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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-04-11 · Heft 15 (11.4.1882) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 15 (11.4.1882)
Date
1882-04-11
Page
Seite 245 (sequence 9)
Language
German
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Ein Gouverneur gesteht also, daß solche tödtliche Verleumdungen unwahr seien und schickt sic doch ofsiciell, Jahr um Jahr, nach der Central-Verwaltung ab! Welche Mittel stehen da den Juden zum Behufe der Rechtfertigung zu Gebote? — Wer kann solche Wunden heilen? — Ausweisungen. Während dessen dauern die Ausweisungen der Juden fort. In der vorigen Woche überfiel die Moskau'sche Polizei, nach dem „Hainelitz", das Judenquartier „Sarädie" während der Nacht, weckte die dortigen Insassen.vom tiefen Schlafe auf, und forderte' Allen die Pässe ab. Am andern Morgen bekam eine große Anzahl Juden die strikte Weisung, die Stadt unverzüglich zu verlassen, und circa 300 Personen, darunter schwangere Frauen und zarte kleine Kinder, wurden bei dieser ungünstigen Jahreszeit bereits ausgewiesen. In allen Synagogen' wurde für diese Armen collectirt, welche nicht wissen, wohin sie-sich wenden sollen. Auch in St. Petersburg scheint es in dieser Beziehung nicht ganz glatt zu sein. Sagt doch schon die „Now. Wr.", dort wären 40,000 Juden ansässig (dreifach zu hoch gegriffen) und. Auch in Luga (Gouv. Petersburg) wurden mehrere jüdische Familien ausgewiesen, darunter ein gewerbtreibender Jude, der dort seit 30 Jahren wohnt und schon lange einen Posten an der Eisenbahn bekleidet, und ein Anderer, der sein Handwerk mit mehreren Arbeitern betreibt, aber selbst nicht mehr arbeitet und dafür seines Domicilrechtes verlustig wurde. In Jeletz sammelt man Unterschriften auf eine Petition, die dortigen Juden auszuweisen, weil, wie ein christlicher Correspondent der „Oreler Ztg." sagt, die Juden hindern, daß die. russischen Getreidehändler die Landleute um 10 pCt. ihres Getreides bringen, und doch besitzt Jeletz eine Alexander- Eisenbahn-Schule, die auf Kosten des Juden Poliakow gegründet und von Selbem unterhalten wird. Ein jüdischer Apotheker im Gouvernement Ol . . . bekam Befehl, seine Apotheke zu schließen. Auf seine Bitte, ihm seine Existenz zu erhalten, rieth man ihm — einen Glaubenswechsel vorzunehmen, womit er aber nicht einverstanden war, und so ist er jetzt, nach 12jähriger Arbeit — dem Elende preisgegeben! Ueberall Leiden, Leiden und Leiden; dazu trifft augenblicklich die telegraphische Schreckensnachricht ein, daß die Stadt „Bjelzy" niederbrennt und Tausende von Juden wieder brod- und obdachlos geblieben sind . . . . Nein, es ist nicht mehr zu schreiben möglich.!'t md iv L. Lewinsohn. Kundgebung in Holland. Amsterdam, 29. März. Holländische Zeitungen bringen einen Aufruf gu Gunsten der russischen Juden, der nach der Uebersetzung der „Franks. Ztg." folgenden Wortlaut hat: Mitbürger! , Hundertfünfundachtzig Jahre sind verflossen, seitdem der große Zar von Rußland, Peter I., längere Zeit in unserem Vaterlande verweilte. Er, der sich die Aufgabe gestellt hatte, seinem Volke die Wohlthaten der Civilisation zu Theilwerden zu lassen, kam nach dem kleinen Holland, um zu lernen, wie dieses Ziel am besten zu erreichen sei. Als er es wieder verließ, nahm er nicht nur Männer mit sich, die ihm dabei zur Seite stehen konnten, sondern auch die Erinnerung an Vieles, was er hier gesehen hatte, und was ihm sicherlich später, als er in sein Vaterland zurückgekehrt war, als Muster vorschwebte. Seit jener Zeit hat Holland stets mit Interesse den Gang der Civilisation in Rußland, woran es selbst ungerufen sich betheiligt hatte, verfolgt. Vielerlei Beziehungen der freundschaftlichsten Art wurden angeknüpft, ein lebhafter Handel zwischen unfern Handelsstädten und den an der Ostsee und dem Schwarzen Meere gelegenen russischen Städten unterhalten, und die Reichthümer Hollands flössen vertrauensvoll in den russischen Staatsschatz. Im Jahre 1813 waren es Russen, die zuerst unserem Volke es ermöglichten, das verhaßte napoleonische Joch abzuwerfen. Unser ritterlicher König Wilhelm H. vermählte sich mit einer russischen Großfürstin, Anna Paulowna, und in ihrem Sohne, unserem erhabenen Könige, fließt das Blut der Oranier vereint mit dem des Hauses Romanow. Ist es also anders möglich, als daß, wenn wir jetzt den Blick auf Rußland richten und sehen, in welch' traurigem Zustande das große Reich sich befindet, wie wenig wirkliche Kultur im Volke Boden gefaßt hat, wie selten der Sinn ist sür Wahrheit und Recht, wie allein die rohe Gewalt das Heft in den Händen hat — kann es dann anders sein, als daß ein Jeder von uns, der ein Herz hat für das Volk, das solch einen ansehnlichen Theil der Erdoberfläche bewohnt, das einen so mächtigen Einfluß ausüben kann auf die Schicksale anderer Völker, sich mit Besorgniß fragen muß: was soll aus diesem Volke werden? Wird es, wenn es so weitergeht, gegen den Willen seiner Beherrscher, die von den besten Absichten beseelt sind, von der aus dem Westen eingeführten Civilisation nur deren Wucher-Gewächs, den abscheulichen Nihilismus, behalten und langsam, aber sicher in die alte Barbarei zurücksinken, deren Vorbote die grausame Judenverfolgung ist? Fürwahr eine traurige Aussicht, bei der Holland unmöglich müßiger Zuschauer bleiben kann. Aber was kann

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