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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-09 · Heft 19 (9.5.1882) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 19 (9.5.1882)
Date
1882-05-09
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
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307 ihren Processen zn perhorresciren, that ein Angeklagter jüdischer Religion dasselbe gegen einen Richter, dem eine antisemitische Neignng zugeschrieben wird. Wohin dies schließlich führen soll, ist gar nicht abzusehen, und es ist Zeit, daß durch die Entscheidung der betreffenden Gerichte derartige Motive hinweggeräumt werden. Hamburg, 27. April. (Privatmitth.) Am gestrigen Abend fand auf Einladung des hiesigen Nnterstützungs-Comitks für die russischen Juden eine zahlreiche Versammlung von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde mit ihren Damen statt. Den Hauptvortrag hielt Herr Moritz Ellinger aus New-York mit großer Beredtsamkeit. Er hob das Mißgeschick der Juden hervor, dem sie aber ruhig entgegenträten, denn einen Schatz könnte man ihnen nicht rauben, ihre Religion, welche alle wahren Lehren für die Menschheit umfasse. Brächten doch die Auswanderer diesen Schatz mit nach Amerika, ferner ihre Opferwilligkeit für ihre Familie, die große Tugend der Mäßigkeit und eine ihnen angeborene Lebendigkeit, die sie in den Stand setzt, sich schnell in die'neuen Verhältnisse zu finden und aus geknechteten Sklaven freie Männer zu werden. Es sei hier nicht von Almosen die Rede, die Gelder, welche eingingen, sollten für die Reife, für Darlehen, und hauptsächlich für Ankauf von Territorien verwandt werden. Der Beifall, den der Redner fand, war allgemein und die herumgereichten Bogen bedeckten sich bald mit Zeichnungen, unter denen sich einzelne Beiträge von 10,000 Mk. und zahlreiche von 1000 Mk. befanden. Stuttgart, 24. April. (Privatmitth.) Endlich hat sich auch Stuttgart den noch immer wenigen deutschen Städten angeschlossen, in welchen hochherzige Männer aus allen Confessionen und Ständen sich vereinigten, um zur Unterstützung der unglücklichen russischen Flüchtlinge zu wirken. Sie haben in den württembergischen Zeitungen einen beredten Aufruf erscheinen lassen, um zu Geldunterstützungen aufzufordern. Die Ueberführung der Vertriebenen nach Nordamerika und die Ansiedelung daselbst besonders durch Errichtung von Ackerbau-Colonien wird als Hauptzweck angesehen. 32 Namen vom besten Klange haben den Aufruf unterzeichnet und sind bereit, Spenden entgegen zu nehmen. Wir begegnen darunter nur wenigen Israeliten und dies scheint uns dem Aufrufe noch besondere Bedeutung zu verleihen. Unter Anderen sind der Oberconsistorialrath Dr. Burk, Oberstudienrath v. Dillmann, Oberbürgermeister Dr. v. Hack, Regierungsrath I. Jordan, Obermedicinalrath Dr. Landenberger, Stadtpfarrer Zimmermann u. s. w., selbstverständlich auch Rabbiner Dr. Wassermann, Hofrath A. Levy und Geh. Hofrath v. Kaulla unterzeichnet. So ist zu hoffen, daß der Erfolg ein recht günstiger sein, und auch andere größere Städte diesem edlen Beispiele folgen werden. ' Oesterreich-Ungarn. Wien, 24. April. (Privatmitth.) Entgegen der durch ein in einigen größeren Tagesblättern erschienenes Telegramm (aus London) jetzt im Allgemeinen herrschenden Meinung, der Batican billige das Borgehen Cardinal Manning's zu Gunsten der Juden nicht, können wir aus derselben zuverlässigen und gut unterrichteten Quelle mittheilen, daß im Gegentheile Cardinal Manning's Borgehen im vollen Einverständnisse mit der Curie geschehen sei. — Die „Neuzeit" rügte in ihrer letzten Nummer mit vollem Rechte, daß erst bis vor wenigen Tagen die vielleicht zweitgrößte Judengemeinde Europas, Pest, sich gegenüber den russischen Judenverfolgungen mit einem geradezu Staunen erregenden Jndiffercntismus benommen habe. Wir fügen hier die sicherlich Pest beschämende Meldung bei, daß wie wir aus der authentischesten Quelle erfahren, die Herren Mocatta, Ellinger und Oliphaut, obwohl sie hier in Wien waren, nicht einmal die kurze Strecke Weges »vagen wollten, um nach Pest zu reisen, „da sie diese Stadt noch nirgends, »vo es sich um die Vertretung gemeinsamer Interessen des Judenthums gehandelt hatte, angetroffen haben." Also noch Fürth, Meiningen und andere Städte Deutschlands, die kaum so viel Juden haben, »vie vielleicht eine große Gasse Pests allein zählt, werden von den Vertretern Amerikas und Englands besucht zu werden gewürdigt, und Pest, die Metropole des Judenthums Ungarns, nicht! — Der bekannte österreichische Antisemitenführer, der Reichsrathsabg. R. v. Schönerer, drohte anläßlich eines gestern im Abgeordnetenhaus sich ereignenden und durch das, wie gewöhnlich äußerst rüde Vorgehen Schönerer's hervorgerufenen Vorfalles, falls ihm nicht volle Redefreiheit werde eingeräumt werden, sein Mandat niederzulegen „und geschehe es auch zur Freude der Regierungs- und der Judenpartei". Allgemeines Gelächter folgte diesem Pronuuciamiento des famosen Abgeordneten. Wir aber wollen hier in vollem Ernste hinzufügen: Möge Herr v. Schönerer nicht nur „zur Freude der Regierungs- und Judenpartei", sondern zur Freude aller Freunde der Ordnung und des Anstandes im öffentlichen Leben, und aller Freunde des confessionellen Friedens sobald als möglich und auf., Niinmer-Wiedersehen" sein Mandat niederlegen. Schönerer paßt, nachdem er sich so weit herabgelassen hat, um den gemeinsten pöbelhaftesten Scenen zu. Gevatter zu stehen und gegen seine jüdischen Mitbürger aufhetzende Schriften zu verbreiten, nicht mehr auf' den erhabenen Sitz eines Volksvertreters, der durch einen solchen Inhaber nur entweiht wird. Schönerer wird hier in Wien und auch in der Provinz nicht mehr ganz ernst genommen. — Dr.Jellinek hielt eine alle Zuhörer tief ergreifende Rede, in der er die Greuelthaten, die die russischen Barbaren an unseren unglücklichen Glaubensgenossen verüben,

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