Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1882)
- Date
- 1882-04-25
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
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nur in den zwei entgegengesetzten Richtungen fortbewegte, der spiritüälistischen und-der materialistischen, natürlich mit den verschiedenartigsten Complikationen und Stimmungen. — Zn gleicher Weise vermochte die hellenische Volksreligion bei dem Mangel des einheitlichen Gottesbegriffes, bei der vielmehr eingetretenen und fortgeführten Zersetzung des Gottesbegriffes,' so daß das Verhältniß des Menschen zur Gottheit nur als das Streben nach der Gunst der Götter und der Vermeidung ihrer Ungunst durch Opfer, Gaben und Ehrenbezeugungen verstanden ward, keine Ethik zu schaffen, kein den Menschen beherrschendes sittliches Prinzip hervorzubringen.. Nur nach den Instinkten und. Bedürfnissen des Volkes bildeten sich in ihm sitttliche Vorstellungen, die aber der Einheit, des Lebens, der Herrschaft entbehrten. Es war ihm weder in den Eigenschaften, noch im Thun der Götter Vorbilder der reineren Sittlichkeit gegeben , und die Vorsehung und Vergeltung, welche die Götter vollführten, gingen aus den Schranken der Individualität und der momentanen Stimmung nicht heraus. Alle Eigenschaften und Besitzthümer, die als glänzend, Geltung, Ansehen und andere Vortheile verschaffend, an den Göttern und Menschen wahrgenommen wurden, gewannen in den Augen des Volkes den Werth der Tugend, mochten sie an sich einen sittlichen Inhalt durch das kräftige Erringen desselben haben, oder nur zufällige Gaben und vergängliche Güter sein, wie Schönheit, körperliche Kraft und Gewandtheit, Reichthum, Ruhm. So auch bei Pindar. Da die Erfahrung lehrte, daß alle Leidenschaften, wenn ihnen der Mensch die Zügel schießen läßt, zu Schmerz und Leid, zu Verderben und Untergang führen, und an sich schon der Schönheit und Würde den größten Eintrag thun, so stellte die Volksanschauung als einziges sittliches Prinzip das Maßhalten, die Selbstbeschränkung auf. Aber dieses Prinzip selbst ist so sehr der Individualität und den Schwankungen des persönlichen Urtheils anheimgegeben, daß es zum Führer in den Wirrsalen des menschlichen Lebens und Herzens nur wenig geeignet war. Hieraus kam es denn, daß einerseits nur das als sittlich geschätzt und geehrt wurde, was das Leben gefällig, anmuthig, ruhigen Genusses fähig macht., und daß andererseits für Unrecht und Frevel das Gericht in der Unterwelt als Schreckbild aufgestellt ward. Wenn der hellenischen Volksreligion auch nicht der Begriff der Sünde fehlte, da dieser aus den Handlungen der Menschen sich nothwendig ergab, so wurde die Sünde von ihr doch nicht, als ein seelischer Prozeß, als eine Verletzung, des Verhältnisses zu. Gott aufgefaßt, so daß die Forderung der Rene und Besserung, sowie der Versöhnung mit Gott und der Tilgung unsrer Schuldhaftigkeit durch die Barmherzigkeit Gottes als-das wahre Heil und die sittliche Läuterung gar nicht zum Bewußtsein kam. Wie allem diesem in der israelitischen Bolksreligion in einem Maße entsprochen worden, daß ihre Vorstellungen Und daraus erfolgten Vorschriften sich bleibend in der religiösen Welt festsetzten und zur Grundlage der ganzen religiös-sittlichen Entwickelung wurden, brauchen wir hier nicht noch einmal auszuführen.^) So bietet für formrtive und methodische Bildung der Hellenismus einen unerschöpflichen Schatz, den kein Geschlecht ohne Schaden an Intelligenz und Geschmack vernachlässigt. Aber die religiöse und sittliche Anschauung, die Fortentwickelung und der Ausbau der. menschlichen Gesellschaft haben ihren festen Untergrund und ihre sicheren Motive und Impulse im. Hebräismus. Geschlechter erstehen, in welchen dieser bezweifelt und bekämpft wird — aber diese Geschlechter wurzeln selbst in ihm, und der Lebenssaft, der in ihren Adern rollt, ist von ihm eingeflößt. Darum werden wir aller Zeit die Schönheit und den Adel Pindar's bewundern — aber die Kraft und den Gehalt des Lebens immer aus den Psalmen ziehen. Fünf Wochen in Lrody unter jüLisch-ruMchen Emigranten. Es ist eine alte Erfahrung, daß mitten iit den traurigsten Katastrophen, welche den dunkelsten Schattenseiten des menschlichen Wesens entsprangen, doch wieder Charakterzüge des höchsten menschlichen Edelmuths, der Aufopferung und Hingebung ans Licht treten, welche einigermaßen zu trösten, wenigstens vor dem Verzweifeln an der Güte der menschlichen Natur zu schützen vermögen. Als ein jüngstes Zeugniß für diese Erfahrung führen wir die vor Kurzem erschienene Schrift an: „Fünf Wochen in Brody unter jüdischrussischen Emigranten. Ein Beitrag zur Geschichte der russischen Judenverfolgung von M. Friedländer. (Wien 1882. W. Waizner.)" Fügen wir hier gleich hinzu, daß diese Schrift sich durch ihre fließende und einfache Sprache auszeichnet, die auf keinen Effekt ausgeht, nichts als Thatsachen berichtet, und gerade deshalb um so ergreifender, um so herzerschütternder wirkt. Wir haben hier das Bild eines Elends und Jammers ohne Maß und zugleich eines ebenso unbegrenzten Kampfes zur Ueberwindung dieses Mißgeschicks vor uns. Die tiefen Wunden, welche Barbarei und Raubsucht, Neid und Habgier geschlagen haben, werden durch Großherzigkeit und Anstrengung aller Kräfte zu heilen versucht. Daß jene Wunden tiefer und breiter sind als diese Kräfte groß und ausgedehnt, erweist nur abermals die Erfahrung, daß der Mensch leichter* zu zerstören als aufzubauen, besser zu schlagen und zu tödten versteht, als auszubessern und zü heilen. Wir haben hier ein Stück Wirklichkeit 4) S. unsre „isr. Religionslehre" Bd. III. S. 1 ff. Bd. II. S. 126 ff. unser „Lehrbuch d. isr. Rel." S. 118. 153. unsre „Weltbewegende Fragen" Bd. 11. S. 245 ff.