Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-16 · Heft 20 (16.5.1882) · p. Seite 320

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 20 (16.5.1882)
Date
1882-05-16
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227414--39880-3257487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

320 neu. wie bisher gegen die Jaden". Diese Weisheit liegt allerdings auf der Gasse und bedarf keiner doctrinären Auseinandersetzung. So der Schluß des Artikels; der Anfang erhebt sich gegen die, in der Presse, aber auch jüngst in einer Berliner Versammlung ausgesprochene Behauptung, „daß die sogenannten Judenhetzen in Deutschland, namentlich in Berlin, gewissermaßen eine Anregung zu den Erscheinungen in Rußland gegeben hätten oder daß es wenigstens diesen Anschein gehabt habe." Auch wir sind der Meinung, daß/man das ganze Deutschland Mit Unrecht zur Verantwortung ziehe; denn dieses hat in der That sich an der Berliner Agitation nicht betheiligt. Anders aber liegt es mit dieser letzteren, Die nur in Breslau und Leipzig lauten Anklang fand, dann aber die Exeeffe in Pommern und Preußen verursacht hat. Die „National-Zeitung" will aber auch die Berliner Hetzereien, die in der Reichshauptstadt doch in das wirkliche Leben so tief eingriffen, davon freisprechen. Sie verwickelt sich dabei in die sichtlichsten Widersprüche. Sie meint nämlich, „diese russischen Bauern hätten wirklich von Stöcker und Henrici in ihrem Leben nichts gehört und es sei ihnen unbekannt daß es ein deutsches Reich mit einer Hauptstadt Berlin giebt." Sie erweist dies dadurch, daß es in Rußland wenig Zeitungen gebe und die große Masse der Russen nicht lesen könne. Dann aber setzt sie selbst nach dem „Golos" auseinander, daß die Judenverfolgungen von Seiten des panslavistischen Theiles der oberen Gesellschaftsschichten, welcher gegenwärtig die Regierung in Händen habe, die Unruhen gegen die Juden, die Deutschen und die Universitäten angestiftet worden, um alle nicht echt russischen Elemente zu eliminiren. Hiermit erklärt die N.-Z. die russischen Bauern nur als Werkzeuge der maßgebenden Gesellschaftskreise, und da kommt es natürlich gar nicht darauf an, ob Hefe Bauern Zeitungen lesen, da sie von den Agenten jener aufgeregt, ermuntert, aufgefordkrt und durch die Vorspiegelung, daß der Czar es selbst wolle, zu den Judenverfolgungen verleitet werden, wozu sie sich dann auch bei ihrer Plünderungs- und Mordsucht leicht verleiten ließen. Die Haltung der Regierung bestärkte sie nur um so mehr. Hiermit fällt der Beweis, den die Nat.-Z. zu führen versucht hat, vollständig ins Wasser. Denn will sie etwa behaupten, daß jene panslavistischen Anstifter auch keine Zeitungen lesen, von dem deutschen Reiche und Berlin nichts wissen und Stöcker und Henrici niemals haben nennen hören? Thatsache ist es, daß die Berliner Agitation und die Excesse in Pommern und Preußen den russischen Verfolgungen vorhergegangen sind und daß die russischen Agitatoren ganz dieselben Mittel zur Anwendung gebracht Haben, welche die Berliner Agitatoren vorher mit verhältnißmäßig so großem Erfolge in Scene gesetzt hatten. Der Funke ist also allerdings Von hier aus nach Rußland übergesprungen und hat daselbst eine Flamme entzündet, drei jetzt grausig aus der russischen Nacht in den europäischen Tag hineinleuchtet. Daß die' preußische Regierung, sobald die Agitation einen gefährlichen Charaker angenommen, ihr ein Halt! zugerufen, weil-sie eben selbst nicht antisemitisch ist und Pöbelexcesse nicht duldet, die gegenwärtigen Machthaber in Rußland aber ganz andere Tendenzen verfolgen, das beseitigt den Causalnexus nicht im Geringsten. Was in deutschen Städten, durch die deutsche Presse geschah und so lange geduldet, ward, das war für die Panslavisten Anregung und Anhalt genug, die gleichen Wege, allerdings mit noch größerer Verve und grausamer Conseqüenz, zu beschreiten. — Der Leitartikel der „Nat.-Ztg." sucht alsdann nach der Ursache der russischen Judenverfolgung. Er legt dar, daß die russischen Juden in ihrer Mehrzahl Handwerker sind, daß also, wenn der Handel und der aus ihm erfließende Reichthum den Neid und die Mißgunst der anderen Bevölkerung erregen, diese nicht die Ursache jener Verfolgungen sein können. Er hätte , hinzufügen können, daß die große Mehrzahl der Juden in Rußland sehr arm ist. Er findet diese Ursache vielmehr in den zahlreichen Beschränkungen und Ausnahmegesetzen, denen die. Juden in Rußland von der Regierung unterzogen sind und die ein solches Wirrsal bildendaß die Behörden daraus den Vorwand unzähliger Bedrückungen ziehen können. Dazu komme, daß die gegenwärtige russische Regierung diese Beschränkungen fortwährend vermehre. Die russische Staatsgewalt thue ihr Mögliches, um die Juden überall als eine eigene und nicht ebenbürtige Klasse dem Volke kenntlich zu machen. Und diese Gedankenreihe des Artikels schließt mit folgendem Satze: „Dieses Bestreben, eine Scheidewand aufrecht zu erhalten, ist etwas anderes, als in anderen Ländern die Versagung des Grundbesitzes für Juden war oder ist. Die Versagung erfolgte bisweilen, um eine für den Staat wichtige Volksklasse vor einer Schwächung zw bewahren; sie erfolgte weniger aus Unduldsamkeit und Mißgunst, als aus einer gewissen Besorgniß und Furcht."- Wir müssen gestehen, daß uns dieser Satz in einem sonst geachteten deutschen Blatte zu lesen, recht betrübend war. Die Nat.-Z. verräth damit unwillkürlich, was sie bestimmte, der antisemitischen Hetze durch ihr Stillschweigen eine gewisse Connivenz zu bezeigen. Man erinnere sich, daß das Eindringen der Juden in die Presse unter den Hauptmotiven der Antisemiten glänzte. Die deutsche Zeitungspresse erwies allerdings thatsächlich, daß der Einfluß der Juden auf die deutsche Presse gleich Null zu erachten ist. Das Verhalten gegen die antisemitische Agitation erwies dies^ vollständig. Mit dem Argument der Nat .-Z. in Händen hätte, man die Indem.aus. allem Antheil an der Presse ausschließen können. Das Borschieben des „Grundbesitzes" ist doch Nichts als eine Maske^ Denn die „Nat-Z." weiß recht wohl, daß man den Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.