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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-25 · Heft 17 (25.4.1882) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 17 (25.4.1882)
Date
1882-04-25
Page
Seite 276 (sequence 8)
Language
German
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und albernen Borwürfe gegen die Juden nach ihrem wirklichen Werth zu beurtheilen. Als die anti-semitischen Bestrebungen in Berlin immer größere Dimensionen annahmen, wollten die Anti-Semiten in Wien ebenfalls auf offenen Markt hinaustreten. Man wollte jedoch, daß ein Mann von Namen sich an die Spitze stelle. In der That wurde mit mehreren Herren, die ihrer katholischen Gesinnung wegen bekannt sind, und welche eine Stelle in der. Gesellschaft einnehmen, unterhandelt. Doch die Herren lehnten die. ihnen zugedachte Ehre ab. Wir glauben gut unterrichtet zu sein, wenn wir mittheilen, daß im vorigen Jahre bei Gelegenheit einer Besprechung mehrerer Mitglieder des Herrenhauses, welche der katholischen Fractton angehören, auch von den Juden die Rede war, und es wurde allgemein anerkannt, daß in dieser Beziehung an der bestehenden Gesetzgebung nicht zu rütteln sei. Nach langem Suchen und in dem Momente, da der Anti- Semitismns in Berlin trotz gewisser verschämter Unterstützung s erlischt, fand man in Wien einen Führer, einen wirklichen Reichsraths-Abgeordneten; aber welchen? — und das Ende ist bekannt. Bevor wir schließen, sei es uns gestattet, einige Bemerkungen beizufügen. Es fehlte nicht an guten Rathschlägen, welche „gute Freunde" bei dies.r Gelegenheit den Juden ertheilten. So hieß es, die Juden sollen kein politischer Factor, die, Juden sollen conservativ sein rc. So weit uns die Verhältnisse bekannt sind, ist es uns ganz fremd, daß die Juden ein . Politischer Factor sein wollen. Der'Jude ist Jude in der Synagoge und im Hause,' wenn er die religiösen Satzungen beobachtet, sonst im Leben ist er Mensch, Staatsbürger. Thatsächlich finden wir Juden unter allen Parteien im öffentlichen Leben. Es giebt unter den Juden Schutzzöllner und Freihändler, Anhänger von Kant und von Hegel, Verehrer von Mozart und von Wagner. So viel wir ferner wissen'', sind die Juden im Allgemeinen conservativ. Wie es jedoch möglich isteine ganze Volksklasse oder Schichte conservativ zu machen, ist uns nicht erfindlich. Derjenige, der dafür ein Mittel weiß, würde auf dasselbe gewiß von sämmtlichen Regierungen ein Patent und vom Kaiser von Rußland den Fürstentitel erhalten. Was aber die Juden in Oesterreich betrifft, so wissen sie es wohl zu würdigen, was ihnen die Verfassung gebracht, und werden daher, stets ein dankbares Angedenken dem Kaiser sowie den Männern, die sie in's Leben gerufen, und jenen, die sie schirmen, be-. wahren. G. Wolf. Deutschland. Berlin, 14. April. (Privatmitth.) Es ist höchst charakteristisch, und wir dürfen es deshalb nicht mit Stillschweigen übergehen, daß die deutschen Zeitungen, auch die liberalen aller Schattirungen, z. B. die „Voss." und die „Köln. Z.", sich darin gefallen, über die unbedeutenden, kaum mit 2— 300 Personen arbeitenden antisemitischen Versammlungen in Wien auf's Ausführlichste zu berichten, während sie die, jenen entgegentretenden Versammlungen, wie die von 5000 Arbeitern im Zobel'schen Etablissement vom 25. vor. Mts. (s. Nr. 15) vollständig ignoriren. Die Einen mögen wohl die deutschen Juden in der Furcht erhalten wollen, um sie desto fester an der Fortschrittspartei zu halten. Andere haben ein geheimes Wohlgefallen an dergleichen Vorgängen. Dies zeigt sich auch darin, daß bis auf das kleinste Blättchen jeder Exceß, der in Rußland gegen die Juden vor sich geht, in aller Breite erzählt wird. Nun hätte dies einen Zweck, wenn sich ein Streben zu Gunsten der Unglücklichen, ein Protest, eine Sammlung von Unterstützungen an jene gründlichen Schilderungen knüpfte. Davon ist jedoch in Deutschland kaum hier und da eine Spur. Wir sind daher zu unsrem Bedauern genöthigt, andere und durchaus nicht harmlose Erklärungsgründe für diese Erscheinung aufzusuchen. — Allen Nachrichten zufolge, die bis jetzt hier eingetroffen, ist die Befürchtung, daß das Osterfest neue und sehr ausgedehnte Excesse gegen die Juden in Rußland bringen werde, in solchem Maße nicht erfüllt worden, und haben sich Excesse nur in einigen wenigen meist kleinen Ortschaften: abgespielt, welche schnell unterdrückt wurden. Die nachdrücklichen Kundgebungen, welche in Europa und Amerika die allgemeine Entrüstung über die Behandlung der Juden in Rußland zum Ausdruck brachten, Haben doch so viel Eindruck gemacht, daß die russische Regierung energische polizeiliche und militärische Vorkehrungen traf, die Wiederholung solcher Excesse zu verhüten. (S. jedoch die nächste Nr.) Liegt dies doch schon im nächsten Interesse der russischen Regierung, um nicht vor der gesammten Welt als zu schwäch und unfähig zu erscheinen, die Ordnung im eignen Lande aufrecht zu erhalten und die elementarsten Forderungen an jede Regierung zu erfüllen, nämlich für die Sicherheit der Person und des Eigenthums einzustehen. Hierbei können wir aber auch nicht unterlassen jüdische Publicisten zu warnen, auf bloße Gerüchte hin Alarmrufe in die Welt zu schicken, Auf- und Hülferufe in Zeitungsartikeln und Flugblättern, zu versenden, welche die größte Beunruhigung und Bestürzung hervorbringen und sich später als unbegründet Herausstellen. Es werden dadurch die Leidenschaften nur geschärft .und schließlich der Zweifel an der Wahrheit wirklicher Vorgänge genährt.

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