Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1882)
- Date
- 1882-04-18
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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EWWUWWWd 7!$ 262 dergleichen Vorgänge legte. Allein die Zeiten ändern sich, und so ist es gegenwärtig zu unserm Bedauern wieder an der Zeit, den Schmähungen unsrer Gegner gegenüber auf die vielen verdienstvollen Juden hinzuweisen, welche der Staat selbst auszuzeichnen sich gedrungen fühlt. Daher folgende Notizen: Zum Vertreter Ungarns bei der in diesem Jahre in Berlin abzuhaltenden hygienischen Ausstellung (an der sich Ungarn sehr lebhaft, trotz der sehr unnütz vom Zaume gebrochenen magyarenfeindlichen Agitation des deutschen Schulvereins betheiligt) wurden von Seite der ung. Regierung zwei Juden ernannt: die Herrn Sanitätsrath und Privatdozent Ludwig von Cxatary und Herr vr. Aladus Kozsahegyi. Herr von Cxatary war in dieser Eigenschaft schon kürzlich in Berlin. — Neuerdings trafen wieder einzelne hervorragende ungarische Glaubensgenossen höherer Auszeichnungen, von denen ich nur folgende erwähne: der bekannte Verfasser des auch auf deutschen Bühnen einheimischen Lustspiels „der Kuß", Herr Ludwig von Doczy, Hof- und Ministerialrath im k. und königl. Ministerium des Aeußern zu Wien erhielt von König Wilhelm von Preußen den preußischen Kronenorden zweiter Klasse mit dem Stern (ob es wohl in der Heimath dieses Ordens selbst Juden mit so hoher Dekoration giebt! —) — Der Budapester Bankier und Grundbesitzer Barongi wurde vom König von Ungarn „in Anerkennung seiner Verdienste auf commerziellem und wirthschaftlichem Gebiete" in den erblichen Adelsstand erhoben. ■— 'Ebenso .erhielt der berühmte Wiener Hofschauspieler Herr Sonnenthal (an gebürtigen Festen) anläßlich seines unlängst stattgefundenen 2djährigen Künstlerjubiläums den erblichen Adelsstand mit dem Prädikate „Ritter von." Herr von Sonnenthal ist beim Hofe in Wien ungemein gern gesehen, und unterrichtet das jüngste Tochterchen des österr.-ungar. Herrscherpaares Erzherzogin Marie Valerie in der Deklamation und Schauspielkunst. — Ferner wurde dem Groß- Kanizsaer Großgrundbesitzer Herrn Wilhelm von Gelte- Guttmann in „Anerkennung seiner hohen Verdienste auf humanitärem Gebiete" der Titel eines königlichen Rathes ertheilt. — Unser hiesiger Glaubensgenosse Herr Ludwig von Erängi-Ullmann wurde kürzlich zum Generaldirektor der österr. Donaudampfschifffahrtsgesellschaft für gdnz Ungarn benannt. Es ist dies ein hoher Vertrauensposten, der große Umsicht und erprobte Tüchtigkeit erfordert. Die genannte Dampfschifffahrtsgesellschaft ist, nebenbei gesagt, die größte derartige am Continent. — Vor Kurzem fand in der Synagoge zu Budapest die Trauung eines höheren Cavallerieoffiziers jüdischer Religion , des Herrn Dragonerhauptmanns Isidor Barber, mit einer reichen, jungen Dame der baato-ünanee der ungar. Hauptstadt statt. Der Feierlichkeit wohnte eine große Zahl christlicher Offizierskollegen des Bräutigams, ferner mehrere Generäle, und unter diesen der Platzcommandant von Budapest-, Generalmajor von Bartuske bei. — Endlich eine nrcht uninteressante Nachricht: Bekanntlich hat sich Franz Liszt, der. Schwiegervater Richard Wagmers (was hier besonders betont werden muß), unlängst in einer ganz unfaßbaren Weise und seinem berühmten Schwiegersohn wenigstens gleichkommend, gegen die Juden literarisch ausgesprochen, ihre Begabung in Abrede gestellt, ja sogar ihre Ausweisung befürwortet rc. Wie sehr der Maestro damals gegen s ei n e eigenen Erfahrungen und Ueberzeugungen geschrieben, (sondern unter dem Einflüsse des Zukunftmusikers von Bayreuth stehend) zeigt der Umstand , daß derselbe. Franz Liszt, der hier die Directorsstelle der Landesmusikakademie bekleidet, vor' Kurzem zur Betheiligung mit dem nach ihm benannten städtischen „Lisztstipendium" für ausgezeichnete Zöglinge, jenes-Musikinstitutes von drei Schülern zwei Juden vorgeschlagen hat, darunter ein hochtalentirtes jüdisches Mädchen, das sogar— oh Ironie des Schicksals! — den nicht zu verkennenden semitischen Namen eines Fräulein —- Jerusalem trägt. — Sapienti sat! — Lemberg, 25. März. (Privatmitth.) Es ist eine wahre Schlacht, die jetzt .in Galizien zwischen den fanatischen Zeloten einerseits und der sog. Fortschrittsparteidie in Deutschland doch nur als höchst gemäßigte.Reformpartei gelten würde, und den gemäßigten Orthodoxen andererseits geschlagen wird, und es erneut sich auch hier die alte Erfahrung, daß ein extremes Borgehen der einen Partei der anderen den Sieg verschafft. Wie schon berichtet worden, hat hier drei Tage lang eine Versammlung von Rabbinern und Delegirten stattgefunden, welcher ein Statutenentwurf des Krakauer Rabbiners Schreiber für die galizischen Gemeinden zur Beschlußfassung vorgelegt ward. Als dieser Entwurf bekannt wurde, erregte er eine allgemeine Entrüstung, da er nichts Anderes abzielte, als die Gemeinden bedingungslos unter die Herrschaft der Rabbiner zu bringen, und eine hierarchische Gewalt zu schaffen, wie sie noch niemals im Judenthume, auch nicht auf dem Boden des Schulchan Aruch, vorhanden gewesen. Der Krakauer Rabbiner wollte diesen Entwurf als Produkt der Gemeindeberathungen der Staatsregierung zur Genehmigung vorlegen; da er aber erkannte, welchen Widerspruch sein monströses Statut, fand, erklärte er den bekannt gewordenen Entwurf für eine Fälschung, während er anderweitig zugestand, daß er zwar ursprünglich so gelautet habe, daß er. jedoch zu Gunsten der Gemeinden modifizirt werden könnte. Unterdeß haben bereits 51 Gemeinden , ihren nachdrücklichen Protest gegen das Treiben Schreibers dem Lemberger Vorstände übersandt, und sind diese Proteste wörtlich, im Lemberger „Israelit" abgedruckt. Unter der Einwirkung dieser Vorgänge haben die Wahlen zu den Cultusräthen der Gemeinde Lemberg stattgefunden und sind vollständig zu Gunsten der Fort-