Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1882)
- Date
- 1882-04-11
- Page
- Seite 244 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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heruntergenommen worden. Ans die Frage des Herrn M. erzählte ihm das dort Vorgefundene achtjährige Kind des Hauses, „daß der Papa das Heiligenbild von per Wand herunter nahm, es an den Schweif des Juden Hundes anband und das Thier fortlaufen ließ, worüber wir Alle herzlich lachten . . . ." Ungesäumt ließ Herr Maczkiewicz den „Gotteslästerer" arretiren und gehörig abführen; die aufgeregte Menge beruhigte sich endlich. Wenn kein M. dort gewesen wäre, wie viele jüdische Familien hätten jetzt ihr trauriges Schicksal zu beweinen gehabt? Leider sind aber solcher M. nur wenige. Viele solcher Beamten und keine .-Judenfrage" hätte existirt! Ihr aber die Hamans der Gegenwart, Ihr. Feldherren der judophoben Presse Rußlands, Suworin, Pichno und Osmidow — beschaut euere Jünger, deren einer dieser Gotteslästerer war — und seid auf euer Werk stolz! Eine neue Tactik im Kampfe wider die Juden. Durch den Umstand, daß von der Residenz aus. die localen Administrationen angewiesen wurden, den offenen Kampf wider die Juden, vulZo „Unordnungen", streng und schleunigst zu unterdrücken, — haben die „Faustritter" es für nöihig gefunden, ihre Tactik zu ändern, und statt Krawallen en masse, einen Partisanen Krieg gegen Israel zu führen. Wir wollen darüber ein judenfeindliches Blatt, das „Echo", sprechen lassen. Dasselbe Organ, welches das, was ßon der russischen „Neuzeit", vom „Kiewlianin", und vom „Neurussischen Telegraph" — dem non plus ultra Theil der Judophoben- Presse behauptet wird — in vielen Fällen ohne Bemerkung reproducirt, ist dennoch offenherzig genug zu behaupten, daß die Regierung schon längst ihr Augenmerk auf die immer zunehmende Demoralisation der Volksmassen lenken mußte, welche jetzt nach den stattgefundenen „Unordnungen" einen bedrohlichen Charakter annimmt, und deren Folgen im voraus zu bestimmen sehr schwer fallen muß. Hierbei führt das qu. Blatt eine ganze Reihe von Brandstiftungen an, die an jüdischen Besitzlichkeiten während der letzten Zeit in verschiedenen Ortschaften verübt wurden und schließt mit dem Bemerken, daß man auf. diese Verbrechen, als auf einen Ausfluß eines grenzenlosen Hasses wider eine Bevölkerungsklasse (die Juden) sehen muß. Fügt man noch zu allem Dem die in der Umgegend von Brest vorgefallenen Krawalle en miniatur hinzu, so haben wir, nach dem „Echo", die bedrohlichen Erscheinungen der geheimen Zerstörungskräfte vor Augen, gegen welche Elemente man mit allen Kräften kämpfen muß. Die locale Administration mußte frühzeitig die erforderlichen Maßregeln ergriffen haben, um das Uebel im Entstehen zu vernichten, und nicht müßig gewartet haben, bis . der Sturm der wilden Leidenschaften ausbrach . . . Der berühmte polnische Schriftsteller Dlugatz schreibt in Nr. 52 der „Gazeta Polska“: „ Das Hinmorden einzelner jüdischer Familien hört nichtauf. Auch die heutigen Zeitungen constatiren eine solche Unthat im . Podolien'schen Gouvernement; noch mehr aber wissen die .in Kiew erscheinenden Blätter von solchen Meuchelmordthaten zu erzählen, während nicht wenige solcher erschütternden Facta, gewisser Ursachen halber, von der Presse ganz unregistrirt bleiben. Zuerst war man geneigt, djeses Hinmorden als traurige Einzelfälle zu betrachten, jetzt aber dringt Jedem sich die Ueberzeugung auf, daß diese sporadischen Fälle auf einem System beruhen, die Juden nämlich durch einen, solchen Partisanen Krüeg aufzureiben. Früher siel man die Juden en masse an, und vernichtete ihre Habe; jetzt aber werden sie einzeln angegriffen und hingerafft, nach Art der mittelalterlichen „Vehmgerichte" . ... . Schrecklich!" So die „Gazeta Polska“. Ein Commentar ist hier überflüssig. Ein officieller Bericht über die moralische Lebensweise der Juden. In der letzten Zeit ist von verschiedenen Seiten verlautbart worden, daß in den höheren Regierungssphären kein den Juden günstiger Wind weht. - Das kann übrigens kein Wunder nehmen, wenn man den Inhalt der Berichte kennen lernen würde, die von unteren Instanzen über die Juden nach der Central-Verwaltung abgehen. Wohl aber muß die Art und Weise, wie diese Berichte abgefaßt werden, Staunen erregen. In dieser Hinsicht weiß der unter Präventivcensur erscheinende „Hamelitz" folgendes Geschichtchen zu erzählen. ° In dem betreffenden letzten Jahresbericht aus dem Kreise W. im Gouvernement S ... k lautete es, daß in Hinsicht der Moralität der Bevölkerung alles befriedigend, während die in der Provinz verübten Vergehen, als Diebstahl, Mord, Betrug, Schmuggel re. ausschließlich als Werk der Jpd^n zu betrachten sei. Zufälliger Weise erfuhren die dortigen Juden den Inhalt des sonst geheim gehaltenen Berichtes, und wandten sich mit einer Beschwerde darüber an den localen Herrn Gouverneur. Dieser hohe Beamte behauptete nun, von allem Dem nichts zu wissen und erklärte rundweg, daß die Beschuldigung vollständig aus der Luft gegriffen sei. In Bezug auf den qu. Bericht erklärte der Gouverneur: das alljährliche Verfassen desselben ist seit Jahren dem Beamten W. G. übertragen worden, und dieser hat an dem genannten Berichte kein Jota geändert, sondern er copirte nur wörtlich das, was alljährlich, nach demselben Schema, aä Actum geschrieben und berichtet wird. „Ich, für meine Person, fuhr der Herr Gouvernements-Chef fort, bin für diese Handlung nicht verantwortlich (?), weil ich diese Berichte nur mit meiner Unterschrift zu versehen habe (?) und alles zu acceptiren, was der betreffende Beamte mir unterbreitet" — Sapienti sat!.