Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1882)
- Date
- 1882-05-02
- Page
- Seite 296 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Depesche, w orin er aufgefordert wird, vorläufig bis zum Eintreffen genauer- Anweisungen die Weiterbeförderung der.. jüdischen Flüchtlinge einzustellen. Man bringtdiesen Befehl mit der Nachricht von der angeblichen Ersetzung Jgnatiew's durch einen liberalen Staatsmann in Zusammenhang. Der zweite Transport jüdischer Auswanderer, der morgen in Lemberg eintreffen sollte, wird in Folge dessen in Brody zurückgehalten. . 1? Lemberg, 19. April. Wie von verläßlicher Seite mitgetheilt wird,- hat sich die russische Regierung plötzlich entschlossen, der Auswanderung der jüdischen Einwohner Schwierigkeiten zu bereiten, angeblich, weil sich viele Juden durch die Flucht der Militärpflicht entziehen. Die Grenzbehörden haben demgemäß bestimmte Weisungen erhalten. Mr. Oli- Phant hat heute nach vielen vergeblichen Unterhandlungen endlich -unumschränkte Vollmacht zur Organisirung der Hilfsaltion für die russischen Flüchtlinge erhalten. Er begiebt sich morgen nach Brody, um Anordnungen für die Beförderung der weiteren Emigranten-Transporte zu treffen. Am Sonntag wird hier der zweite Zug mit zweihundert russischen Juden erwartet, dem dritten Zuge sollen sich ungefähr 130 relegirte jüdische Studenten aus Kiew und Moskau anfchließen. Päßtö, im April. (Privatmitth.) In der Affaire des Judenkrawalls, welcher im September v. I. hier vorfiel, wurde in diesen Tagen das Urtheil publicirt. Durch die Aussagen der im Laufe der Untersuchung und Verhandlung vernommenen Zeugen wurde nachgewiesen, daß mehrere Israeliten ihre Kinder theils durch Geld, theils durch Zurufe und Gelächter dazu ermuthigten, höhnische Worte gegen den Di-. Plathy zu rufen und diesen zu reizen und daß Dr. Plathy, der den Tumult hervorrief, mehrere Tage in berauschtem Zustande mit Zigeunern sich in der Stadt Herumtrieb. Demzufolge wurden 9 Püßtoer Israeliten zu 100 fl. Geldstrafe, 8 Tage Kerker bei Verpflegung auf eigene Kosten und zum solidarischen Ersatz von 15 fl. Zeugen-Aussagen, 4 andere Pastöer Israeliten zu 10 fl. Geldstrafe und 1 tägiger Kerkerstrafe, Dr. Plathy zu 75 fl. und seine beiden christlichen Complicen zu je 5 .fl. Geldstrafe und in die Gerichtskosten verurtheilt. Sowohl die israelitische Gemeinde Päßto wie die Angeklagten appellirten gegen dieses Urtheil. Spalato, im April. (Privatmitth.) In dieser kleinen Stadt Dalmatiens befindet sich eine blos aus achtzehn Familien bestehende israelitische Gemeinde, welche durch ihre Opferwilligkeit die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat und die Anerkennung verdient, welche ihr dafür gezollt wird. In Folge des Aufstandes in der Herzegowina liegen dieses Jahr hier viele Soldaten in Garnison. Die kleine Gemeinde sorgte dafür, daß die hier garnisonirenden Soldaten jüdischer' Confession die Pessachtage den rituellen Geboten gemäß verbringen konnten. Sie miethete d-irect ein Lokal, ließ es dekoriren und dort wurden den jüdischen Soldaten täglich zweimal frische Fleischspeisen — das Fleisch mußte aus Triest' beschafft werden — verabreicht, außerdem erhielten sie Wein in Ueberfluß. Die vortrefflichen Menschen gaben in liebenswürdigster Weise Acht, daß Niemand den geringsten Mangel leide und zauberten den fern von ihrer Familie dem Dienste des Vaterlandes lebenden Soldaten die Traulichkeit der Heimath herbei. ,, ' . Rußland. Petersburg, 16. April. - Die Nachrichten sowohl von hier als aus dem Süden lauten düster genug. Harte Maßregeln, die vom Ministerium, des Innern verfügt werden und Excesse in Südrußland steigern sich von Tag zu Tag. . Wie die „ Särja" berichtet, ist das Gesuch der Direktion der Süd-West-Bahnen um Zurücknahme der Verordnung, wonach jüdische Eisenbahn-Beamte, welche kein spezielles Wohnrecht in Kiew haben, von dort entfernt werden sollen, abschlägig beschieden. Am 27. April müssen sie von Kiew weggezogen sein. — Wie ein Telegramm des „Golos" aus Cherson von 17. d. meldet, sind in den Ortschaften Beresnegowatoje und Wissunsk im Kreise Cherson am 1Ö, und 11. d. M. Ausschreitungen gegen die jüdischen Einwohner vorgekommen, doch beschränkten sich dieselben auf das Einwerfen der Ienster. Plünderungen haben nicht stattgefundeu, auf Grund aus dem ersteren Orte weiter eingetroffener Nachrichten sind aber Maßregeln zur Entsendung von Truppen getroffen worden. Auch in Dubassu sind am 12. d. M. Ruhestörungen vorgekommeu, so daß Truppen dorthin entsandt wurden; ein dortiger jüdischer Bewohner ist an den erlittenen Mißhandlungen gestorben. In Nowaja Praga erhob sich gestern gleichfalls ein Tumult, indem eine zahlreiche Volksmenge damit begann, Schenken, Buden und Häuser, welche den Juden gehörten, zu demoliren. Zur Wiederherstellung der Ruhe wurden Truppen aus Elisabetgrad beordert. Düster sind - auch die Nachrichten aus Brody, wo jedesmal die flüchtigen Juden Rettung suchen, wenn in- Südrußland der Antisemitismus wüthet. Dieser Tage sind wieder Flüchtlinge eingetroffen, und Haben noch zahlreiche Leidensgefährten, besonders aus Pultawä, angemeldet, wo gleich nach den Osterfeiertagen der Tumult zum Ausbruch gekommen. Abhülfe" in diesem schrecklichen Nothstande kann nur der Sturz des Grafen Jgnatiew bereiten. Man erfährt aus Petersburg, daß die dortige Gesellschaft selbst in ihrem national gesinnten Theile üher Jgnatiew's Fahrlässigkeit bezüglich der Vorkehrungen gegen die Judenkrawalle empört Ist. Ist. es doch auch sein Freund, der General Drentelen — man erinnere sich der Vergangenheit dieses Mannesder in Balta den Unruhen eine Woche lang zusah, so daß der angerichtete Schaden