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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-05-02 · Heft 18 (2.5.1882) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 18 (2.5.1882)
Date
1882-05-02
Page
Seite 293 (sequence 9)
Language
German
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Deutschland. „ '. Frankfurt a. Main, 17. April. (Privatmitth.) Wir haben schon wiederholt auf das wohlthätige Institut, das israelitische „Mädchenstift", aufmerksam gemacht, in welchem junge Mädchen, die sich zu ihrer Ausbildung für einen Lebensberuf oder nachdem sie bereits eine Beschäftigung gefunden, Wohnung und Kost erhalten. - Soweit wir wissen, besteht ein .solches bis jetzt nur erst in Paris und hier, während es doch dringend 'wünschenswerth wäre, daß gleiche Anstalten in Städte wie Berlin, Wien, Pest, Hamburg u. s. w. gegründet würden. Solche Anstalten dienen dazu, jungen Mädchen die Gelegenheit zu bieten, sich für einen Lebensberuf auszubilden oder in diesem thätig zu sein und zugleich sie vor jeder Versuchung und jedem Angriff zu sichern. Wir legen es daher menschenfreundlichen Glaubensgenossen recht dringend ans Herz, nach der'Verwirklichung dieser Idee in allen größeren Städten zu streben. Das hiesige israelitische Mädchenstift hat soeben seinen fünften Jahresbericht ausgegeben. Er zeugt von bestem Bestände und genügender Wirksamkeit und nur das Eine ist bedauerlich, daß, nachdem 24 junge Mädchen Aufnahme gefunden, eine größere Zahl von Gesuchen nin Aufnahme wegen Mangels an Raum abgewiesen werden mußte. Sechs Zöglinge wurden sim Jahre 1881 - entlassen und dafür sechs andere ausgenommen. Die Nachweise über die Laufbahn derer, welche in den fünf Jahren des Bestandes aus dem Stifte entlassen worden, lauten höchst günstig. Mögen die Zuwendungen in Spenden und Beiträgen so wachsen, daß an die. Erweiterung der Anstalt gedacht werden könne. In derselben herrscht Pünktlichkeit und Sorgfalt in der Verpflegung, und selbst für angemessene, bildende Beschäftigung und Unterhaltung in den Mußestunden ist gesorgt. ' Berlin,, 20. April. Man wird sich erinnern, daß schon Ende vorigen Jahres hier ein Comitö zusammentrat, welches einen Aufruf zu Gunsten der russischen. Juden erließ und damals ca. 50,000 Mark sammelte. Man hatte seitdem von diesem Comitö nichts wieder gehört, was jedoch an dessen Thätigkeit nicht zweifeln läßt. Am 19.. d. fand nun eine nicht öffentliche Versammlung in Sachen der Juden in Rußland im Bürgersaale des Rathhauses statt, zu der sich angesehene Männer aus allen Kreisen zahlreich eingefunden hatten: die Stadträthe Dr. Bertram, Eger, Romstädt und Friedel, Geh. Commerzienrath Ebeling und viele andere hervorragende Männer. Herr Justizrath Lesse eröffnete die Versammlung mit einem Hinweis auf die Niedersetzung eines Comitös im vorigen: Jahre. Nach Wahl eines Büreaus: vr. v. Forckenbeck, vr. v. Bunsen und vr. Lasker, berichtete Sanitätsrath Dr. Neumann über die bisher gethanen Schritte. Vor Allem galt es, den flüchtigen Verfolgten zu helfen. Ein .Delegirter der ^.Ulaneo israelite fand schon in Brody Hunderte von Flüchtigen vor , die Rettung und Beistand verlangten. Es wurde nach Kräften Hilfe geleistet, doch strömten beständig neue Schaaren zu, so daß sich hier höchst traurige Zustände entwickelten. In ein erneutes Stadium trat das Hilfswerk, als durch die englische Presse Nachrichten über den. wahren Charakter der Verfolgung in die Oeffentlichkeit gelangten, die zu dem großen Meeting unter Borsitz des Lordmayors in London führten. Daran schlossen sich Sammlungen, deren Ertrag man bis jetzt auf 2 Millionen Mark schätzen darf. Und in der ganzen Welt hat dieses Vorgehen Nachfolge gefunden. Daß Berlin noch nicht auf's Neue in Aktion getreten ist, liegt daran, daß man das fast Unglaubliche nochmals erst bestätigt haben wollte (!!) Diese Bestätigung .ist jetzt leider, allerdings unter vollständiger Spccialisirung eingegangen. Wir sind nun verpflichtet, zu thuu, was wir können, auch wenn wir die Unmöglichkeit erkennen sollten, den 3^/2 MiÜionen Juden in Rußland insgesammt zu helfen. In der Diskussion nahm zunächst Dr. v. Bunsen das Wort, indem er die Meisterschaft des Comitös rühmte, die sich gerade in der Beschränkung zeige. Einen Protest, wie in England, konnten wir als Nation nicht mit freier Stirn erlassen, denn wir selbst haben uns des Jahres 1881 ewig zu schämen. Mögen die Russen schlimmer sein, den Anstoß haben wir gegeben. (Lebhafte Zustimmung.) Auch gewinne es den Anschein, als ob sich die Verfolgung durch die Proteste in London und New-Aork verschärft habe, indem man. ihr jetzt sogar amtlich Vorschub leistet.') Auch deshalb verdiene das hiesige Comitö für seine weise Beschränkung Dank. —"Der nächste Redner, vr. Lasker, wies darauf hin, daß der Fanatismus offieiös geschürt worden sei. Denn an und für sich sei gerade die Bevölkerung in den Regionen der Haupt-Exeesse. sehr gutmüthig1 2) und durchaus nicht von Judenhaß erfüllt. Die Juden sind nur die Vorstuft zu weiteren Verfolgungen, und das edle Prinzip der Nationalität wird in eine Fratze verwandelt. Leider sei 1) Wir müssen uns e n t s ch i e d e n gegen diese Behauptung des geehrten Redners erklären! „Der amtliche Vorschub" ist bereits im vorigen Jahre bei den ersten Excessen und der Vertagung der Juden aus Kiew u. s. w. vorhanden gewesen. Jene Meetings haben das- Gewissen Europas geweckt, das Interesse für dia Verfolgten zu Tage gefördert, den Gegensatz von Humanität und Recht gegen Barbarei .und Unmenschlichkeit ins schärfste Licht gestellt, und den Nachfolgern Jgnatiew's das Gutmachen des Geschehenen, so weit dies möglrch, erleichtert. Wir' erkennen in diesem Satze des Redners nichts als eine — Entschuldigung! Redakt. 2) Man sollte doch nun endlich die abgenutzte Phrase, von der .„Gutmüthigkeit des russischen Volkes" fallen lassen! Gegenüber, dem Entsetzlichen, was geschehen und noch immer geschieht, klingt dies wirklich wie Ironie oder ... .! Redakt.

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