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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-09 · Heft 19 (9.5.1882) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 19 (9.5.1882)
Date
1882-05-09
Page
Seite 305 (sequence 5)
Language
German
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305; tälern in Odessa gebracht; Tausende sind bröd- und obdachlos geworden, und leiden am Unentbehrlichsten Mangel; 4/>> bet Stadt liegen in Trümmern; über 2 Millionen Rubel an beweglichem Eigenthum sind geraubt und vernichtet. Erwiesenermaßen war man in Balta von dem Ausbruch wochenlang vorher unterrichtet, aber alle Bitten und Aufforderungen der Juden wurden von den Polizeibehörden abgewiesen; als die Excesse begannen, als zahlreiche Banden von Bauern vom Lande in die Stadt eindrangen, verhielten sich die Sicherheitsbehörden völlig ruhig und verboten sogar bei schwerer Strafe jede Bereinigung von Juden zur Vertheidigung; selbst wo Militär aufgestellt war, blieb es müßiger Zuschauer. Noch mehr, alle Telegramme und Briefe vom Schauplatze der Unthaten wurden 6 Tage lang unterdrückt und an den Minister des Innern geschickt, wodurch verhindert wurde, den Hungernden und Nackten durch Spenden Hülfe herbeizuschaffen. Dies ist das Bild von den furchtbaren Vorgängen, welches jetzt selbst russische Blätter entwerfen. Und auch jetzt noch überweist man die geringe Zahl von Schuldigen, die man verhaftet hat, dem Urtheil der Friedensrichter, während man Juden, die sich vertheidigten, vor das Krigsgericht stellt. Mit Recht können wir daher sagen, daß diese Verfolgungen ihren Höhepunkt erreicht haben, da sie zwar wiederholt, aber an Härte und Wildheit nicht mehr übertroffen werden können. Diese Thatsachen sprechen so empörend, daß jedes weitere Wort zur bloßen Phrase wird. Bedeutet nun diese Höhe auch den Wendepunkt? Der Kaiser selbst hat bis jetzt nur in sehr schwacher Weise eine Meinungsverschiedenheit von seinem Minister des Innern bewiesen, da er eine schnelle Aburtheilung der gefangenen Uebelthäter befohlen, und die Ausweisung der Juden aus Gatschina widerrufen hat. Weiter ist noch nichts von ihm geschehen. Man versichert, die Stellung Jgnatieff's sei erschüttert, aber wer weiß dies? Die russische Gesellschaft scheint sich klar zu werden, welchen Eindruck diese.Vorgänge auf die übrige Welt machen, welche Vorstellung diese von dem russischen Reiche erhalten muß, wie hier eine Zersetzung aller inneren Staatsverhältnisse, eine Rohheit des Volkes, eine Niedertracht der Behörden zum Vorschein kommt, die. unausbleiblich zum völligen Zerfall führen müssen. Aber hat diese Gesellschaft den Willen und die Macht, solchen Zustäpden thatkräftig entgegen zu treten? Die russische Valuta fällt auf den europäischen Geldmärkten immer tiefer, der Getreidehandel im Innern kommt durch' die Verarmung der Juden und deren Zurückhaltung ins Stocken, wie es sich bereits sehr fühlbar macht; die jüdischen Capitalisten bringen ihre Capitalien im Auslande in Sicherheit, die Auswanderung: wird stärker, und nimmt bereits z. B. von Warschauauch unter den begüterten Familien Platz. Allerdings hat die russische Regierung, und dies ist ihr einziges löbliches Thun, dieser Auswanderung bis jetzt keine Hindernisse bereitet. Aber; für das menschenarme Rußland wird auch diese Auswanderung empfindliche Nachtheile bringen. In einem gesellschaftlichen Organismus wie er einmal besteht, reißt man nicht ohne den nachhaltigsten Schaden ein thätiges Glied heraus, das nicht ersetzt werden kann. Jedenfalls muß man aufhören, Rußland zu den Kulturstaaten zu zählen, und kann man ihm seinen Platz nur noch neben Persien und Marokko anweisen, mit dem Unterschiede, daß in diese letzteren die Civilisation noch gar keinen Eingang gefunden, während die fast zweihundertjährigen civilisatorischen Bestrebungen in Rußland als gescheitert angesehen werden müssen. Zu verkennen ist es aber auch nicht, daß an diesen Vorgängen das übrige Europa seinen Theil der Schuld trägt. In Deutschland, hat man den Antisemitismus eine Rolle spielen lassen und in Preußen ließ man 'es soweit kommen, daß diese Agitation ihr wahres Ziel, die Ausräubung und Vertreibung der Juden, zeigen konnte, wenn ihr auch hiermit ihr Ende bereitet war. In Oesterreich und Ungarn versuchte man dasselbe scheußliche Spiel, freilich ohne Erfolg. Aber dies nicht allein. In England und nach ihm in Nordamerika wurden die heftigsten Entrüstungsrufe erhoben. Alle Parteien, alle Confessionen, alle Stände. vereinigten sich in Protest-Meetings und zu Unterstützungen für die unglücklichen. Was geschah in dem übrigen Europa? Sprachen sich , hier die Forderungen der Humanität und der Solidarität aller Völker auf dem Boden der Humanität in gleicher Weise aus? Nichts dergleichen; weder in Frankreich und in Italien, noch in den kleineren Staaten, mit einziger Ausnahme der Professoren in Utrecht. Ja, in'Deutschland bemühte man sich sogar, diese natürlichen Regungen Englands und Nordamerikas als schädlich für die Interessen der russischen Inden darzustellen— während, wenn diese Entrüstungsrufe in ganz Europa erschallt wären, die maßgebenden russischen Kreise gewiß davon tiefer betroffen worden wären. Ganz besonders fällt es auf, daß Frankreich sich so stillschweigend verhielt, und bezeugte es sich dadurch schlagend, daß es nicht mehr „an der Spitze der Civilisation marschire". Es fehlt dort eben jetzt an einem ~ Cromieux! Auf dem Berliner Congreffe vereinigten sich die europäischen Regierungen, dem kleinen Rumänien und Serbien gegenüber die Bedingungen der Gleichberechtigung und Humanität aufzustellen. Dem mächtigen Rußland gegenüber beobachten sie Stillschweigen, selbst die englische Regierung zieht sich zurück. Freilich fällt dies, nicht auf, nachdem dieselben Regierungen ihre eigenen Forderungen an Rumänien fallen ließen und die Anerkennug dieses Staates dennoch aussprachen. Aber die unparteiische Geschichte wird Europa den Vorwurf nicht ersparen, den scheußlichen Scenen in Rußland ruhig zugesehen zu haben, während sie für' derartige Vorkommnisse in Bulgarien die Türkei auf's Nachdrücklichste züchtigte.

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