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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-18 · Heft 16 (18.4.1882) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 16 (18.4.1882)
Date
1882-04-18
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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vom Stapel gelassen. Daß diese Herren das active und Massive Wahlrecht von der Beobachtung religiöser Observanzen abhängig machen wollen, ist eine Geschmacksache, über die Referent mit ihnen nicht rechten mag. (Natürlich das Geld für ihren Unterhalt wollen diese Leute von Allen, ohne Unterschied, nehmen, nach dem Spruche Bespasians, „Geld riecht nicht") Die Stellungnahme der Reichsrathsmajorität zu dieser Zumuthung wird zugleich ein sicherer Gradmesser für die kulturfreundliche Gesinnung sein, welche die Mehrzahl der Volkstribunen beseelt. Wenn aber die qu. Rabbinerversammlung auch eine Willensäußerung gegen die öffentliche Schule gethan, so muß eonstatirt werden, daß die geistlichen Amtsbrüder Galiziens zu dem historischen Entwickelungsgange des Judenthums im grellsten Widersprüche sich befinden. Als Gott im Dornbüsche einen Hebräer mit der bekannten großen Mission betrauen wollte, ersah er sich dazu nicht einen Mann vom Schlage der galizischen College», sondern Mose, dessen Erziehung die sicherste Bürgschaft dafür ist, daß er mit egyptischer Bildung assimilirt gewesen. Und wer den Bau und die Einrichtungen des Tempels in der Wüste mit wissenschaftlichen Augen Prüft, dem muß die Ueberzeugung sich aufdrängen, daß unsere Väter von der Kultur Egyptens nicht unberührt geblieben. Oder glaubt etwa die Lemberger Rabbinersynode, daß die 70 Schafhirten, die mit dem Patriarchen Jakob in Egypten eingewandert und da, nachdem sie zu einer beträchtlichen Volksmasse angewachsen, mindestens doch durch mehrere Decennien Lehm, gestampft und' Ziegelstreicherdienste versehen —, im Stande wären, aus sich selbst heraus, ohne jegliche Anleitung großartige Kunstwerke von Holz und Metall auszuführen? Und wer lehrte die Frauen, welche „weisen Herzens" waren, Kunststickereien anfertigen? Belieben nun die Herren Collegen mit uns eine kleine Excurfion nach Babylon zu machen, wo wir einige historische Gestalten ihnen vorzuführen gedenken, die die Ueberzeugung ihnen beibringen werden, daß das religiöse Judenthum der allgemeinen Bildung und Wissenschaft nicht abhold ist. Nachdem Nebukadnezar die Juden nach Babylon verpflanzt, traf er Vorkehrung, daß physisch und geistig gut entwickelte Jünglinge dieser Nation auf öffentliche Kosten für den chaldäischen Staatsdienst sprachlich und wissenschaftlich herangebildet werden sollten. Wohl nahmen sich Daniel, Hananja, Misael und Asaria fest vor, die nicht rituell zubereiteten Speisen, die auf Anordnung des Königs ihnen verabfolgt wurden, nicht zu genießen. Haben sie sich , aber auch dem öffentlichen Unterrichte widersetzt? Die heilige Schrift berichtet darüber: „Und Gott gab allen Vieren Kenntniß und Einsicht in jedem Buche und in jeder Weisheit." Beiläufig sei hier bemerkt, daß, wiewohl andere Knaben die königliche Tafelkost sich schmecken ließen, es dem Propheten Daniel, der sich später der Gunst des Königs in weit höherm Maße als Herr Rab-1 biner Schreiber der des Polenklubs erfreute, nicht in den Sinn gekommen, um Ausschließung derer von öffentlichen Aemtern zu petitioniren, die von religiösen Observanzen sich emancipirt hatten. Und ist nicht die Sprache des Talmuds und ganz besonders die des jerusalemischen ein beredtes Zeugniß dafür, daß die Rabbinen im Großen und Ganzen linguistisch auf der Höhe ihrer Zeit gestanden? Und daß die Redacteure des Talmuds mit besonderer Vorliebe Mathematik und Astronomie betrieben und unter ihnen sich mancher Astronom erster Größe befunden, wissen die Weisen Galiziens eben so gut, wie sie darüber im Klaren sein müssen, daß sie diese Wissensdisciplinen weder in einem Krakauer, noch Preßburger Beth- Ha-Midrasch sich angeeignet. Sollte die ehrwürdige Synode vergessen haben, daß die Juden nach ihrer Rückkehr aus babylonischer Gefangenschaft öffentliche Unterrichtsanstalten auf Basis gesetzlichen Schulzwanges errichtet haben, so erlauben wir uns, ihre Aufmerksamkeit auf Talmud Tr. Baba Bathra fl. 21 a zu lenken. Und daß hier von keinen bloßen Religionsschulen die Rede sein kann, ist aus der Thatsache zu ersehen, daß diese Lehranstalten bisweilen — wie aus derselben Quelle ersichtlich — von nichtjüdischen Zöglingen frequentirt wurden und an denselben oft auch Nichtjuden als Lehrer fungirt haben. Möchte doch auch der katholische Klerus hiervon Notiz nehmen! Die chaldäische Kultur wurde später von der hellenischen verdrängt. Ein Hinweis auf Flavius Jofephus, Philo und die Apokryphen reicht wohl hin, jeden unbefangenen Kritiker zu überzeugen, daß die damaligen Juden an der Förderung griechischer Kultur thätigen Antheil genommen. Jndeß muß nicht das, was der wissenschaftlichen Kritik Beweis genug ist, es auch der galizischen Rabbinersynode sein. Denn wer bürgt dafür, daß die orthodoxen Collegen Galiziens die gedachten Autoren nicht zu denen zählen, welche sie zur Bekleidung eines Abgeordneten-Mandats für unwürdig halten? Referent sieht sich darum in die Nothwendigkeit versetzt, auf die Septuaginta zu recurriren. Nach Talmud Tr. Synhedrion berief Ptolomäus Lagi die 72 Mitglieder des Synhedrions zu dem Zwecke, daß sie ihm die Bibel ins Griechische übersetzen sollen. Getreulich entsprachen sie diesem Verlangen bis auf den Hasen — Lagos — den sie aus Rücksicht auf den Namen des gekrönten Staatsoberhauptes in „Plattfüßler" umschrieben. Herr College Schreiber sammt Genossen mögen der Versicherung vollen Glauben schenken, daß die Septuaginta in ganz correctem Griechisch abgefaßt sei und mit dem verunstalteten Deutsch der polnischen Juden nicht die geringste Analogie habe. All' die 400 Rabbinen der Lemberger Synode müssen, es wissen und wissen's wohl auch, daß die Beobachtung der Sabbathruhe allein für die Befähigung I zum Eintritte in das Synhedrion nicht Ausschlag gebend

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