Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1882)
- Date
- 1882-05-09
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
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in lebhaften Worten schilderte. Kein Auge blieb trocken; Männer und Frauen, Greise und Kinder machten ihren gepreßten Herzen durch Thronen Luft. — In Folge eines Aufrufes des Mansion House Comites zeichneten sofort die ersten - jüdischen Finanzgrößen Wiens sehr beträchtliche Summen (voran Alb. Freiherr v. Rothschild 2500 Pfd. Sterl., Baron Königswarter 1000 Pfd. Sterl.), die bis auf den heutigen Tag den Betrag von 70,000 fl. ausmachen. — Wie viel geleistet werden könnte, wenn sich eifrige Anreger finden, beweist das Beispiel von Mähr. Weißkirchen, wo die Herren Jsid. Singer, Dav. Dittel und Rud. Haus Propaganda für die Wiener Allianz machten. Es traten 28 Mitglieder mit einem jährlichen Beitrage von 93 fl., und 17 Spender mit einer Summe von 24 fl. bei. 7 Wien, 26. April. (Privatmitth.) In den letzten Decennien haben sich in den Centren der Civilisation, in den großen Hauptstädten der Staaten die jüdischem Gemeinden zu einem Umfange ausgedehnt, wovon höchstens die Römerzeiten Beispiele aufzuweisen hatten, wie in Rom, Alexandrien, Antiochien u. A. Bor Allen ist es jedoch die Gemeinde Wien, welche zur größten Gemeinde der Welt geworden, wenn nicht etwa, was unsicher ist, Konstantinopel sie übertrifft. Denn die jüdische Bevölkerung von Wien zählt bereits fast 73,000 Seelen. Aus dem Schoße solcher Gemeinden ergeben sich mancherlei Kulturbilder, theils aus den neugeschaffenen Einrichtungen und Verhältnissen, theils aus den überlieferten Anstalten, die seit vielen Jahrhunderten im Schoße der Gemeinden blühten und segensreich wirkten. Bei den vielen Mißgeschicken, welche die Juden trafen, war es immer ein Trost und ein Mittel der Erhaltung, daß die Wohlthätigkeit in großem Umfange geübt wurde und die dazu bestimmten Vereine in jeder Art von Nöthen und Unglücksfällen hülfreich thätig waren. In den jüdischen Gemeinden verhungerte Niemand, wurde kein Kranker. ohne Hülfe gelassen, jeder Todte pietätvoll beerdigt, jeder Leidtragende zu trösten gesucht, die Waisen wurden erzogen, arme Bräute ausgestattet, Wöchnerinnen verpflegt u. f. w. Für den unbefangenen Geschichtsschreiber, für den Freund der Humanität und für die jüdische Kultur sind dies Lichtblicke auf dem traurigen Gemälde der Geschichte dieses Volkes. Am meisten trug dazu die in jeder. Gemeinde bestehende sogen. Ehewra Kadischa bei, eine unerläßliche Forderung in dem Bestände der kleinsten wie der größten Gemeinde. Eine solche besteht selbstverständlich auch in Wien und ihr eben ausgegebener Rechenschaftsbericht über das Triennium 1879 bis 1881 zeigt uns die Ausdehnung ihrer Thätigkeit. Sie zählt gegenwärtig 856 Mitglieder; ihr Capitalfond beträgt 90,970 fl.; ihre Einnahmen und Ausgaben übersteigen jährlich 23,000 fl. In den drei Jahren hat sie 4387 Leichen bestattet, worunter 45 Chewra-Mitglieder. Bon diesen wurden 3022 gratis beerdigt. Man kann sich hieraus die außerordentliche Thätigkeit der Chelvra vorstellen, noch dazu, da nach der Eröffnung, des Centralfriedhofes die Entfernung zur jüdischen Abtheilung . desselben eine. sehr große ist. Unsre Aufmerksamkeit wird hier auf die große Katastrophe im Ringtheater gezogen. Bon den in derselben betroffenen Opfern waren mehr als die Hälfte Juden. 81 Leichen waren als solche agnoscirt, und unter Beobachtung aller Ritualvorschriften am 11. und 12. December bestattet. Später würden vier bereits im Massengrabe auf der christlichen Abtheilung bestattete Leichen exhumirt und auf der israelitischen Abtheitung in Einzelgräbern beerdigt. Außer dieser Katastrophe versichert der Bericht, daß trotz der bedeutenden Zunahme der Bevölkerung die Sterblichkeit eine geringere, war. Die Ehewra gewährt außerdem Kranken und Reconvalescenten bedeutende Unterstützungen, gewährt Medicamente, Bandagen, Augengläser und übt andere wohlthätige Werke in mannigfaltigem Umfange. Die Zunahme der Bevölkerung, aber noch mehr ,die Steigerung der Armuth nimmt die Mittel des Vereins in steigendem Maße in Anspruch, und obschou er bis jetzt noch über kein Deficit zu klagen hat, so wird es doch für die Zukunft einer starken Vermehrung der Mittel bedürfen, um allen Anforderungen genügen zu können. Dies empfehlen wir auch unsrerseits menschenfreundlichster Beachtung. - Pest, den 25. April. (Privatmitth.) Als im April v. I. die Verfolgungen der russischen Juden und bald darauf auch überall die Sammlungen für die unglücklichen Verfolgten begannen, traten auch hier mehrere maßgebende Persönlichkeiten zu einer Conferenz zusammen und faßten jenen Beschluß, welchen Sie in Ihrer Unparteilichkeit in Nr. 25 d. Z. vor. Jahres nach Gebühr beleuchteten und verurtheilten. Herr Dr. Kayserling forderte freilich irotz .des Beschlusses der Conferenz in der Predigt am Schawuothfeste und auch später zu Sammlungen auf;' da aber der Gemeinde-Vorstand ein völliges Stillschweigen beobachtete und demzufolge auch der ungarische Prediger die Angelegenheit nie berührte, so hielt man sich an den Beschluß der Conferenz. Abgesehen von den Spenden, welche mehrere hiesige Gemeindemitglieder zu Gunsten der russischen Glaubensgenossen an die Allianzen in Wien und Paris schickten, geschah nichts. Erst in der vorigen Woche haben sich angesichts der regen Theilnahme, welche sich überall, selbst unter Christen, für. die unmenschlich Verfolgten kund giebt, auch hier die Herzen erschlossen; es galt die Ehre der Großgemeinde zu retten, und die eingeleiteten Sammlungen dürften, wenn auch ein keineswegs glänzendes, doch immerhin ein ziemlich befriedigendes Resultat erzielen. Auch in der kleinen Gemeinde Agram hat sich ein Comitä zu Sammlungen für die russischen Juden gebildet und hat sich der dortige Grundbesitzer Priester mit 1000 Gulden an die Spitze gestellt. — Aus Pest wird unter dem 26. d. ge-