Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1882)
- Date
- 1882-04-04
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„So ich deinen Himmel schaüe, deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die du schufest: Was ist der Mensch, daß du sein denkest, Der Menschensohn, daß du sein achtest?" Und ebenso auf dem Boden der Geschichte, des menschlichen Lebens 144, 3., mit dem Zusatze: „Der Mensch, dem Hauche gleicht er, seine. Tage vorüberwandelndem Schatten." Aber von der anderen Seite sehen sie den Menschen, mit dem Geiste begabt, den ihm Gott eingesenkt, vor allen übrigen Wesen der Erde ausgezeichnet und zu deren Herrscher bestimmt. Daher fährt der angeführte 8. Psalm fort: „Doch du ließest ihn der Gottheit um wenig ermangeln, Kröntest mit Ehre und Herrlichkeit ihn. Setztest zum Herrn ihn über deiner Hände Werke, Alles legtest du unter seine Füße." In dieser Weise begreifen sie die Stellung des Menschen auf Erden, und erkennen das Verhältniß desselben zu Gott immer als das des hochbegabten und ausgezeichneten Geschöpfes Gottes, und das Verhältniß Gottes zum Menschen als ein unmittelbares. Dies letztere thut sich in der Borsehung, in der Vergeltung und in der Offenbarung kund. Die Vorsehung bethätigt sich an dem Geschicke der Völker und jedes einzelnen Menschen, in Allem, was ihm geschieht. Hiervon ist das Psalmbüch voll; Gefahr und Rettung, Mißgeschick und Hülfe werden in allen Tönen, in Schmerzensruf des Leidenden, wie im Jubelruf des Siegers aus allen Tiefen des Menschenherzens ausgesprochen. Bor Allem aber richtet sich diese Vorsehung Gottes darauf, die Unterdrückten zu befreien, die Schwachen zu stärken, die Gebeugten aufzurichten. Rührend ist das Bild, das uns hiervon der 146. Psalm, entwirft. Das Ziel ist die Ruhe, der Frieden, die Befriedigung. Ich kann es mir nicht versagen, hier das kleine Meisterwerk anzuführen, welches wir im 23. Psalm besitzen: „Der Ew'ge ist mein Hirt, mir mangelt's nicht. Auf grüne Auen lagert er mich, Zu Wassern der Ruhe leitet er mich. Meine Seele labt er; Er führt mich in des Rechts Geleisen, um seines Namens willen. Auch wenn ich geh' im Thal des Todesschattens, Fürcht ich kein Leid, denn du bist bei mir: Dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich. Du rüstest vor mir einen Tisch, im Angesichte meiner Dränger, Salbst mit Oel mein Haupt, mein Becher fließet über. Nur Glück und Liebe folgen mir all' meine Lebenstage, Ich wohne in des Eiv'gen Hause lange Zeiten." — Nicht minder predigen die Psalmen die Vergeltung Gottes, das göttliche Gericht, das . den Gerechten aus aller Trübsal zu Frieden, Sicherheit und Ueberfluß, die Frevler zu Verderben und Untergang führt. Die beständigen Bedrängnisse der Nation von Außen, die Kämpfe der Parteien im Innern, besonders zwischen den Anhängern der Gotteslehre und dem immer wiederhereinbrechenden, oft von den Machthabern beförderten HeidenthUme und die daraus entspringende sittliche Entartung, so daß das Recht in jeder Weise gebeugt ward, alles dies brachte Zustände zu Wege, in welchen die Anrufung des göttlichen Gerichts als Tröstung für die Kämpfenden und Unterliegenden, und als Warnung und Drohung gegen die Uebelthäter nur zu natürlich war. Dieses göttliche Gericht wurde schon innerhalb des irdischen Lebens sich vollziehend gedacht. Die Sänger sehen sich in ihrem Rechte, in ihrer Unschuld und Frömmigkeit verletzt, geschädigt, bedrängt; sie sehen ihre Sache zugleich als Sache Gottes, ihre Gegner als Widersacher Gottes an, und so fordert die Anerkennung Gottes selbst, daß die Frevler bestraft werden, und die Weisheit und Güte Gottes, die sich in der Schöpfung überall erweisen, sind die Bürgschaft des Strafvollzugs. Nun haben wir zugleich lyrische Ergüsse des leidenschaftlich bewegten Herzens vor uns und es ist naturgemäß, daß sich in der bedrängten, ja oft verzweifelten Lage die Empfindungen bis zu Haß und Rachedurst steigern, immer gerechtfertigt, daß damit der Haß gegen die Feinde Gottes und die Beseitigung der Frevelthaten "verbunden sei. Es ist dies ein Gebiet, welches Pindar der Sänger friedlicher Siege zu betreten keine Gelegenheit hatte. Aus den vielen, diesem Gedankengange gewidmeten Psalmen heben wir nur als ein charakteristisches Beispiel die ersten Verse des 94. hervor: „Gott der Vergeltung, Ewiger, Gott der Vergeltung, erscheine! Richter der Erde, erhebe dich, Bringe die Strafe über die Stolzen! Wie lange sollen die Frevler, Ewiger, Wie lange die Frevler frohlocken? Sie sprudeln, reden Trotz, Es prahlen alle Uebelthäter. Dein Volk zertreten sie, Ewiger, Und drücken dein Erbe. Wittwe und Fremdling würgen sie Und morden Waisen, Und sprechen: Iah siehet nicht, Und nicht merket Jakobs Gott." — , Finden wir für diese Ideen einige Anklänge auch bei Pindar, so fehlt bei diesem doch ein und zwar höchst bedeutendes Moment, die Betrachtung über die Sünde, deren Erkenntniß und Vergebung. Schon das wird von dem Psalmisten erkannt, wie der Mensch vielfach sündige , ohne daß es ihm zum Bewußtsein komme, wo dann die Zuversicht sich ausspricht, daß Gottes Barmherzigkeit den Menschen von diesen „verborgenen" Fehlern losspreche- (Ps. 19), daß viel