Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1882)
- Date
- 1882-04-18
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
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war. Wer Mitglied dieser Legislativen — denn das war das Synhedrion — werden wollte, mußte gar vieler Sprachen und Mundarten in Wort und Schrift vollkommen mächtig sein. Wo aber konnten -sie eine so bedeutende linguistische Reife erlangen, wenn nicht in eigens dazu errichteten Schulen? War etwa Engel Gabriel ihr Sprachmeister? Wenden wir uns einer spätem, der arabischen Kulturepoche, zu: die Bedeutung Moses Maimoni's auf dem Gebiete der rabbinischen Casuistik wird die Lemberger Synode wohl am wenigsten unterschätzen. Ist doch die Tüchtigkeit eines polnischen Rabbis von der Gewandtheit bedingt, mit der er dunkle Stellen in Maimoni's Werken aufzuhellen im Stande ist! Und dieser zweite Moses hat nicht bloß die arabische Sprache mit wahrer Meisterschaft beherrscht, sondern ging auch zu den Arabern in die Schule, lernte bei ihnen Mathematik und Arzneikunde.- Und sind nicht die liturgischen Nachlässe Gabirol's und Jehuda Hallevi's in ihrer äußern Form der arabischen Poesie nachgeahmt? Und daß Jbn Esra auf das Studium der rabbinischen Literatur allein sich nicht beschränkte, ist männiglich bekannt. Arabische Philosophie, Medicin, Naturkunde, Astronomie und Dichtkunst waren ebenfalls Tummelplätze seines sprühenden Geistes. Und wenn Maimoni's großer Lehrer, Rabbi Josef Jbn Megasch, in seinen Responsen auf eine zu seiner Begutachtung ihm unterbreitete talmudische Dissertation sich entschuldigt, daß er im talmudischen Idiom antworte und nicht wie der Fragesteller arabisch, so geht aus dieser Rechtfertigung unwiderlegbar hervor, daß die oben gedachten Geistesheroen keine vereinzelte Erscheinungen gewesen, daß vielmehr alle Rabbinen jener Zeit in Wort und Schrift der arabischen Sprache sich bedienten. Nun ist cs unbegreiflich, daß in einer Zeit, wo die europäischen Juden ihrer überwiegenden Mehrheit nach deutsch reden, man ihnen verbieten will, an der Fortentwickelung deutschen Wissens weiter mitzuwirken. Warum soll es den Juden denn untersagt sein, ihre deutsche Muttersprache zu reinigen? Möglich, daß der religiöse Jndifferentismus, der ganz besonders der studirenden Jugend sich bemächtigt,' die galizischen Collegen zu der bewußten Agitation gegen die-öffentliche Schule vermocht. Da sollten doch die Herren vor der Thatsache sich nicht verschließen, daß die Religion ihre versittlichende Wirkung auch in solchen Kreisen nicht mehr hat, wohin das Licht der allgemeinen Bildung noch nicht gedrungen. Ist doch nicht zu leugnen, daß unter allen Juden der im Reichsrathe vertretenen'Kronländer die galizischen es sind, bei denen bis nun von einer durchgreifenden allgemeinen Bildung noch keine Rede sein kann. Und daß sie nicht in demselben Maße religiöser, als sie in der Bildung zurückgeblieben, ist aus dem zuerst für Galizien 'erlassenen Wuchergesetze zu schließen, welches die Leihgeschäfte nothwendig gemacht. Mögen die Anschauungen des Referenten von denen seiner galizischen Berufsgenossen in Bezug auf öffentliche Schule noch so weit auseinander gehen, darin sind wir Alle Eines Sinnes, daß nach den Lehrbegriffen des Judenthums keine Sünde die überragt, welche Jemand begeht, wenn er die Verlegenheit des Mitmenschen zu eigener Bereicherung ausnützt. Und welche Vorbildung haben in der Regel die Repräsentanten des unsittlichen Geldgeschäfts genossen? Wem noch der sensationelle Betrugsproceß der ehrenwerthen Firma Götzel «L Sohn erinnerlich, der wird auch zugestehen müssen^ daß es nicht die öffentliche Schule ist, welche solch' illustre Erscheinungen an's Tageslicht gefördert. Unterliegt es aber keinem Zweifel mehr, daß das religiöse Gefühl bisweilen auch aus solchen Herzen gewichen, in welchen die allgemeine Bildung keine Pflege gefunden, und muß auch zugegeben werden, daß zwischen Judenthum und allgemein wissenschaftlichem Streben kein principieller Gegensatz exiftirt, so fehlt der antiwissenschaftlichen Kundgebung der Lemberger Synode jede historische, wie sittliche Berechtigung. Auch hat die Gleichgültigkeit der studirenden Jugend für alles Religiöse mit wissenschaftlichem Studium gar keinen Berührungspunkt. Die Herren der Synode mögen es sich nur eingestehen, daß die Art und Weise> wie der Religionsunterricht der Jugend noch ertheilt wird, den religiösen Jndifferentismus verschuldet hat. Ist den Herren ernst daran gelegen, den religiösen Sinn neu zu beleben, so müssen sie zunächst beim Religionsunterrichte der Zeitströmung Rechnung tragen. Jeder Rabbiner strebe dahin, daß in der öffentlichen Volksschule eine ausreichende Stundenzahl für den Bibelunterricht festgesetzt werde. Man hüte sich aber in das entgegengesetzte Extrem * zu verfallen. Zu viel Zeit darauf verwandt, erfüllt die Lernenden nur mit Widerwillen gegen diesen Unterrichtsgegenstand. Allerdings erreichen jene Orthodoxen, die es ungern sehen, daß eine Generation heranwächst, die ihnen an allgemeiner Bildung überlegendem wird, das eine Ziel, daß die allgemeinen Schuldisciplinen, wegen Mangels an ausreichender Unterrichtszeit in ihren Fortschritten gehemmt werden. Das kann aber nicht die Aufgabe ernster Männer sein. Und in den Mittelschulen darf der Religionsunterricht nur Solchen anvertraut werden, deren wissenschaftliche Befähigung und pädagogischer Tact dafür bürgen, daß sie das Gemüth der Jugend für die religiöse Ethik zu erwärmen im Stande sind. | „Wenn Ihr nicht meinen Rath statt meines Spruches i wollt" — so tagt weiter und fasset Beschlüsse, .durch die es Euch so ergehen dürfte, wie einst Rabbi Eleasar dem Großen, I der die Rückströmung der Quelle am Lehrhause durchsetzen I wollte. .