Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1882)
- Date
- 1882-05-02
- Page
- Seite 297 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Millionen Rubel übersteigen soll. Man erzählt sich, daß.das Wiederauftauchen der Nihilisten, z. B. der Mord in Odessa, die Minen in Moskau, und die sich immer wiederholenden Excesse gegen die Juden den Kaiser äußerst mißgestimmt haben, so daß Jgnatiew's Stellung erschüttert sei. Hierzu rechnet man auf die Anwesenheit des Grafen Orlow, des russischen Gesandten in Paris, ein entschiedener Gegner der Intoleranz, der schon 1859 Alexander II. eine Denkschrift überreichte über die religiösen Sekten, worin er Toleranz auch für die Juden forderte. Diese Denkschrift wird nächster Tage-in Paris erscheinen, was jedenfalls von Bedeutung ist. Alle Russen, die sich noch ein unbefangenes Urtheil bewahrt haben, müssen einsehen, daß diese Gewaltmaßregeln gegen die Juden und die Pöbelexceffe Rußland vor den Augen der ganzen civilisirten Welt in höchstem Grade compromittiren. Der russische Staat erscheint dadurch wie andererseits durch den Nihilismus im Zustande der Zersetzung von oben wie von unten. Aber es ist ein Staat, der fast 100 Millionen Menschen umfaßt, und jeder Menschenfreund, jeder Anhänger der Civilisation, muß über solche Zustände den tiefsten Schmerz empfinden. Der offizielle „Regierungsanzeiger" bringt Meldungen über weitere Excesse in Dubossary, wo ein Jude tödtlich verwundet wurde, in Letitschevo, wo 40 Personen verhaftet wurden, in Prossomikow, Karpowitsch, wo der Schaden auf 4000 Rubel angegeben wird. Die Meldung schließt mit den Worten: „Die Untersuchungen werden thatkräftig betrieben. Um weiteren Ausschreitungen vorzubeugen, sind die erforderlichen Maßregeln getroffen." Leiber haben sich diese „getroffenen Maßregeln" bis jetzt nicht genügend erwiesen. Es laufen vielmehr in Petersburg, wie der „Voss. Ztg. telegraphirt wird, „wahrhaft Entsetzen erregende Nachrichten um." .Da jedoch die Redaktion selbst hinzufügt, daß, weil jene Nachrichten nur mündlich cursiren, die Bestätigung abzuwarten sei, wollen wir sie hier noch nicht wiedergeben. Denn weder Banquiers noch Redaktionen erhielten seit sechs Tagen Briefe oder Depeschen aus den so schwer heimgesuchten Gegenden. Wie es heißt, werden die Telegramme gar nicht registrirt, sondern den Minister des Inneren zugesandt. Die plündernden Bauern sollen sich darauf berufen, daß noch kein Manifest des Kaisers erschienen sei, welches das Plündern und Mißhandeln der Juden verbiete. Die Hauptsache ist, daß die früheren Verbrecher bei diesen Excessen,' wenn sie überhaupt zur Strafe gezogen wurden, mit den gelindesten Strafen von einigen Tagen Polizeihaft belegt wurden. Dies giebt dem Pöbel die sichere Voraussetzung der Straflosigkeit. Und dieser Zustand währt nun bereits fast ein Jahr! Petersburg, 22. April. .Wie der „Golos" meldet, hat der Kaiser auf eine bezügliche Vorlage des Justizministers vom 19. d. befohlen, alle Verhandlungen über Ausschreitungen, welche mit Mißhandlungen von jüdischen Einwohnern verknüpft sind, sowohl bei den Friedensgerichten als auch bei den allgemeinen Gerichtshöfen als außer der Reihe stehende und dringliche zu behandeln. Wir begrüßen diesen Ukas als ein neues Anzeichen, daß der Stern Jgnattews, der bekanntlich Antisemit, im Sinken begriffen ist. Moskau, im April. Der Theaterzeitung „Souffleur" geht folgende Nachricht zu: „Dem Entrepreneur des Gartens „Eremitage" in Moskau ging in diesen Tagen die Vorschrift zu, alle Künstler mosaischer Confession aus seiner Trupps sofort zu entlassen und die mit denselben geschlossenen Contracte aufzuheben. Diese Vorschrift erstreckt sich nicht nur auf Choristen, sondern auch auf einige Künstler, die den Cursus im Moskauer Conservatorium beendigt haben und diesbezügliche Diplome besitzen. Herr Lentowskij begab sich zum General-Gouverneur und petitionirte um Aufhebung dieser Vorschrift, wobei er erklärte, er sei bereit, in jeder Beziehung für seine Künstler mosaischer Confession zu bürgen." „Die Contracte aufzuheben!" Gewiß, eine volle Gesetzlichkeit! Man kann sich hierbei mit Recht fragen: was für ein Unterschied ist zwischen den Pöbelexcessen und solchen Maßregeln? Werden hier nicht ebenfalls Personen ihres Eigenthums und Erwerbes plötzlich beraubt und ins Elend hinausgejagt? Warschau, 18. April. Meldung der „Pol. Korr.": Den jüdischen Apothekern in Petersburg und Moskau ist es nicht gelungen, den Widerruf der Verordnung betreffend den zwangsweisen Verkauf ihrer Geschäfte durchzusetzen. Der Verkauf hat bereits begonnen, selbstverständlich mit großem Verluste für die Betroffenen. (Es ist also unwahr, was einige deutsche Blätter zu sagen beliebten, daß diese Apotheker sich hätten evangelisch (!) taufen lassen.) — Endlich ist die bekannte Affäre Kantorowicz zum Abschluß gekommen. In der ersten Instanz war er zu einem Monat Gefängniß, in der zweiten dagegen nur zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurtheilt worden. Hiergegen erhoben die Gegner und für diese der Oberstaatsanwalt noch einmal Recurs, aber das Kammergericht verwarf die Berufung. Jenilleton. Di'. Mar Lilienthal.! «»falls. Mit ihm ist abermals ein. Manu. aus der-Reihe ' derer heimgegangen, welche unermüdlich und voll treuester Am 5. April verschied zu Cincinnati (Ohio) Dr. Max iHingebung die Entwickelung und Kräftigung des neueren Lilienthal im 67. Lebensjahre, an den Folgen eines Schlagj Judenthuins bewerkstelligt und gefördert haben, Männer,