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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-25 · Heft 17 (25.4.1882) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 17 (25.4.1882)
Date
1882-04-25
Page
Seite 274 (sequence 6)
Language
German
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274 vieler Flüchtlinge nicht vorbereitet genug war. Von Brody waren über 1600 Personen expedirt, Tausende wurden mit Geldunterstützung nach ihrer Heimath zurückgesandt. Ein anderer Haufe blieb demungeachtet in Brody zurück.: Während der grimmigen Kälte hatten die Delegirten mehrere Säle gemiethet, in welchen die Unglücklichen eine warme Zuflucht bei Tag und Nacht, etwas Brod und reichlichen Thee fanden. Die Delegirten hatten die Befriedigung, daß während des anhaltenden Frostes unter den Massen der Emigranten nicht ein einziger beunruhigender Sterbefall öorkam. Zur Charakterisirung der Flüchtlinge fügen wir noch folgende Bemerkungen unsres Autors hinzu: „Die (ausgewählten) Gruppen bestanden größtentheils aus prächtigen, körperlich und geistig gut entwickelten, im kräftigen Mannesalter stehenden Leuten, welche sich jeder, auch der härtesten Arbeit unterziehen wollten und konnten. Dabei waren sie von einer geradezu erstaunlichen Anspruchslosigkeit und Nüchternheit und leisteten in der Kunst des Entbehrens Unglaubliches. Diese Leute hatten von uns von Woche zu Woche, solange ihr Loos nicht entschieden war, kleine Unterstützungen erhalten, und es kam sehr oft vor, daß der eine oder andere, welcher anfangs der Woche vier Gulden erhalten hatte, , gegen Ende derselben, noch drei Gulden vorzeigen konnte. Unter.den vielen Tausenden, welche wir in Brody durch Wochen sahen, hatten wir auch keinen einzigen Betrunkenen entdeckt. In der ganzen Zeit kam kein einziger Diebstahl vor. Ich selbst, der ich viel und oft im ärgsten Gedränge war, hatte, obgleich diese Unglücklichen, von Hunger .und Kälte gleich Geplagten sehr wohl wußten, daß ich stets namhafte Summen in der Tasche hatte, niemals auch nur den geringsten Verlust zu beklagen." — Am 26. Nov. verließen Netter und Friedländer Brody, begleitet von sämmtlichen noch anwesenden Emigranten bis zum Bahnhof. — Wir schließen diesen Bericht, indem wir unsrerseits die Bemerkung hinzufügen , daß so viele Schwierigkeiten auch zeitweise daraus erfließen, es immer vorzuziehen sei," wenn die Flüchtlinge nach einem bestimmten.Platze herbeiströmen, wo die Hülfe sie aufzufinden vermag. Gingen sie nach der Ausdehnung der Grenze über diese an vielen und verschiedenen Orten, so könnte sie Niemand sammeln, prüfen und ausrüsten, abgesehen von vielerlei Unannehmlichkeiten, die in den Grenzländern daraus entständen. Wir glauben, daß die-Vereine, die sich weiterhin mit der Beförderung von Emigranten beschäftigen werden, dies ins Auge fassen müßten. Ä«ti-semitische Bestrebungen in Wien. (Wiener A.-Z.) ■ Wien, 13. April. Wer Wien und die Wiener kennt, war im vorhinein überzeugt, daß hier anti-semitische Bestrebungen keinen Boden haben. Seit dem Fahre 1670 ist der Fall nicht mehr vorgekommen, daß ein Hofprediger in Wien confessionelle Zwietracht geschürt oder überhaupt eine, agitatorische Thätigkeit entwickelt hätte. Diese Herren leben ihrem Berufe und predigen die Religion der Liebe. Wir haben hier keinen Lehrer an ch- oder Mittelschulen ä. ja Treitschke und Henrici, und' last, not. least, die Wiener sind. keine Berliner. Der Wiener macht seine Witze über Hoch und Niedrig, über Böhmen und Ungarn und ebenso über Juden, aber die Witze sind harmlos, nicht bissiger Natur. ' Allerdings war das Verhältniß zwischen Christen /und Juden in früherer Zeit kein sehr freundliches.. Die Christen sahen in den Juden ihre Concurrenten und wollten sich dieselben vom Halse schaffen. Dieses war auch mit eine Ursache, weshalb die Juden im Jahre 1670 aus Wien vertrieben wurden. Bald jedoch zeigte es sich, daß man sich in einem Jrrthume befand; Handel und Gewerbe stockten, der Wohlstand sank, die Stadt und der Staat kamen daher , zu Schaden, und die Folge war, daß man mit den Juden förmlich wegen ihrer Rückkehr unterhandelte. Der Auflauf vor dem Oppenheimer'schen Hause (Am Peter, genannt „zur Brieftaube") im Jahre 1706 öffnete den Bürgern und der Behörde die Augen, indem er zeigte, wohin - derartige Excesse führen. - Die Excedenten (der Wiener Pöbel recrutirte sich zu jener. Zeit zumeist aus vacirenden Kellnern und Bedienten, welchen sich sogenannte „Studenten" anschlossen) begnügten sich nicht mit der Beute, die sie bei Juden machten, sie zogen zum Thor hinaus, durch die Alservorstadt und Lichtenthal, raubten, plünderten oder zerstörten, was sie konnten, und thaten sich dann gütlich in Nußdorf in dem Weinkeller-eines geistlichen Freihofes. Allmälig gestalteten sich die. Verhältnisse günstiger, und in den letzten Regierungsjahren der Kaiserin Maria Theresia, welche bekanntlich lange Zeit gegen die Juden ungnädig war (wie hinzugefügt werden mag, war sie es noch im höheren Grade gegen die Protestanten), wurde das Verhältniß sogar ein freundliches. Juden besuchten christliche Gasthäuser und ließen sich oft in christlicher Gesellschaftin Theatern sehen. Es war das zu jener Zeit eine neue Erscheinung und der Cardinal Migazzi sah sich veranlaßt, deshalb Vorstellungen bei der Kaiserin zu machen, und die niederösterreichische Regierungdie jetzige Stadthalterei. secundirte ihm. Die Hofkanzlei (das jetzige Ministerium des Innern) rieth jedoch davon ab, neuerlich Borschriften gegen die Juden zu erlassen. Sie meinte, die Christen könnten selbst den Umgang mit den Juden abstellen, wenn sie es wollten; diese wollten es. aber nicht. Unter Kaiser Joseph II., dem „Schätzer der Menschheit", wurde dieses Verhältniß desto mehr gefestigt. Dieser Monarch nahm keinen Anstand, Frau Fanny Arnstein auf offener! Straße, wenn er ihr begegnete, anzusprechen. . Welche Rolle

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