Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1882)
- Date
- 1882-05-09
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
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belastenden Drucke frei gewesen wäre. Die Entwickelung der Kulturvölker ging aber dahin, den Aberglauben durch Aufklärung, das Duykel der Unwissenheit durch das Licht der Wissenschaft, die Brutalität und Barbarei durch ■, die Humanität und Gesittung, die Gewalt durch das Recht zu ersetzen > die gesetzliche Knechtung durch die gesetzliche Freiheit und die Kasten und Privilegien durch die Gleichheit vor dem Gesetze. Einer solchen neuen Zeit mußte lange und mühsam zugerungen werden, und in ihr allein konnte der jüdische Stamm zu freiem Leben und neuer Geistesbewegung gelangen. Mit dieser neuen Zeit kam aber auch eine neue Aufgabe. Diese besieht in der vollen Theilnahme der Juden' an dem freigewordenen Kulturleben der Völker. Die Gegensätze sollten sich abschleifen, die Ausschließungen aufhören, die gleiche . Berechtigung Alle zu einer gesellschaftlichen Einheit verbinden. Dies brachte wie von selbst, von innen wie von außen die Nöthigung für die Juden mit sich, in dieses Kulturleben einzutreten, sich dasselbe anzueignen, in ihm zu leben, zu arbeiten, zu wirken. Wie gesagt, das war eine neue Aufgabe, zu der sie sich vorzubereiten, die sie zu lösen hatten. .Denn auch in diesem Kulturleben der Menschheit 'und auf der Höhe, die es bislang erklommen hatte, mußte und zwar erst recht, das Judenthum in seiner Wesenheit erhalten, aber auch für dasselbe umgestaltet werden. ' Das Judenthum des Mittelalters konnte nicht das Judenthum der neueren Zeit bleiben. Jenes mit^seinen engen beschränkenden Normen, mit seinem Element der Gewissensbefangenheit, mit seiner Abgeschlossenheit in Geist und Sitte mußte frei werden, ohne daß die geschichtliche Continuität gebrochen, ohne daß der historische Boden verlassenohne daß der wesentliche Lehr- und Gedankeninhalt verletzt werpe. Das war nach außen und innen eine schwierige Aufgabe. Bor Allem müssen wir uns bewußt werden/ daß diese neue Zeit noch lange nicht zu ihrer, Vollendung gebracht worden, sondern wir noch mitten im Kampfe um und für dieselbe stehen. Noch ist es nur ein kleiner Theil der Menschenwelt, der überhauptin die Pforten der neuen. Kultur eingetreten- und Staaten von ungeheurem Umfange sind von ihr kaum berührt oder gestreift. In denjenigen Staaten aber, in welchen die Grundsätze der neuen Zeit bereits zu den Fundamenten der Gesellschaft gemacht worden,, gilt es noch ein langes Ringen, um die Verwirklichung in allen ihren Konsequenzen zu Stande zu bringen; erst, in wenigen haben sie ihre volle Verwirklichung gefunden und überall sonst giebt es noch Elemente, welche aus den Trümmern der. vergangenen Institutionen zu retten und wieder herzustellen suchen, was möglich. Hierzu kam aber noch ein 'Anderes. Seit Jahrzehnten ist das Nationalitätsprinzip mit großer Energie in den Völkern wieder geweckt worden. An sich edel und wirksam, indem es die nationale Eigenart an Geist und Tendenz, zur Entfaltung bringtist es jedoch, roh aufgefaßt, zu.den schädlichsten Auswüchsen geeignet. In einer Zeit, wo durch die. größten Erfindungen und durch die Anwendung der umfassendsten Kräfte die Verbindung aller Menschenvölker in nie dagewesenen Maßen hergestellt und der Austausch der materiellen und geistigen Erzeugnisse aller Welttheile immer mehr ausgedehnt worden , will das Nationalprinzip die Nationen von einander abscheiden, selbst zum gegenseitigen Haffe verbittern, uralte Raeenverhältnisse, die sich längst schon abgeschliffen, zur Geltung bringen und alle Elemente' aus den staatlichen Gesellschaften ausscheiden, die. diesen Racenverhältnissen und dieser vermeintlichen nationalen Abstammung und Eigenheit nicht angehören. Dies ist ein Gegensatz zu der ganzen oben angedeuteten Richtung der Menschheit, zu der Entwickelung, welche die letztere gewonnen, zu der Civilisation der neuen Zeit, zur Verfassung der Staaten auf den. Grundsätzen des Rechts und der Humanität. Mögen daher in gewissen Jahrzehnten unseres Säculums, (ja schon des vorigen) vorgeschrittene Geister von der bereits gewonnenen Machtfülle der neuen Grundsätze des Rechts, der Freiheit und der Gleichheit geträumt haben: auch sie werden längst aus diesem schönem Wahne aufgerüttelt sein, und die Ereignisse der Gegenwart drängen die Ueberzeugung auf, daß in der Thät die schwersten Kämpfe noch bevorstehen, die hauptsächlichsten Errungenschaften noch in Sicherheit zu bringen seien. , Dies im Allgemeinen. Was nun die Ereignisse betrifft, die. über Judenthum und Juden in jüngster Zeit hereingebrochen: so erkennen wir ihre Bedeutung zuerst nach außen, daß selbst in Deutschland, wo der Antifemiüsmus eine längere' Zeit und ausgedehnt spielte, wie in Oesterreich-Ungarn, wo er nach einigen Versuchen in dieMüche ging, die Intoleranz und das alte verjährte Unrecht nichts mehr gegen die Prinzipien des Rechts und der Gleichberechtigung und gegen die aus diesen geflossenen Gesetze vermögen. Daß die letzteren hierdurch nur an Kraft und Festigkeit gewonnen haben, ist klar. Wagte sich doch selbst diejenige Parteiin deren Geist und zu deren Vortheil der Antisemitismus sich ausspielte, nicht offen mit ihm aufzutreten und für ihn einzustehen. So mögen wir Juden, die wir immer den Prüfstein auf diesem Gebiete bildeten, über die trübselige Stimmung, in die uns der deutsche Antisemitismus gebracht, uns .mit diesem Erfolge, mit dieser Thatsache trösten. —- Um wie viel schrecklicher aber ist das Schicksal. unsrer armen Glaubensgenossen in Rußland! Hier erstanden asiatische und mittelalterliche Barbareien, um gegen alle Menschlichkeit, gegen alles Interesse des Staates und gegen dessen Stellung in der civilisirten Welt über wehrlose Haufen. herzufallen .und Ae an Leben und Eigenthum zu schädigen! Was das bedeutet? .Nichts Anderes, als daß dort noch die rohesten Mächte herrschen,' daß dort noch alle Prozesse der gesellschaftlichen Entwickelung ' ' ' “ ' 19*