Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-09 · Heft 19 (9.5.1882) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 19 (9.5.1882)
Date
1882-05-09
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227413--39861-3257467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

\ und Staates und um die.Einpflanzungen der monotheistischen Gotteslehre, Moral und Gesellschaftlichkeit handelte, ist ebenso geschichtlich sicher, wie auch, daß diese Gotteslehre viele Jahrhunderte hindurch einen schweren Kampf mitihrem Gegensätze, dem Heidenthume, in dieser Nation selbst zu bestehen hatte.. Allerdings wollten moderne Kritiker dieses HeideNthum als die eigentliche traditionelle Religion der Hebräer betrachtet wissen,' gegen welche die Gotteslehre und ihr Gesetz erst später entstanden und sich entwickelt, habe. Wer unbefangen die Eigentümlichkeiten und Symptome des Heidenthums prüft, welches, immer wieder in Israel sich zeitweise Geltung verschaffte, der erkenntinihnen nurZüge des aus- Wärtigen, bei den benachbarten Nationen einheimischen.Heiden-. Lhums, das von Außen in den Hebräismus eindrang, dem sich ein Theil des Volkes, Fürsten und Priester voran, aus der natürlichen Menschenanlage, aus der Sucht, sich den andern Völkern gleichzustellen und weil sie sich durch die Strenge des Monotheismus und seines Gesetzes eingeschränkt und in ihrem Herrschergelüste umgrenzt fühlten, ergab. Immer aber trafen diese auf den andern, größeren oder geringeren Theil des Volkes, der um die Propheten sich schaarte und dem eingedrungenen Heidenthume Widerstand leistete. Dieser Kampf mußte zu Ende geführt, der Gotteslehre der unbedingte Sieg in Israel verschafft werden. Und dies geschah abermals durch eine siebzigjährige . Verbannung und Knechtschaft. So wenig wir auch geschichtlich Sicheres aus der babylonischen Gefangenschaft wissen, so viel ist unzweifelhaft , daß von einigen Theilen der' jüdischen Masse energischer Widerstand gegen das babylonische Heidenthum geleistet wurde, und daß diese sich in völliger Hingabe an die Gotteslehre -um die Propheten und Führer sammelten, .als ihnen die Rückkehr nach Palästina gestattet wurde. Mag auch der Verlustan der Zahl von Anhängern groß genug gewesen sein, wie schon an den nach Assyrien verpflanzten Stämmen: diejenigen, welche in das verödete Palästina heimkehrten, waren unbedingt von den monotheistischen Ideen durchdrungen und beherrscht, und andere gleichgesinnte Haufen folgten nach, als die, neue Besiedelung gelungen war. Das jüdische Volk war seitdem unveränderlich der Gotteslehre ergeben — abermals ein großes Resultat, errungen durch Bedrängniß und Kampf. Wie die Pharaonische Knechtung die Vorväter aus Egypten in die Wüste und zur Eroberung Kanaans getrieben, so führten die monotheistischen Ideen die Reste Judas aus der babylonischen Knechtschaft in das verwüstete Heimathsland zurück. Nun aber kam eine andere, ungleich schwierigere Mission des jüdischen Stammes: das Hinübertreten in -die Mitte der ganzen Menschheit, durch die Aussendung der monotheistischen Ideen vermittelst zweier Iöchterreligionen und der Zerstreuung der Juden über alle Theile der Erde. Während jene beiden sich durch den Anschluß an die Gedankenwelt und die Zustände der heidnischen Völker und durch die Verschmelzung .mit^ diesen sich'geeignet machten, den Grundwahrheiten der Gotteslehre inXdie übrige Völkerwelt Eingang zu schaffen/ so weit die letzterere zu fassen und in der Weiterentwickelung fortzugestalten' .vermochte: sollte das Judenthum fortbestehen, um inmitten der Nationen die volle Gotteslehre zu bewahren, für die Zukunft der Menschheit zu hüten, und sie zu aller Zeit zu bezeugen. Hierzu waren in providentieller Weise mehrere Jahrhunderte hindurch die Vorbereitungen. getroffen. Die durch große Eroberer und durch die schwierigen Umstände erzwungene Auswanderung nach den meisten Gegenden der damaligen Welt und die Ansiedelung in den verschiedensten Gegenden , durch das Entstehen der Synagoge neben-dem Tempel, des geistessrischen Gebetkultus neben dem abgestorbenen Opferkultus, durch das Geistesleben in den Lehrhüusern, die überall hin verpflanzt werden konnten und endlich durch die in diesen Zehrhäusern durchgeführte traditionelle Bearbeitung des Gesetzes und die Lebensnormen, welche diese äufflellte, war der Fortbestand des Judenthums außerhalb Palästinas und ohne nationale Existenz vorbereitet und gesichert. 'Auch hier war es ein schweres Volksmißgeschick, das den Ausschlag gab, die Niederlage und Zerstreuung durch die Römer im Freiheitskriege und in den späteren blutigen Aufständen.- Aber auch um diesen Fortbestand galt es einen schweren Kampf, der fastanderthalb Jahrtausende andauerte. An den meisten Orten Anfangs zu freier Niederlassung und bürgerlichem Leben zugelassen, in der Zeit der heidnischen Römerwie in der ersten Periode des Mittelalters, stellten sich den Juden das Christenthum und der Islam, sobald diese ihre volle Energie erlangt hatten, als Gegensatz und Widersacher entgegen, und wendeten alle Mittel der Beschränkung, der Schmach und endlich der Verfolgung an, um sie zu vernichten. Zum großen Theile hatte das Judenthum außer der Glaubenstreue seiner Bekenner nur der Spaltung der christlichen und islamitischen Völker seine Rettung zu verdanken, da das eine Land sie aufnahm, wenn die Juden in einem anderen verfolgt und vertrieben wurden. Aber auch diese lange Leidensperiode sollte doch nur wieder der Durchgang zu einer neuen Zeit und neuen Aufgabe sein. Wenn sie allzu lang erscheint, so muß man bedenken, daß zu dieser Zeit der jüdische Stamm nicht selbstständig, sondern an die übrigen Völker gebunden war und da diese eine lange Periode der- Entwickelung auf allen Lebensgebieten mit allen. daraus folgenden Bewegungen, Kämpfen und Erschütterungen durchzumachen hatten, jener, der jüdische Stamm, seinen vollen Antheil daran haben mußte. Uebrigens der tausendjährige Kämpfer um die Gotteslehre war wiederum nur ein tausendjähriger Kämpfer um die Erhaltung dieser Gotteslehre, da er, sobald er sich derselben abgewandt hätte - von allem ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.