Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-11 · Heft 15 (11.4.1882) · p. Seite 249

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 15 (11.4.1882)
Date
1882-04-11
Page
Seite 249 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227409--39804-3257406
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

249 sammlung Lei Dreher zu spielen beliebte, und verlangt, daß die Versammlung, in bündiger und offener Weise Stellung gegen die antisemitische Bewegung nehme. Einer der Wortführer dieser Judenhetzen habe in der Versammlung bei Dreher erklärt, daß die Arbeiter als „Infanterie des Antisemitismus" gewonnen werden müssen. (Heiterkeit und Rufe: „Die sollen sich wen Andern suchen, als uns!") Redner beantragt eine Resolution, in welcher die Arbeiter Wiens erklären, daß sie mit religiösen Verhetzungen nicht das Geringste zu thun haben wollen. (Stürmischer Beifall.) In demselben Sinne spricht Kompoß und der Schriftsetzer Barth, welcher energischen Protest gegen die Antisemiten erhebt und namentlich das Auftreten des Abg. Schönerer einer geradezu vernichtenden Kritik unterzieht. Die Arbeiter — so schloß Redner — dürfen mit diesem Herrn ebenso wenig zu thun haben, als mit den Antisemiten überhaupt. (Allgemeiner Beifall.) In demselben Sinne sprachen auch Bauer, Hybesch, Rauscher, Schustaczek u. A., sämmtlich unter donnernden Zurufen der ganzen Versammlung. In überaus markanter Weise wußte besonders Schustaczek die Tendenzen, welche in der Dreher'- schen Versammlung an's Tageslicht sich gewagt, zu brandmarken, Diese Tendenzen werden Schiffbruch leiden; es sei unverantwortlich, den Arbeitern auch nur die Zumnthung zu machen, daß sie sich je für die Störung des confessionellen Friedens begeistern können. Nein, die Arbeiter weisen diese Beleidigung zurück! (Stürmischer, langanhaltender Beifall!) Die Versammlung verlief in bester Ordnung und die Einmüthigkeit der Anwesenden trat überall wohlthuend hervor. Hiermit wird-wohl der Versuch der Antisemiten feinen Abschluß gefunden haben. Belgien.' Antwerpen, 26. März. (Privatmitth.) Wenn in der letzten Nummer d. Bl. Herr Charles Netter, dieser werkthätige jüdische Philanthrop, in seinem Gutachten über die Auswanderung nach Palästina zuletzt bemerkt, es würde diese die offenen und heimlichen Feinde der Juden veranlassen, sie dahin zu drängen, nach dem Lande ihrer Väter zu ziehen, unter dem Vorwände, daß sie dieses doch als ihre eigentliche Heimath betrachten, so scheint diese Warnung schon jetzt berechtigt zu sein. Es kamen uns in letzter Zeit in den verschiedensten Preßorganen Artikel zu Gesichte, welche offenbar den Zweck haben, die Auswanderung nach Palästina uns aufzudrängen. Vorläufig geschieht dies in heuchlerisch-freundlicher Weise. Aber dem schärferen Beobachter bleibt die häßliche Grimasse hinter der Maske nicht verborgen. Einen solchen Artikel lasen wir in dem hier erscheinenden und viel verbreiteten Pr6curseur vom 24. März. Er macht allen in Rumänien und Rußland mißhandelten Juden eine äußerst günstige Schilderung von der Zufluchtsstätte, die sie in Palästina finden würden, und meint, daß so die Verfolgungen in Europa eine große Bedeutung für das h. Land haben würden. Er erzählt ihnen, daß sie dort verhältnißmäßig nur wenig Christen finden werden. Er erfindet — denn wir haben niemals etwas davon gehört — eine jüdische Colonie zwischen Jerusalem und Bethlehem von etwa 300 Israeliten, die dort „in einer absoluten Ruhe, umgeben von der Sympathie Aller, leben und in Frieden die muselmännische Gastfreundschaft genießen." Man habe ihnen zahlreiche Wohnungen eingeräumt, „umgeben von bewässerten, wohlcultivirten und sehr fruchtbaren Gärten." Ist es nicht zu verwundern, daß weder jüdische noch christliche Reisende ein Sterbenswörtchen von diesem Paradiese! gemeldet haben? Der Artikel beschreibt auch die Stadt Safet, wo 800 Juden' mit Textilindustrie beschäftigt sind, welche „der Ruhm der großen Bazars von Damaskus" ausmacht. „Diese kleine industrielle Colonie ist glücklich, lebt in vollkommener Eintracht, und wird von den Behörden hoch gehalten, da sie sich von jedem Proselytismus fernhält, dem die christlichen Sekten zur Beunruhigung des Landes obliegen. Diese Umstände setzen dem Verfasser außer Zweifel, daß die Juden aus Europa dort sehr gut ausgenommen und ihr Glück machen würden. Es sei gar nicht wahr, daß das Land unfruchtbar sei; es fehle nur an Arbeitern und Tausende von Juden würden daselbst Platz finden. Die Juden würden das Land civilisiren und ein großes Uebergewicht daselbst erlangen. Was kann man noch mehr wünschen? Noch einen Schritt weiter, und dieselbe Feder wird auffordern, die Juden zu diesem ihrem Glücke zu zwingen. Ist es denn nicht schon eine große Enthaltsamkeit, wenn man nach diesem Eldorado nicht bedürftige Christen senden will, sondern nur Juden, die man vorher in pharaonischer Weise zum Auszuge als ihrer letzten Rettung durch Verfolgungen zwingt? Rußland. Petersburg, 26. März. (Privatmitth.) Ueber die hier am Ende August a. p. stattgefundene jüdische Notablen-Versammlung, sowie über die Debatten und die gefaßten Beschlüsse derselben habe ich Ihnen s. Z. berichtet. Gegenwärtig wissen nun die hier erscheinenden jüdischen Blätter „Hamelitz" und „Jewreiski Narodni Listok" zu erzählen, daß der Herr Minister des Innern den Juden erlaubt habe, Deputirte aus allen Gouvernements, in denen die Juden ein Domicilrecht besitzen, anher abzudelegiren, zum Behufe der Beratschlagung, was sie, die Juden, ihrerseits zu thun haben, um ihre Lage zu verbessern. Gleichzeitig soll, bei dieser Gelegenheit, ein definitiver Beschluß über die jetzt so oft und so allgemein ventilirte Frage der Emigration gefaßt werden. Nach denselben Quellen sollte man dem Herrn Minister bereits ein Verzeichnis; der Personen, welche als Delegirte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.