Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1882)
- Date
- 1882-05-09
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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durchzumachen sind, und daß die Juden ebenso wie im Mittelalter die nächstes Opfer dieser Entwickelung sind, denen sich bald noch viele andere zugesellen werden. Hier ist ’audj nur das einzige Hilfsmittel, wie es so oft im Mittelalter gewesen, die möglichste Auswanderung. Aber es giebt auch eine Bedeutung nach innen. . Die schnelle Entwickelung zum Kulturleben, der rasche Gang, den die jüdische Masse hierzu einzuschlagen hatte, hat in ihr einerseits - eine gewisse Eilfertigkeit und Ungründlichkeit, 'andererseits eine Überschätzung der erlangten Kulturmomente in deren Werthe bewirkt; hierzu die geweckte Ehrbegierde, die Geistesrichtung der Neuzeit auf Erwerb und Genuß, auf Luxus und Zerstreuung, auf Realismus und sogar Materialismus — alles Dies hat in zahlreichen Juden höherer oder geringerer Bildung einen religiösen Jndifserentismus zur Folge gehabt, der sie dem Judenthume und ihren Glaubensbrüdern entfremdete, derdas jüdische Bewußtsein in ihnen auf Null herabdrückte und das jüdische Gefühl nur noch schwach pulsiren ließ. Die nachhaltigsten Anstrengungen sind hiergegen von der jüdischen Presse und Literatur, von-der Kanzel und Schule gemacht worden, nicht ohne Erfolg, jedoch nicht in genügendem Maße. Da griff auch hier jene höhere Hand ein, welche die Geschicke der Menschen und der großen in ihnen wirkenden Erscheinungen lenkt. Wer Jude sein will, muß sich auch als Jude wissen und fühlen. Die Kämpfe und Prüfungen, die in den letzten Jahren über uns gekommen, bewirken, was alle Mahnungen und Lehren nicht vermochten. Sie schütteln tausend Geister aus ihrer Gleichgültigkeit auf; sie erwärmen tausend Herzen für das, wofür sie kaum noch empfunden haben; sie geben ihnen zu erwägen, was sie zu schützen und ,zu vertheidigen haben; sie spornen die Jünglinge an, nachzuholen, was ihre Eltern vernachlässigt oder was sie in ihren Studien und Berufsthätigkeiten hintenangesetzt haben, die Kenntniß und das Interesse für die Lehren dieses Judenthums; es erwacht ihnen ein Gefühl der Angehörigkeit. Gerade sie, welche mit aller Kraft nach der Aneignung der kulturellen Bildung und des nationalen Geistes gestrebt und sich darin sicher fühlten, die mit vollem Herzen der patriotischen Begeisterung sich hingegeben hatten, sie sahen sich zurückgewiesen, fast ausgeschlossen um ihres Judenthums willen,, das sie niemals in jenen Bestrebungen und in jener Begeisterung beschränk hatte. So dienen jene Kämpfe und. Prüfungen, so schwer und grausam sie für den sind, der von ihren Schlägen gettoffen wird, dazu, die Juden zur Einkehr zu bewegen, die religiöse Seichtigkeit von sich abzuschütteln, für die unglücklichen Glaubensgenossen einzutreten und sich mit ihnen zusammengehörig zu fühlen — wohl wissend und laut bekennend, daß diese Zusammengehörigkeit niemals mit den Interessen der Menschheit, mit dem Patriotismus, mit dem Nationalgefühl in Widerspruch setzt, sondern alle biefe in den warmen und pflichtgetreuen Herzen vereinigt. Wer dieser unserer Auffassung 'Noch nicht beistimmt, der sehe doch auf die israelitischen Allianzen, die in Paris, Wien, London und New- Iork erstanden. Wodurch sind sie erstanden? Durch die Mißhandlungen, welche die Juden in Marokko und Tunis, in Persien und Rumänien , in Serbien und Rußland erfuhren; diesen möglichst abzuhelfen, ihre Wiederholungen zu verhüten, ihre Folgen zu lindern, und zugleich in jenen Ländern durch Volkserziehung und Schulbildung die jüdische Masse intellektuell und sittlich zu heben - dies waren die Momente, aus denen jene Vereine entstanden, die rein humanen Zwecken gewidmet sind und niemals mit den Interessen irgend einer Nation in Widerspruch stehen, vielmehr indirekt diese befördern. Unter dem Schutze Gottes werden wir auch diese Kämpfe und Prüfungen bestehen und sich auch diesmal das Wort des Propheten (Jes. 36 , 17.) erfüllen: iD id n:n „Siehe, zum Heile ward mir Bitteres, ja Bitteres!" Sie Zudenverfolgungen in Rußland auf ihrem Höhepunkte. Die Judenverfolgungen in Rußland, sowohl wie sie von dem beute- und mordgierigen Pöbel, , als von der Regierung, den Berwaltungs- und Sicherheitsbehörden vollbracht werden, haben in ihrer Barbarei und schrankenlosen Gewaltthätigkeit eine Höhe erreicht, welche an Intensität nicht mehr überstiegen werden kann. Die massenhaften Ausweisungen aus den größeren Städten, die in der härtesten Weise exeeutirt werden, die Beraubung der jüdischen Apotheker ihres wohlerworbenen Rechtes, die Entlassung aller jüdischen Eisenbahnbeamten aus ihrem Dienste, die leichte Bestrafung der Uebelthäter, der Plünderer und Mörder mit kurzer Polizeihast oder einigen Rubeln, die Unthätigkeit und Nachlässigkeit der Sicherheitsbehörden den scheußlichen Excessen gegenüber, die Verhinderung der Ab- und Gegenwehr seitens der Juden gegen die Excedenten, die Verhinderung aller Vereinigung von Juden selbst zür Unterstützung ihrer brod- und obdachlos gewordenen Glaubensgenossen, das sind die begründeten Anklagen, welche gegen die Regierung Jgnatiefs's erhoben werden müssen und jetzt selbst von seinen bisherigen Bundesgenossen, den Panslavisten, erhoben werden, den einflußreichsten russischen Publicisten Katkow, den Vater des Panslavismus, an der Spitze. Die Excesse andrerseits, die an dem christlichen Osterfeste stattfanden, hatten zwar nichts die Ausdehnung, wie im vorigen Jahre, übertrafen jedoch an Wildheit und Grausamkeit die früheren. Außer in einigen kleineren Städten wüthete der Aufstand in der 13,000 Bewohner zählenden Stadt Balta in empörendster Weise. 40 Juden verloren dabei ihr Leben, zum Theil in die Flammen ihrer Häuser geworfen, 300 Schwerverwundete sind nach den Spi-