Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1882)
- Date
- 1882-04-04
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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223 für dieselben von den schlimmsten Folgen, da in Deutschland kein billiges Land für sie zu finden wäre und die Reise nach Palästina eine bei Weitem kostspieligere ist als nach Amerika. Ob es für die unter B. erwähnte Klasse rathsam sei, nach Deutschland zu gehen, ist sehr fraglich angesichts der Thatsache,. daß Deutschland eine jährliche Auswanderercolonie von 80,000 Personen an Amerika abgiebt. Aber unbegreiflich ist es, wenn man von den deutschen Juden verlangt, daß sie die Hausirer und Höker (C.) unter sich aufnehmen. Selbst von den letzten Judenhetzen in Pommern, Posen und Berlin abgesehen, muß man doch bedenken, daß in einem Lande, wo der Socialismus von den Dächern gepredigt wird, wo Socialismus in der Regierung, auf dem Catheder, in Gerichtsstuben rc., allerdings unter verschiedenen Formen, als Ausgangspunkt dient, wo der Gegensatz zwischen producirenden und nichtproducirenden Klassen in allen Schichten der Bevölkerung in beispielloser Weise um sich gegriffen hat; angesichts dieser Thatsachen wäre es wünschenswerth, wäre es im Interesse der deutschen wie der russischen Juden wie auch der Juden im Allgemeinen, die Abgesandten des hiesigen Comitss benutzten die ihnen gegebene Freiheit der Handlung dazu, so zu handeln, wie die Umstände von ihnen fordern werden. Am Mittwoch den 15. d. M. verschied eine der ältesten und angesehensten Persönlichkeiten unserer Gemeinde. Louis Cohen gehörte schon vor ca. 50 Jahren zu den Repräsentanten unserer Gemeinde. Er war im September 1799 geboren. Er war der Sohn des verstorbenen Joseph Cohen und Nesse des Baron Nathan Meyer Rothschild. Er hinterläßt fünf Söhne (Henry, Lionel, Alfred, Benjamin und Nathaniel) und drei Töchter (Frau Jessel, Frau Sebag und Frau Montagu). Seine religiöse Richtung war streng orthodox und war. er während seiner öffentlichen Thätigkeit bemüht-, den Wohlthätigkeitsanstalten und allen Gemeinde-Institutionen, denen er Vorstand, den Stempel seiner Ueberzeugung auszudrücken. E. R. z. Russische Briefe. II. Petersburg, 28. Februar 1882. Hefter den Gang der Arbeiten des auf allerhöchsten Befehl constituirten Comitäs zur Beurtheilung der sogenannten „Judenfrage", über welche ich Ihnen in meiner letzten Correspondenz ausführlich berichtete, weiß ferner ein hiesiges Blatt (die „Nowosti") Folgendes zu erzählen:. Die Aufgabe des qu. Comites ist eine zweifache: a) Maßregeln ausfindig zu macheu, durch welche die Ruhe in den von den Judenbewohnten Ortschaften. sicher zu stellen. wären, und b) die mannigfaltigen Beschlüsse der localen Commissionen (in 16 Gouvernements) in Betreff dieser „Frage".zu shstematisiren. Was die erstere Aufgabe betrifft, wurde diese bis zu den in Warschau stattgefundenen Unordnungen, als vollständig erledigt, und die vom Comite ausgearbeiteten Maßregeln zur Vorbeugung von. Unordnungen als ganz befriedigend befunden. In Bezug der zweiten Aufgabe, so ist die Erledigung derselben einem „gelehrten" Gliede des Comit6 übertragen worden. Die Arbeit dieses Gelehrten sollte nämlich darin bestehen, die ganze Gesetzgebung über die Juden zu revidiren, die einander widersprechenden Verordnungen in Uebereinstimmung zu bringen, die einzuschlagende Politik der Regierung in Betreff der Judenfrage genau zu kennzeichnen, die in unsrer Gesetzgebung existirenden Sonderrechte der Juden zu motiviren, und die von den „localen Commissionen" in Vorschlag gebrachten Mittel zur Regulirung „der Beziehungen der Juden gegenüber der indigenen Bevölkerung" zu sormuliren.' In Erwägung dieser dem qu. Comitä obliegenden, so schwierigen Aufgabe ist es kaum anzunehmen, daß es ihm sobald gelingen wird, sich der ihm auferlegten Arbeit zu entledigen. In den ersten Sitzungen beschäftigte das Comits sich damit, die Beschlüsse der „localen Commissionen" kennen zu lernen, von welchen letzteren übrigens einige ihre Protokolle bis hierzu noch nicht eingesandt haben. Wenn nun aus allem Dem hervorgehen muß, daß die Arbeiten des Comitss sich noch im Stadium der Vorbereitungen befinden, so muß es um so mehr befremden, daß der sonst sehr gut redigirte „Woschod" in seiner letzten „Wochen- Chronik" zu erzählen weiß, daß das mehrerwähnte Comits bereits beschlossen habe, den Juden den Aufenthalt auf dem platten Lande und in den Dörfern zu verbieten, und daß von Seiten des Comits's eine desfallsige Vorstellung an das Minister-ComitS bereits ergangen sei. Gegen die Authenticität dieser Nachricht spricht der sonst sehr gut unterrichtete „Hamelitz" sein Bedenken aus, und motivirt es dadurch, daß sein Chef-Redacteur, Herr Alexander Zederbaum, zwei Mal die Ehre hatte, vom Herrn Minister des Innern, dem Grafen Jgnatiew, empfangen zu werden, und bei dieser Gelegenheit aus dem Munde seiner Erlaucht zu erfahren, daß das qu. ComitS keine Beschlüsse fassen, bevor es auch Juden befragen und hören werde, was bis hierzu noch nicht geschehen ist; folglich kann nach Ansicht des „Hamelitz" noch nichts Positives beschlossen worden sein. Ad vocem Zederbaum dürfte, meines Erachtens, dessen Beschreibung seiner letzten Audienzbeim Herrn Minister des Innern, welche am 7. Februar stattfand, auch weitere Kreise interessiren. Heute hatten wir Gelegenheit, schreibt Herr Z. im „Hameltz" von einer hohen Persönlichkeit*), in deren Händen das Schicksal der Juden liegt, empfangen zu werden und unter 1) Welche in der darauf folgenden Nummer als der Herr Minister des Innern bezeichnet wird.