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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-18 · Heft 16 (18.4.1882) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 16 (18.4.1882)
Date
1882-04-18
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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keine besondere Bedeutung beilegen, so sind sie doch für das große und nicht gerade urtheilsfeste Publikum höchst anziehend, fesselnd, bestrickend, und hierin liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die richtige Beurtheilung der Dinge. Kommen wir nun zu dem bereiten Artikel über „die deutschen Juden und ihre Feinde." Wir führen zunächst die Schlußworte Valbert's an. . Sie lauten: „Die Polemik gegen die Juden wird nur mittelmäßige oder fast gar keine Resultate hervorgebracht haben." Weder Stöcker nochvr. Dühring werden ihre Vorschläge verwirklicht sehen. „Was man voraussetzen kann, ist, daß mit den Fortschritten der wahren Duldsamkeit und der liberalen Ideen das Judenthum von Tag zu Tag mehr aufhören wird, ein Vaterland zu sein, es wird nur noch eine Religion sein. In Kurzem werden die Juden von Frankfurt und Berlin, was auch Dr. Dühring von ihnen sage, ebenso gute Deutsche werden, wie die Juden von Bordeaux und Paris' ausgezeichnete Franzosen geworden sind. Dies wird sie nicht verhindern, Juden zu° bleiben, und vernünftige Menschen werden sich hierüber nicht beklagen. Es ist gut, .daß es in einem Laüde einflußreiche Minoritäten giebt, deren Rechte man achtet.' Es .istgut^ daß deren Wichtigkeit ihre numerische.Kraft übersteige; es gut, daß eine Nation nicht ausschließlich-durch jene .oft, blinde, immer /brutale Macht regiert werde, welche, man die Zahl nennt. Alle. Köpfe nach derselben Patrone zustutzen, alle Seelen in derselben Mühle mahlen, allermeister nivellir'en, den Geschmack , an der' Meßschnur 'und am Senkblei bis zur Leidenschaft V treiben, bis zum Fanatismus den Cultus dev Ordonanz und dje Religion der Symmetrie, die Gesellschaften nach dem Meßstabe formen- und. das,Älligner^ent unaufhörlich berichtigen, das ist ohne-Zweifel^datz Ideal Zeines chinesischen Staatsmannes — ab.er, mag es auch den Mandarinen von Berlin u'n?> ParrZ mißfallen, Europa, ist noch nicht'China." — An diesen.Sätzen Valbert's ist gewiß nichts auszusetzen, als die Worte: „Die Juden von Frankfurt und Berlin werden ebenso gute Deutsche werden, wie die Juden von Bordeaux und Paris ausgezeichnete Franzosen geworden sind." Wer sagt Herrn Valbert, daß jene Juden von Berlin und Frankfurt nicht bereits gutr Deutsche sind? daß sie es nicht längst geworden? Würde sich z^ B. Herr Valbert die Mühe nehmen, die französisch-jüdischen Zeitschriften nach 1870 nachzuschlagen, so würde er die gehässigen Auslassungen der letzteren über die deutschen Juden gewahren können, weil die deutschen Juden sich als patriotische Deutsche erwiesen hatten; würde er wissen, wie yiele jüdische Frauen wegen ihrer aufopfernden Thätigkeit für die Verwundeten dekorirt worden; würde er Kenntniß nehmen, wie sehr sich die Juden in T>eutschland, begüterte und unbegüterte, an allen gemeinnützigen Werken und Vorgängen betheiligen — so fehlte ihm sicherlich die Neberzeügung nicht, daß die deutschen Juden allem, nationalen Streben, allen Pflichten und Kundgebungen des deutschen Bürgers ganz ebenso ergeben sind, wie die ausgezeichneten Franzosen jüdischer Religion. Das Uebel ist nur, daß Valbert nur die Stimmen Stöckers und Dührings, wie wir sehen werden , in-Betracht gezogen , die Widerlegungen derselben vernachlässigt'hat. Abgesehen hiervon können wir diese Schlußsätze V.'s nur billigen. Er betont nachdrücklich das Existenzrecht der Minoritäten und verwirft, das Maß. ihrer Berechtigung nach ihrem numerischen Verhältniß abzuzirkeln und zu beschränken. Noch mehr,' er erkennt nicht blos das Recht dieser Minoritäten, sondern auch ihren Nutzen für den Staat, dessen Leben und Inhalt sie vermannigfaltigen und vor erdrückender Einseitigkeit schützen. Haben wir es doch an illustern Beispielen wie Mommsen erlebt, daß selbst auf-- geklärte und liberale Männer in Deutschland das abenteuerliche Verlangen stellten , um den ganzen Streit zu enden, sollten alle Juden sich taufen lassen!! — Auf welchem Wege kommt nun V. zu diesen Schlußsätzen? In der That könnte man den Wunsch hegen, der ganze Artikel bestände nur in diesen Schlußsätzen.. Er beginnt zwar mit den Worten: „Der Himmel sei gelobt! die heftige Polemik gegen die Juden, die in Deutschland so viele Ströme dicker und schmutziger Dinte hat fließen lassen, scheint ins Stocken zu gerathen, sich zu beruhigen, zu Ende zu gehen." Er sieht dies als eine Wirkung der Excesse in Rußland an, welche Schrecken einflößten und jene Pamphlete und Flugschriften widerwärtig, machten. Zagleich seien die Gegner der Juden mit ihren Raisonnements und Jnvectiven zu Ende gewesen, „die Tintenfässer waren leer, die Ermüdung ist gekommen; die bösen Leidenschaften erschöpfen sich wie die guten und auf die Länge wird man Alles müde, selbst auf seinen Bruder zu schimpfen." Was ihut aber nun Herr Valbert trotz der Ermüdung und des Widerwillens, welche, wie er selbst sagt, die Pamphlete der Judenhasser einflößen? Statt sie folgerichtig derVergessenheit übergeben zu lassen, trägt er breit und ausführlich die Jnvectiven Stößers und Dührings gegen die Juden vor. Sollte man es glauben, daß der als liberal sich spreizende Franzose dies zu einem Zeitpunkte thut, wo man in Deutschland selbst, über diese Pamphlete zur Tagesordnung übergegangen ist und Stöcker höchstens'noch in einem kleinen conservativen Kreise, später in einem erneueten Wahlkampfe angehört wird, und wo in England, Nordamerika nnd Holland sich ein allgemeiner Schrei der Entrüstung gegen dieses ganze byrbäriche Gebühren im 19. Jahrhundert erhoben hat? Fürwahr, man wird das Verfahren des Herrn'Valbert des französischen, Genius nicht für sehr würdig erachten! Aber wie hat man es sich zu erklären? Sehr einfach. Es giebt Kritiker, sie sind wohl bekannt, die sich zu ihren Besprechungen die unbedeutendsten und verfehltesten Erzeugnisse der Literatur und Kunst auswählen, um die Gelegenheit zu haben, pikant zu schreiben

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