Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1882)
- Date
- 1882-04-11
- Page
- Seite 243 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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selbst ertheilen. Und unsre Worte bleiben ja im Auslände von unsren Preßorganen fast nngehört. Täuschen wir uns nicht. Welcher jüdische Redacteur im Auslande ist der russischen Sprache mächtig! Wir besitzen hier im Lande 3 Zeitungen in russischer, 2 in hebräischer Sprache und 1 im Jargon. Wieviel Mal werden diese Blätter im Allgemeinen und die jüdisch-russischen im Speciellen von den ausländischen israelitischen Blättern reproducirt? Und doch was ist nicht alles Tüchtiges, Gediegenes während der letzten Jahre in unsren Organen niedergeschrieben worden, das von den auswärtigen Brüdern ganz unbeachtet blieb? Diesem Uebel, Wenn auch nur zum kleinsten Theile abzuhelfen, soll der Zweck dieser Briefe feilt; Was nun die Tendenz derselben betrifft, so bin ich fest entschlossen, weder sensationelle Nachrichten, noch Pikantes, noch Hypothesen, sondern nur Facta mitzutheilen und diese nach Kräften, objectiv und ohne Uebertreibungen. Sollten die Zeitumstände sich uns günstiger gestalten und dann auch zu Betrachtungen über das geistige Leben - der Juden Muße gewähren, — so werden wir auch dann uns dessen zu befleißigen suchen, die Bilder so wie sie factisch sind, ohne Voreingenommenheit,, ohne subjektive Parteilichkeit, — getreu wiederzugeben. Hinsichtlich der Quellen muß ich bemerken, daß ich, der- Zuverlässigkeit wegen> nur solche benutzen werde, die die Censur passirt haben. Welcher Umstand, namentlich wenn es zu Gunsten der Juden ist, dem Leser eine sichere Garantie für die Authenticität des Mitgetheilten bietet. Zwar werde ich, der Kürze halber, nicht immer die Quellen angeben; aber stets bereit sein, sie, auf Verlangen, genau zu bezeichnen. Ich verzichte von vorn herein auf das Eigenthumsrecht dieser Correspondenzen, und stelle jeder Redaction frei, sie nach belieben aus dieser Zeitung zu reproduciren (natürlich mit Angabe der Quelle! Red. d. A. Z. d. Jud.), nur würde es mir im Interesse der Sache erwünscht sein, wenn, in solchem Falle., die resp. Redaction mir ein Exemplar der betreffenden Nr. zu übersenden belieben würde' (in Tuckum, Kurland, Rußland). Sie entschuldigen, Herr Redacteur, diese Vorbemerkung, Das soll nächstens nicht mehr passiren. Die antijüdische Bewegung in Action. ' Die Zustände der Juden werden immer bedenklicher. Die Unsicherheit aus dem flachen Lande und in den Dörfern nimmt immer zu. Raub, Mord, Brandstiftung, Gewaltthaten und wie sonst die modernen „Unordnungen" (UeZporääüi) heißen, sind, so weit sie an Juden verübt werden, Dank den leichten Strafen, mit denen die „Faustritter" in Warschau davon kommen — zur Tagesordnung geworden. Der Raum einer Wochenschrift dürfte zu geringfügig sein, um Alles, das was hier dem Juden geschieht, zu registriren und wird sich Ihr Correspondent also nur mit einigen, kräftigen Zügen begnügen müssen, um Ihnen auch nur ein oberflächliches Bild zu liefern. Die Proteste über die Ruhestörer sind, nach dem „Golos", zu Ende geführt. Nach derselben Quelle sind von den Friedensrichtern i) verurtheilt worden zur Haft 77 Individuen, zu Polizeiarrest — 884 Angeklagte, zur Geldstrafe von 1 bis 25 Rubel 149 Personen, während 130 Jnhaftirte ganz freigesprochen wurden. (lieber die Dauer der Haft cf. „Allg. Ztg. d. Jud." Nr. 10.) Auch will Fama wissenj daß .ein geheimes Comits für die Verurtheilten Geld sammelte, um den Pön für sie zu entrichten. Wenigstens geht ein solches Gerücht umher, ohne bis hierzu dementirt worden zu sein. Was Wunder also, wenn sich immer Aspiranten auf neue Heldenthaten ffnden? Ein solcher Judenfresser dürfte speciell in den jüdischen Annalen registrirt und der Nachwelt in seiner ganzen Scheußlichkeit überliefert werden. Ein im Dorfe Drobina (Gouvernement Plock) wohnender Bauer wollte das Volk gegen die ihm verhaßten Juden äufreizen und wählte zu diesem Behufe ein scharfsinniges Mittel aus. Er nahm nämlich von der Wand seiner Wohnung ein „Mutter-Gottesheiligenbild" herab und band es an den Schweif eines Hundes des dort wohnenden jüdischen Pächters, und ließ darauf den Hund mit seiner Bürde frei fortlaufen. Alle Bauern, die des Juden Hund sahen, schrieben, selbstverständlich, erstrem diese „Gotteslästerung" zu und es begann eine Mobilisation par exeellence gegen den verhaßten Feind, d. h., ä la Haman I., gegen die jüdische Bevölkerung, überhaupt, — allein als Alles zum Angriff fertig war, erschien von unerwarteter Seite ein Retter der Juden! . ■, In diesem Dorfe hielt sich nämlich zur selben Zeit der Chef der Landespolizei, Major Maczkiewicz, auf. Und dieser Beamte, der die Sitten der Juden genau kennt und sofort einsah, daß letztere sich unmöglich zu einer solchen schändlichen That hergeben würden, und noch dazu, zu solch einer Zeit, wo sie, die Juden, auf einem Vulkan stehen, — dieser Beamte, sagen wir, suchte die kampflustigen „Faustritter" zu bewegen, es der /Regierung zu überlassen, dieses Verbrechen zu untersuchen und — die Schuldigen zu bestrafen, worauf er . ihnen in späterer Aussicht stelle, mit den Juden den Hexensabbath beginnen, zu dürfen. Während dessen setzt Herr M. seine Untersuchungen fort, und da fand er endlich in einer Bauernhütte an der Wand ein Merkmal vor, daß dort einst ein Bild hing und später 1) Das Bezirksgericht wird über die Angeklagten, welche vor dessen Formn gestellt sind, — erst am 20. März a. c. sein Urtheil * fällen.;