Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1882)
- Date
- 1882-04-25
- Page
- Seite 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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vor uns, in welchem an Tragik und Heroismus mehr vorhanden, als der Dichter ersinnen und die Kunst zu schildern im Stande ist. Es hatte sich unter den unglücklichen russischen Juden das Gerücht verbreitet, wer nach Brody, dieser der russischen Grenze so nahe gelegenen Stadt, käme, würde von der U1ig.n66 i8r. univ. mit reichlicher Unterstützung nach Amerika geschickt, und nun strömten die Flüchtlinge dahin. . Merkwürdiger Weise hatte sich auch vielfach der Wahn verbreitet, wer Nach Amerika käme, würde einige Jahre Sklave sein. Dies hinderte jedoch die Zuströmung nach Brody nicht, denn, wie sich Manche äußerten: „lieber Sklave in Amerika als frei in Rußland". Die Alliance hatte mit ihren Schwestervereinen in Wien, London und New-Jork beschlossen, einen sorgfältigen Plan für die bevorstehende Emigration zu entwerfen, und zu diesem Zwecke einen jungen Arzt, Herrn Dr. Schafier, einen Russen von Geburt, nach Rußland zu entsenden. Allein die Sache kam anders. Die Alliance erhielt die telegraphische Anzeige, daß sich in Brody bereits 200 russische Flüchtlinge befänden, welche nach Amerika befördert zu werden hofften. Als Dr. Schafier in Brody anlüngte, fand er statt 200 Köpfe 580 flüchtige Familien vor. Statt zweier Tage wurde er 17 Wochen in Brody gefesselt. Es war eine verzweifelte Lage, die nicht blos der Ungestüm der angelangten und immerfort anlangenden Flüchtlinge, sondern ihr unaussprechliches Elend ganz unüberwindlich machte, während das Brodyer Hülfs-Comita völlig erlahmte. So mußte die Alliance noch einen Delegirten absenden, und hierzu bestimmte sich der edle/werkthätige Charles Netter, dessen Verdiensten, namentlich um die Ackerbauschule in Jaffa, nicht genug Anerkennung gewidmet werden kann. Sofort nahm die Angelegenheit eine bessere Wendung. Es galt die für die Emigration nach Amerika passenden Persönlichkeiten durch sorgfältige Prüfung auszusuchen, und die untauglichen mit Unterstützung nach ihrem Vaterlande zurückzusenden. Die für die Auswanderung Bestimmten mußten equipirt und ausgerüstet werden. Wenn aber an einem Tage 60 Personen geprüft worden, waren unterdeß hundert neue Zuzügler angelangt. Herr Netter wurde bei unaufhörlicher Anstrengung acht Wochen in Brody, einer Stadt, wo man bei jedem Schritt bis zum Knie im Schlamm versinkt, festgehalten. Aber auch dies genügte nicht und die Wiener Allianz mußte einen dritten Mann hinschicken, Herrn M. Friedländer, ihren Sekretär. Er erwies, daß in unsrer Zeit Gelehrsamkeit und Schriftstellerei ein energisches praktisches Wirken nicht ausschließen. Er mußte ^ünf Wochen ausharren und diesen verdanken wir die vorliegende Schrift. Einige Zuschriften des Herrn Netter an die Alliance haben wir früheu veröffentlicht. Bezeichnend ist, daß Friedländer ein kleines Hülfscorps mitnähm. „Es bestand aus zwei baumstarken, durch ungewöhnliche Körpergröße sich auszeichnenden Männern, deren einer der Wiener Communalwache angehörte, der andere Kriegsdienste in Amerika geleistet hatte und endlich aus einem Dritten/einem geborenen Russen, welchem die Aufgabe zugefallen war, in der Sprache der Emigranten, beschwichtigend auf diese einzuwirken." Eine Zeit lang war auch Herr- Magnus aus Leipzig in Brody thätig. Die Arbeit wurde organisirt, indem drei Bureaux eingerichtet wurden. Die. Geldmittel flössen aus der Million Frcs., welche Baron Hirsch dem Central - Comite der Alliance zu Gebote gestellt hatte — dies wird hier als Thatsache constatirt — aus den. Sammlungen der Alliance und den Mitteln der Wiener Allianz. Wir wollen uns hier nicht in einer Schilderung des unsäglichen Elends ergehen, verweisen vielmehr auf die Schrift selbst. Was die Arbeit außerordentlich erschwerte, war der Andrang der Petenten nicht blos in die Büreaux, sondern um deren Locale herum, so daß es vorkam, daß die Herren Delegirten selbst stundenlang zu kämpfen hatten, um in ihre BUreaux zu gelangen. Der Verf. erzählt von seinem ersten Morgen: „Netter und Schafier arbeiteten an diesem Tage im Bureau Nr. 2, das jtt einem kleinen, abseits der Stadt gelegenen aus nur zwei niedrigen Stuben bestehenden Häuschen untergebracht war. Im zweiten Zimmer arbeiteten die Delegirten, während das/erste bis zum Erdrücken von Petenten vollgestopft und der weite Raum' rings um das Haus von vielen Hunderten ungestümum Einlaß begehrender Flüchtlinge gefüllt war. Die drei von Wien gesandten Hilfsarbeiter hatten zeitlich Morgens vor der Thüre Posto gefaßt und einen furchtbaren Kampf zu bestehen, um den Ansturm auszuhalten. Jeder dieserunglücklichen Stürmer wollte hinein und noch am selben Tage Vorkommen. Und doch wußten sie es nur zu wohl, daß von den vielen, vielen Hunderten, die sich da drängten, nur etwa 50—60 an einem Tage geprüft und expedirt werden können. Doch Noth und Verzweiflung machte sie blind gegen jede vernünftige Vorstellung und erschwerte ungemein jedes rasche Vo.rgehen. Kurz, ich erlebte an diesem Tage herzzerreißende Scenen, denen gegenüber jene am Bahnhof nur ein ganz kleines Vorspiel gewesen und ich glaubte diesen Jammer nicht lange ertragen zu können; doch man gewöhnt sich schließlich an den Anblick unsagbaren Elends ... ..." Ein weiterer Umstand, welcher oft das rasche Arbeiten den Delegirten unmöglich machte, und.für die Petenten selbst vom größten Nachtheile war, war die Findigkeit der Emigranten. Die Unglücklichen verfielen nämlich, in ihrem allerdings . berechtigten Drange, nur möglichst bald vorzukommen, auf die sonderbarsten Versuche. Einen solchen wollen wir hier mit. den Worten unseres Autors anführen: „Originell war folgendes Mittel, welches eine Frau ersonnen hatte, um sich rasch den Weg. zu uns zu bahnen. Sie war mit ihrem Gatten nach Brody gekommen mit dem Wunsche nach