Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1882)
- Date
- 1882-05-02
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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den Umsturz der ganzen gesellschaftlichen Moral, um die Beseitigung der Grundprinzipien, auf welchen die Gesellschaft besteht. Es gilt nicht, daß die eine oder die andere Partei zur Leitung der Staatsangelegenheiten, zur Obmacht und Herrschaft gelange — sondern, daß alle die Kulturmomente, welche die Menschheit in ihrer Entwickelung gestaltet und als das Fundament für Gesetz. Recht, Ordnung und Freiheit festgehalten hat, zertrümmert und durch ganz andere, noch völlig rohe, in ihrer Wirksamkeit unerprobte, und soweit sie schon erkennbar sind, den Geist und die Freiheit erdrückende, zu ersetzen. Und diese innere Umgestaltung wird nicht als ein Werk allmäliger und gesunder Entwickelung betrieben, sondern soll als ein Sturm ins Werk gesetzt werden, der alles Bestehende mit einem Stoße wegfege, als Wuthausbruch der wildesten Leidenschaft, der mit blindem Hasse alles bisher Geschaffene zerstören und eine Wüste hervorbringen will, welche nicht die geringste Bürgschaft bietet, daß sie urbar und fruchtbar gemacht werden könne. Dies ist das Endziel des Sozialismus, sobald er unverkleidet als System anftritt und in die Massen geschleudert wird. Dies ist der Nihilismus, dies die Judenhetzen von oben und unten, die in Rußland rasen, und die Grundsätze der Heiligkeit des Lebens und des Eigenthums außer Recht und Geltung setzen; dies die agrarische Revolution in Irland; alles dies weit gefährlicher als das Banditenthum, welches sich zwar der Verletzung an Person und Eigenthum gestattet , aber niemals den Anspruch auf sittlichen und gesellschaftlichen Gehalt erhebt. Barbarei und Unmenschlichkeit wüthen hier ärger als zur Zeit der Völkerwanderung. Denn in dieser brachen die Horden als Eroberer in die fremden Gebiete ein, und hatten keine Religion, keine Kirche, keine Schule, keine Rechtspflege, keine Bände füllende Gesetzsammlung, denen sie Hohn sprächen, wie es die plündernden Massen und Nihilisten in Rußland und in kleinerem Maße die Agrarier in Irland thun. So wird der Gedanke des allgemeinen Friedens bitter getrübt durch die Wirrsale im Innern. Ach, wir sind noch weit entfernt von jenem Frieden, den die Propheten verkündigen, wo „Jeder sicher wohnt unter seinem Oelbaume und seinem Weinstock." Der Frieden nach Außen ist. gut, aber was hilft er, wenn der Krieg im Innern tobt? Der Antisemitismus in Wien rmsein Fiasco. Wien, 17. April. Als der Antisemitismus in Berlin in voller Blüthe stand, versuchte man zwar von dort aus eine ähnliche Agitation in Wien anzuregen, fand aber, so viel man auch anklopfte, keine Thüre offen. Um so verwunderlicher ist es, daß> nachdem diese Bewegung in der deutschen Reichshauptstadt zum Stillstand gekommen, in der -österreichischen einige Streber sich fanden, welche den abgerissenen Faden allhier anzuknüpfen gedachten. Glaubten diese drei oder vier „ Gebildete" in. Oesterreich ein russisches Volk und russische Behörden zu finden, in.welchen der Funke aus Preußen zu einem Brande sich anfachen ließe? Sie haben sich gewaltig geirrt. Man versuchte es mit den bekannten Mitteln, mit Flugblättern, Versammlungen und Christtich-Social-Politik. Die Flugblätter verflogen, die zwei antisemitischen Versammlungen „christlicher Gewerbetreibenden" vermochten nur 2—300 Kleingewerbetreibender, deren Mißgunst gegen .ihre jüdischen Concurrenten zu Tage liegt, zusammenzubringen. Mit der, von orthodoxen ' Protestanten gegründeten „Christlich-Sociäl-Politik" war hier, wo die ungeheure Majorität katholisch ist, nichts anzufangen. Man setzte seine Hoffnung auf die Arbeiterbevölkerung. Aber hier traf man gerade auf die heftigste Opposition und erlebte ein glänzendes Fiasco. Nicht Schmeicheleien und Versprechungen, nicht der Appell an verjährte Vorurtheile fruchteten. Den beiden kleinen Versammlungen der „christlichen Gewerbetreibenden" gegenüber fanden zwei Arbeiterversammlungen statt, von denen die eine im Zobelffchen Etablissement von c. 5000 Arbeitern besucht ward, die zweite, welche gestern stattfand> zählte über 2000 Anwesende. . In beiden wurde | der Antisemitismus auf's Schärfste verurtheilt. Ebenso wenig ' hatten die Antisemiten auch nur die Neutralität der Behörden zu erfahren; vielmehr gaben dieselben zu erkennen, daß sie diese Agitation für staatsgefährlich erachten. Auf diese Weise können wir jene Versuche einiger Antisemiten, welche Ansehen und Stellung zu gewinnen gedachten, nur mit Befriedigung betrachten, da sie eben ihre Impotenz und den Gegensatz der Wiener Bevölkerung zur Berliner recht hell beleuchteten. — Wenn die A. Z. d. I. im vorigen Jahre genöthigt war, so oft Schilderungen aus den Berliner Antisemiten-Versammlungen zu geben, so steht es ihr gewiß zu, auch einen Bericht über die gestrige Arbeiter-Versammlung ihren Lesern zu bieten. Da sie aber, um nicht parteiisch zu sein, jene Berliner Referate dortigen Blättern entnommen hat, so wird sie auch diemal es vorziehen, den Bericht eines unparteiischen Wiener Blattes, nämlich der „ Constitutionellen Vorstadts-Zeitung" zu. reproduciren. Er lautet: Zum zweiten Male in diesem Monate versammelten sich gestern Nachmittags Arbeiter Wiens, um in entschiedener und Präziser Weise zu erklären, daß sie mit der antisemitischen . Bewegung nichts gemein haben und daß sie jede Zumuthung, die Bewegung irgendwie zu unterstützen, von sich weisen. Die Versammlung, welche bei den „Drei Engeln" auf der Wieden stattfand, war von über 2000 Arbeitern besucht. Unter den Anwesenden' befand sich auch Herr Holubek mit einem kleinen Häuflein von Anhängern, welche die Versammlung von Vorneherein unmöglich machen und zur Auflösung'! bringen wollten. Tatsächlich kam es zu Beginn der Ber-