Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1882)
- Date
- 1882-05-09
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeder Tag bringt neue Nachrichten über die Zersetzung, die sich in Rußland vollzieht. Die aufrührerischen Bauern werfen sich jetzt bereits auf die Deutschen, die Polizisten, die Popen und die Grundbesitzer. In den Provinzen ist Alles voller Angst und Schrecken. In der russischen Presse, die bis vor Kurzem in den Schmähungen gegen die Juden so einig gewesen, hat sich jetzt eine Spaltung vollzogen, der „Golos" und die Blätter Katkow's erklären sich energisch gegen die Judenhetzey, und schreiben dem Ministerium des Innern zu, daß sie nicht rechtzeitig verhütet und unterdrückt wurden. Der andere Theil der Presse setzt seine tölpelhaften Angriffe fort. Die nach Petersburg berufene jüdische Notabeln-Delegation beschloß Verwerfung des Gedankens der Emigration, weil diese den historisch erworbenen Rechten der Judenschaft auf ihr gegenwärtiges Vaterland widerspreche; sie constatirt, daß nur Aufhebung sämmtlicher künstlichen Ausnahmegesetze den Antagonismus zwischen Juden und Christen beenden könne; beschloß der Regierung die festgestellte Unthätigkeit der Behörden mitzutheilen und die Regierung zu ersuchen, Mittel zur Entschädigung beraubter Juden auszufinden, weil die Unthätigkeit ihrer Organe der Beraubung Vorschub leistete und die Juden bereits alles Mögliche gethan haben und ihre Kräfte nunmehr erschöpft seien. In diesem officiellen Proteste gegen die Emigration kann man den Notabeln nur Recht geben. Sprechen doch russische Blätter bereits ihre Freude über die Auswanderung der Juden aus. Daß die letztere dennoch immer massenhafter vor sich geht, liegt in der Natur der Sache, und wird durch jenen Beschluß nicht berührt. Wer sein eigenes Heil in der Flucht begreift, hat bei solchen Vorgängen, wie sie über die russischen Juden hereinbrachen, das volle Recht zu fliehen. Wandern doch in diesem Monat aus Petersburg -selbst 200 Familien nach Amerika, und zwar begüterte, welche Niemandes Hülfe in Anspruch nehmen. Vom 27. April schreibt man hingegen der „Voss. Zig/' : „Bekanntlich ist der Reichsrath beauftragt, ein neues zeitgemäßes Judengesetz zu verfassen und der Präsident des' Minister-Comitös, Reutern, hat das Referat übernommen, Ueber den Hauptgesichtspunkt dieses Gesetzes verlautet Folgendes: Das Gesetz soll unterscheiden zwischen gebildeten'und ungebildeten Juden; den Ersteren soll der Aufenthalt im ganzen Reiche gestattet werden, Letztere sollen von der Zustimmung der Städte abhängig sein.. Man will dadurch angeblich bezwecken, die Juden zu veranlassen, sich vom Chassideismus zu befreien und den gebildeten Juden selbst es in die Hand geben, sich ihrer minder glücklichen Brüder anzunehmen. Fortschrittlich ist dieser Gesichtspunkt nicht und überdies sehr fraglich, wie man die Bildung bestimmen und zum Kriterium machen will in einem Reiche, in welchem die größte Masse der Einwohner ungebildet, ja vollständig roh und unwissend ist, während gerade die Juden immer einen gewissen Grad von Wissen haben. Man hofft von Reutern, daß er den Entwurf gebührend amendiren werde. Finanzminister Bunge tritt sehr warm für die Emancipation der Juden ein." Liegt hierin eine Wende? Deutschland. - Berlin, 26. April. (Privat mitth.) Am 23. und 24. d. M. tagten hier Delegirte der verschiedenen Comitös zur Unterstützung der russischen Flüchtlinge, um sich zu einem planmäßigen Vorgehen in dieser schwierigen Angelegenheit zu vereinigen. Es waren 15 Plätze vertreten, wie London (Sir Julian Goldsmid, Baronet), Paris (Charles Netter), Wien, Frankfurt a. M., Köln, Mannheim, New-Aork (M. Ellinger) u. s. w. Den Vorsitz führte der Justizrath Lesse. Die europäischen Comitös übernehmen die Auswahl, die Ausrüstung und den Transport der Emigranten, die amerikanischen den Empfang und die Ansiedelung derselben. Für die deutschen Comites bildet das Berliner den Vereinigüngspunkt. Berlin, 27. April. In den nächsten Tagen wird im Anschluß an die neulich auf dem Berliner Rathhause stattgehabte Versammlung ein Aufruf zur Hülfeleistung für die Opfer der russischen Judenverfolgungen ergehen. Inzwischen bleiben die bisherigen Samlnelstellen für Berlin die Bankhäuser Dellbrück, Leo <LCo., Platho & Wolfs, Frege L Co. in Thätigkeit. Die Sammlungen nehmen zwar ihren Fortgang, doch bleibt noch viel zu thun übrig, wenn nur der dringendsten Roth abgeholfen werden soll. Man kann nicht sagen, daß Berlin sich bis jetzt besonders hervorgethan habe, weder die reichen, noch die bemittelten Kreise. Die glänzendsten Ergebnisse sind bis jetzt wie gewöhnlich in England erzielt worden. — An der gestrigen Börse lag die auf dem Räthhause zu Gunsten der jüdischen Flüchtlinge aufgelegte Sammelliste zur Einsicht aus. Auf derselben figuriren Salomon Lachmann 6000 Mk., Julius. Bleichröder 5000 Mk., Jacob Landau 5000 Mk. Die übrigen Zeichnungen belaufen sich von 3000 Mk. abwärts. Im Ganzen waren in den beiden an der Börse ausliegenden Listen etwa 80,000 Mk. gezeichnet. — Nachdem die Antisemiten wie Glagau, Ruppel u. A. das Beispiel gegeben , die Richter, wenn sie Juden sind, in