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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-25 · Heft 17 (25.4.1882) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 17 (25.4.1882)
Date
1882-04-25
Page
Seite 270 (sequence 2)
Language
German
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hingerichtet. Welchen Widerstand die hellenische Volksreligion und das Heidenthum überhaupt, verfolgend und verfolgt, gegen das Christenthum leistete, erweist die Geschichte, der ersten Jahrhunderte des letzteren. Wie vor dem Erlöschen einer Fackel leuchtete ihm ein Siegesschimmer noch einmal auf durch den geist- und verdienstvollen Kaiser Flavius Julianus Apostata, bis dieser am 26. Juni 363 nach der gew. Zeilr. in der Perserschlacht fiel, wie man sagt, mit dem Ausruf: „Du hast gesiegt, Galiläer!" — Im Gegentheil sehen wir das Judenthum als Bolksreligion einen tausendjährigen Kampf im Schooße des Volkes selbst und mit allen benachbarten Völkern gegen das Heidenthum bestehen, überall seine Bekenner, wohin diese gerathen, in Gegensatz zu den da herrschenden religiösen Anschauungen versetzen, die Kraft besitzend, aus seiner Wurzel zwei Religionen hervorsprießen zu lassen, welche sich in die Herrschaft der Welt theilten, und bestehen bleiben in dem furchtbarsten Kampfe mit diesen beiden Töchterreligionen, immer wieder sich verjüngend bis auf den heutigen Tag. Dies vermochte das Judenthum als Bolksreligion nur durch eine fortgesetzte Entwickelung, durch welche es im Mosaismus, Prophetismus, Talmudismus, Rabbinismus und dem modernen Judenthum sich mit den veränderten Bedingungen und Verhältnissen des Lebens zu einigen, auszugleichen und .ihnen für seine Bekenner sein Gepräge aufzudrücken verstand. Niemals fiel es mit dem Falle einer seiner Phasen, sondern baute sich aus seiner unveränderlichen Basis immer von Neuem auf, ersetzte das mosaische Zelt durch den Tempel, diesen durch die Synagoge, und seine Geistesrichtung nach den veränderten Bedürfnissen umgestaltend, ohne von seinem Lehrinhalt und der traditionellen Continuität abzuweichen. Nichts von allem dem in der hellenischen Volksreligion. Nirgends in dieser die Spuren einer Um- und Neugestaltung, höchstens daß zu Zeiten den Mythen ein mystischer Sinn, eine allegorische und symbolisirende, Deutung einzusenken versucht ward, ohne hierdurch einen wesentlichen Einfluß auf das Volk zu gewinnen. Waren die Mythen im Einzelnen auch verschieden, und erlitten sie Veränderungen und Verschmelzungen, so modifizirte sich doch ihr Charakter hierdurch wenig, und die Volksreligion im Ganzen verblieb ohne eine wesentliche Entwickelung. Dies sind Thatsachen; aber wir sehen leicht ein, daß dieselben aus dem innersten Wesen der beiden Volksreligionen hervorgegangen sein müssen. Das Judenthum in.allen seinen Phasen hat zu seinem eigensten Mittelpunkte den Begriff des einzigen und einigen Gottes, des Schöpfers des in der Einheit angeschauten Universums und des als einheitlich betrachteten Menschengeschlechtes consequent festgehalten. . Aus diesem Mittelpunkte gingen alle Strahlen der Erkenntniß, der Sittlichkeit und der Socialpolitik heraus und bildeten so. eine einige Lichtwelt. Mag die Nation sich in einem besonderen V-rhältniß zu diesem Gotte gedacht haben, mag der Gottesbegriff, wie er zum Ausdruck kam, der Anthropomorphismen nicht haben entbehren können, zumal bei dem Dichter — der einige, allmächtige, allumfassende Gott, der in keiner körperlichen.Gestalt gedacht und dargestellt werden könne und dürfe, ist das wesentliche Element des Judenthums, kam in allen seinen Ausgestaltungen zu energischem Leben, und die Bekenner des Judenthums standen ein, kämpften und litten für diesen Gottesbegriff und seine Consequenzen. Das Gegentheil in der hellenischen Volksreligion. Mag die Annahme neuerer Gelehrten, daß auch Liese aus einem monotheistischen Ürbegriff hervorgegangen ' sei, wahr sein oder nichts, der hellenische Volksglaube wie er wirklich bestand, und sich uns auch in Pindar därstellt, war eine Zersetzung des Gottheitsbegriffes, eine zwiefache Zersetzung, indem er die Vorstellung Gottes auf Grund der vereinzelt angeschauten Naturerscheinungen und der geschichtlichen Vorgänge innerhalb der menschlichen Vorzeit in eine Menge von Gottheiten vertheilte und zersplitterte, und andererseits diese Götter in Menschen von höherer Potenz umsetzte. Den menschlichen Leidenschaften, der Liebe und dem Haß, dem Zorn und der Rache und allen Begierden unterworfen, und selbst einem höheren Geschick, der Ananke, dem Fatum unterthan, stellen sie sich der Einbildungskraft und . dem Glauben des Volkes als höhere Menschengestalten vor, mit unvergänglicher Jugend und höheren Kräften ausgestattet. Allerdings war auf solchem Grunde eine Entwickelung zum Höheren nicht möglich, und selbst die von diesem Glauben sich loslösende Philosophie konnte dem Schicksal nicht entgehen, einerseits nur logische Construktionen, des Lebens entbehrende syllogistische Abstraktionen zu schaffen, andererseits immer wieder der Zersetzung anheimzufallen, vom Dogmatismus zum Skepticismus, zur Selbstverleugnung, zur Aufhebung alles Wahrnehmens und Erkennens fortzuschreiten, was sie in einem dreifachen Kreislauf vollbrachtes. Ganz entgegengesetzt zeigt die Philosophie, die aus dem hebräischen Urgrund, dann aus der/christlichen und islamitischen Volks-- religion entsprossene /Philosophie eine consequente Fortentwickelung in Verbreiterung und Vertiefung, -indem sie sich 2) Wir können uns der ersteren Ansicht nicht anschließen. Vorauszusetzen ist allerdings , daß in allen Menschengeistern in der frühesten Zeit die Ahnung einer höheren überirdischem Macht aufgegangen, aber sie sahen diese in den Erscheinungen der Natur und den menschlichen Schicksalen als vereinzelte Kräfte und Wesen an, wie sie eben in ihnen höhere Gewalten, denen sie, die Menschen, unterstanden, erkannten. Der Polytheismus war also das psycholo-, gisch Natürliche, so lange die Eingliederung aller Einzelheiten in eine universelle Einheit nicht allgemeine Erkenntniß geworden. Jene erste Ahnung einer höheren Macht kann aber keineswegs als Monotheismus bezeichnet werben. * 3) Der erste Kreislauf der griechischen Philosophie geht bis zum Skepticismus der Sophisten, der zweite von Sokrates bis zum Skepticismus des Carneades (geb. 217.) Und der dritte mit der Erneuerung der alten Schulen bis zur Vollendung des Skepticismus durch die sog. Pyrrhonier bis zum Sextns Empirikus (200 nach d. gew. Zeitr.) (S. unsre „ist. Religionslehre" Bd. I. S. m ff.)

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