Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-02 · Heft 18 (2.5.1882) · p. Seite 295

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 18 (2.5.1882)
Date
1882-05-02
Page
Seite 295 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227412--39853-3257458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

angesehen werden. Die vom Lemberger „Israelit" veröffentlichten offiziellen Proteste der Gemeinden durch ihre Vorstände, und Repräsentanten beziffern sich bereits auf 58 und ein Leitartikel des gebüchten Blattes kann sich folgendermaßen aussprechen: „Als der von M Schreiber vorgelegte Statutenentwurf verbreitet und bekannt würde, ließ sich ein Schrei der Entrüstung in allen Gemeinden Galiziens vernehmen, und sämmtliche Gemeinden, ohne Unterschied, ob an deren Spitze eine orthodoxe oder eine fortschrittlich gesinnte Repräsentanz steht, Haben ihm ein donnerndes „Nein" zugerufen. Sie Haben ihm sammtlich in deutlichen und über jeden Zweifel erhabenen Worten zugerufen, daß der Statutenentwurf ihm die Maske, in welcher er sich ihnen bis jetzt gezeigt, hinabgerissen hat, daß er , entlarvt worden, daß sie jetzt wissen, mit wem sie zu thun haben und was er anstrebt, daß sie jetzt überzeugt sind, daß alle seine bisherigen schönen und salbungsvollen Worte nur darauf hinauslaufen, die jüd. Gemeinden zu unterdrücken, sie zu Gunsten der Rabbiner auszubeuten und so zu vernichten." — Es versteht sich, daß wenn selbst das Wiener Ministerium Lust hätte, doch wir bezweifeln dies durchaus, ein solches Statut zu befürworten, würde es dennoch bei solchem einstimmigen Widerspruche gesetzliche Kraft nicht erlangen können. Die jüdischen Gemeinden in der Zerstreuung haben von ihrem Entstehen an niemals eine hierarchische Gewalt in ihrem Schooße geduldet. Sie gewährten den Rabbinen gern den intellektuellen und moralischen Einfluß, der ihnen durch ihr Wissen, ihre Frömmigkeit und ihre Persönlichkeit zustand, besonders da dieser Einfluß durch die Zustimmung vieler sachkundiger Männer in der Gemeinde, die anderen -Lebensberufen angehörten, getragen und unterstützt wurde. Aber einen praktischen Einfluß, eine Herrschaft innerhalb der Gemeindeangelegenheiten gewährten sie den Rabbinen niemals, und bewahrten ihre Selbstständigkeit, mit einer nicht selten zu weit gehenden Eifersucht. Es kam hinzu, daß es nach den Grundsätzen des Judenthums den Rabbinen selbst an jeder hierarchischen Organisation fehlte, an jeder Gliederung und Subordinirung. Jeder Rabbiner war selbstständig, sobald er sich vom schriftlichen Gesetze und dessen folgerichtiger Interpretation nicht entfernte. Selbst den höchsten rabbinischen Autoritäten stand eben nur ihre Gelehrsamkeit und strenge Orthodoxie zur Seite. Man kann daher mit Recht behaupten, daß diese Selbstständigkeit der Gemeinden, die sich nur vor dem unzweifelhaften Gesetze beugte, der wesentlichste Grund für ihre Erhaltung gewesen, da sie einerseits das lebendigste Interesse an der Gemeinde einflößte, andererseits der Willkür des einzelnen Rabbinen entzogen war. Noch mehr machte sich dies geltend, als die von den Rabbinen des 17. und 18. Jahrhunderts perhorrescirte Bildung sich ausbreitete und den Gemeinden und den Einzelnen das Bedürfniß nach freierer Bewegung einflößte. Hätten zu dieser Zeit die Rabbiner eine hierarchische Gewalt besessen, so würde Zerfall und Abfall ganz unausbleiblich gewesen sein. Den Beweis hierfür liefert das Bestreben der neueren hyperorthodoxen Rabbinen zur Genüge. Dies läuft 'offenkundig darauf hinaus, eine Trennung der orthodoxen und der reformatorischen Glieder der Gemeinden in zwei Lager zu bewirken , um sich die Herrschaft über wenigstens einen Theil zu sichern. Die Gemeinden in echt sittlichem und religiösem Gefühle widerstreben diesem Gelüste der Spaltung mit aller Kraft, da sie wohl fühlen, daß dies ihr zukünftiger Untergang wäre. Auch Schreiber und sein Anhang streben nach dieser faktischen Trennung; aber ihr unjüdisches und unreligiöses Streben scheitert an dem gesunden Sinne der Gemeinden, und verlieren sie auf diese Weise den Rest auch des intellektuellen und moralischen Einflusses. Lemberg, 14. April. Dr. Asher und Baron Montague treffen morgen aus London hier ein, um im Vereine mit dem Delegirten des englischen Comitss, Mr. Oliphant, die Hilfs-Aktion für die nach Amerika auswanderndeu russischen Juden systematisch zu organisiren. Das englische Hilfscomitö hat zu diesem Behufe seinen Repräsentanten vorläufig fünfundzwanzigtausend Pfund Sterling angewiesen. Eine Deputation der hiesigen Judengemeinde erschien heute bei Mr. Oliphant , um ihm für seine Bemühungen den Dank der Judenschaft auszudrücken. Lemberg , 16. April. Der erste Transport jüdischer Flüchtlinge aus Rußland, bestehend aus 160 Männern und Weibern und 40 Kindern, ist heute Morgen aus der Durchreise nach Amerika hier eingetroffen. Ein Damen-Co mite, das sich zu diesem Zwecke eigens gebildet hatte, bewirthete die Ankömmlinge am Bahnhofe. Sämmtliche Auswanderer erhielten seitens des englischen Hilfscomites ein Handgeld von drei Gulden ausbezahlt. Mr. Oliphant überwachte persönlich die Durchführung der vom Exekutiv-Eomite getroffenen Anordnungen, die geradezu musterhaft zu nennen sind. Ein eigener Reisemarschall begleitet den Zug bis Hamburg, wo die Flüchtlinge der Führung eines, andern Delegirten des Londoner Comitös übergeben werden. Morgen wird hier der zweite Transport von zweihundert Emigranten aus Brody erwartet. . Lemberg, 17. April. Die Transporte russischer Juden, Welche nach Amerika auswandern, dauern fort. Die in der Lemberger Station anhaltenden Emigrantenzüge bieten einen Anblick trostlosen Elends. Die englischen Delegirten vertheilen Geld und Nahrungsmittel. — Privatnachrichten aus Bolhynien und Podolien schildern die Lage der Juden düsterer, als im Vorjahre. Aufwiegler überreden das Volk, daß der Czar der Verfolgung und Austreibung der Juden zustimme. Lemberg, 18. April. Der Delegirte Mr. Oliphant erhielt vom Londoner Hilfscomito für die russischen Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.