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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-25 · Heft 17 (25.4.1882) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 17 (25.4.1882)
Date
1882-04-25
Page
Seite 273 (sequence 5)
Language
German
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273 Amerika befördert zu werden, hatte aber bald die kritische Situation durchschaut und gefunden/ daß sie auf gewöhnlichem Wege nicht so bald zu ihrem Ziele gelangen werde. So verfiel sie denn auf die eigenthümliche Idee, sich eine Thorarolle zu verschaffen, nahm diese in die Arme, hinter sich ihren Gatten nachziehend. Als sie nun, so ausgerüstet, kühnen Muthes den Kampfplatz betrat, wichen die vor dem Bureau angesammelten Massen nach Rechts und Links, die Thora küssend, scheu zurück und ließen, Spalier bildend, Weib und Mann ungehindert bis in das Innere des Bureaus Vordringen. So hatte dieses Weib, mit der Thora in der Hand, in einem Tage alle drei Bureaux passirt und schon am nächsten Tage ihr Ziel erreicht. Sie wurde zwar nicht nach Amerika expedirt, da das Handwerk ihres Mannes dort keinen goldenen Boden zu finden hoffen durfte, aber sie wurde, nachdem sie dessen würdig befunden, mit einer entsprechenden Spende bedacht, und konnte Brody sofort wieder verlassen. Dieses Experiment fand keine weitere Wiederholung. Daß die Thora hier nur zu einem geschickten Manöver herhalten mußte, blieb Geheimniß des Bureaus." Um unser Bild in etwas zu vervollständigen, geben wir folgende Schilderung wieder: „Wer eine ununterbrochene Kette unsagbarer Leiden sehen, haarsträubende Jammergeschichten hören wollte, mußte das Bureau II besuchen. Hier faßte einen in der That der Menschheit ganzer Jammer an. In den anderen Bureaux gab es auch des Elends genug zu sehen; allein es zeigte sich nirgends in so trostloser und abschreckender Gestalt wie hier, wo die Familien mit ihrem endlosen Weh aufzogen. Doch lassen wir dieses und führen wir lieber eine der vielen, helleren. Gruppen vor, wie sie sich so oft der Prüfung im Bureau II darboten. Da tritt eine Familie ein, sie hat vor nicht gar zu langer Zeit bessere Tage gesehen, es zeigt sich dieses sowohl an den wenn auch schon stark abgenutzten Kleidern, als auch an den feinen Zügen der Kinder. Der Vater hält ein einjähriges, die Mutter ein zweijähriges Kind auf dem Arme. Vier ältere Kinder schmiegen sich noch abwechselnd bald an den Vater, bald an die Mutter. Es ist eine starke Familie. Die Mutter ist laut schluchzend eingetreten, hat aber dieses Schluchzen auf die Beschwichtigung ihres Gatten und den ernsten und strengen Blick Retters zu einem leisen Mark und Bein erschütternden Wimmern gedämpft. Der Mann legt seine Liste mit zitternder Hand auf den Tisch. Die Prüfung beginnt. Wird er sie bestehen und nach dem neuen Welttheile, wo er sein durch ruchlose Hand. zertrümmertes Glück wieder zu finden hofft, geschickt, oder der Verzweiflung preisgegeben werden? Ach, die Minuten vom Beginn der Prüfung bis zur Entscheidung dehnen sich dem armen Manne zu einer langen und bangen Ewigkeit. Könnte man diese unglückliche Gruppe, wie sie da vor uns, zwischen Tod und Leben schwebend, steht,-auf der Leinwand fixiren, es wäre die beste Illustration der Jümmergeschichte der russischen Juden. Die Mutter weint unaufhörlich still vor sich hin, das zweijährige Kind auf ihrem Arm, das an einem Stück Brod baut, sieht sie fragend an und steckt ihr das Brod in den Mund, damit sie nur nicht weine, die übrigen Kinder schmiegen sich furchtsam an beide Eltern. Schafier und ich^ die wir heute im Bureau II arbeiten, bestürmen zur Rechten und Linken den die Sachlage gewissenhaft prüfenden Netter mit Bemerkungen zu Gunsten dieser armen Familie. Die Familie ist allerdings groß; allein der Familienvater ist Meister eines tüchtigen Handwerks, womit er es schon einmal zu einer gewissen Wohlhabenheit gebracht hat. Er wird gewiß reussiren. .... Die Prüfung mit dem Familienvater ist zu Ende, es folgt die Besichtigung der übrigen Familienmitglieder. Sobald Retters Auge auf die Kinder fällt, verliert es sofort seinen ernsten und durchdringenden Blick, es wird unendlich sanft und milde. Er greift nach einem neben ihm auf dem Tische für diesen Zweck vorbereitet liegenden Papier, das Backwerk enthält, vertheilt dieses an die Kinder und küßt und herzt sie. Die Eltern schöpfen Hoffnung, die Mutter lächelt unter Thränen. Rach einer kurzen in französischer Sprache geführten Discussion, in welcher von uns alle Bedenken Retters zerstreut werden, erfolgt das für den Petenten so bedeutungsvolle Erlösungswort: „Ihr seid ausgenommen!" Jetzt ist des Jubels kein Ende. Die Eltern sind außer sich vor Freude und die Kinder jauchzen und springen im Zimmer umher, ohne klar zu wissen, warum. Die Freude der Eltern macht sie tanzen. Man hat keinen Begriff von der Seligkeit, von welcher diese Menschen erfüllt wurden, wenn sie erfuhren, daß sie in die Liste der nach Amerika zu Befördernden ausgenommen sind. Ich erlebte selbst Fälle, wo der eine oder andere der Emigranten von der Freude dermaßen übermannt wurde, daß er auf Befragen nicht anzugeben wußte, wie sein Weib oder gar wie er selbst heiße. Es dauerte eine geraume Zeit, bis . er wieder in den Vollbesitz seiner Sinne kam. Andere geriethen dabei in ein derartiges Entzücken , daß sie voll Begeisterung Netter zuriefen: „Ihr seid der Messias, unser wahrhaftiger Messias!" Gewiß, die Lage der Juden in Rußland ist keine beneidenswerthe!'; Die einzige Lichtseite in der Schrift bildet die Schilderung von der Abfahrt der für die Emigration.ausgewählten und ausgerüsteten Personen. Es kam hier ein Stück Glück zum Vorschein, welches einigermaßen mit dem ausgestandenen Jammer versöhnt. Im November trat ein heftiger Schneefall ein, welcher natürlich das Elend noch steigerte, bis der bestimmte Befehl von Paris eintraf, die Emigration für den Winter zu sistiren, da das Hülfs-Comite in New-Jork die weitere Expedirung untersagte, weil es für die Aufnahme so

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