baurath Friedrich Schmidt. Alexander Fürst zu Schönburg-Hartenstein. Eduard Sueß. Bürgermeister Eduard Uhl. Hanns Graf Wilczek. Edmund Graf Zichy.l) Die Unterzeichneten haben aus ihrer Mtte ein engeres Comitb gebildet; welches bereit ist, jede, auch die kleinste Gabe zu empfangen, ihrer Bestimmung zuzuführen und seinerzeit über die Verwendung Rechenschaft zu legen. - Spenden wollen an Franz Leitenberger, Wien, Franz- Josefs-Quai Nr. 37, oder I. M. Miller u. Comp., Wien, III., Heumarkt Nr. 11, eingesendet werden. Zuschriften an das Comits wollen an Freiherrn v. Leitenberger, Wien, I., Parkring Nr. 16, gerichtet werden. l) Es wird vielleicht auffallen, daß in dem Comitv keine Notabilität israelitischer Konfession ausgenommen erscheint; zur Aus klärung können wir mittheilen, daß wohl einige Abgeordnete, .Financiers rc. israelitischer Konfession eingeladen wurden, den Appell mit ihren Unterschriften zu zeichnen, diese hielten es jedoch für taktvoller, ihren christlichen Mitbürgern in dieser Sache die Ehre der Initiative zu überlassen. Deutschland. Berlin, 3. Mai. (Privatmitth.) Der Seitens des hiesigen Comiw für Unterstützung der russischen Flüchtlinge beabsichtigte „Aufruf" ist jetzt erschienen, und wir haben seinen Wortlaut hier wiederzugeben. Unter den gegebenen Verhältnissen hat aber ein solches Dokument, abgesehen von seinem Zwecke, noch eine besondere Bedeutung durch die Unterschriften der Männer, welche sich zum Erlassen desselben vereinigt haben. Es versteht sich von selbst, daß diese Unterschriften nicht alle diejenigen umfassen, welche gern dazu bereit und durch ihre Stellung geeignet sind. Mancher ist abwesend, zu Manchem kommt zufällig die zu unterschreibende Liste nicht. Demungeachtet sind diese Unterschriften in ihrer

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