Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1882)
- Date
- 1882-04-04
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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;219 seinem Heiligthum spricht Alles: Ehre!" dieses „Heiligthum Gottes" ist die ganze Natur. . Nicht minder Prächtig ist die Schilderung der wogenden Gewässer. „Die Welt steht fest, sie wanket nicht" — aber „Ströme erheben, Ewiger, Ströme erheben ihre Stimme, Es erheben Ströme ihr Brausen. Mehr als das Tosen vieler Gewässer, Der mächtigen Wogen des Meeres, Ist herrlich der Ewige in der Höhe!" Neben dieser allmächtigen und allweisen Schöpferkraft feiern in engstem begrifflichen Zusammenhang die Psalmisten nichts öfter als die Allgegenwart und durch diese die Allwissenheit Gottes. Ganz besonders ist diesem Gedanken der 139. Psalm gewidmet. Es ist dies überhaupt ein merkwürdiger, für die Religion aller Zeiten grundlegender Psalm. Er ist es, der die Objektivität Gottes mit dem subjektiven Menschen in die innigste Verbindung bringt und das große Geheimniß ausspricht, wie der allgemeine Gott, das absolute Sein in jeglichem Dinge ist. Der poetische Zauber dieses Psalms liegt aber darin, daß er diese große objektive Betrachtung dennoch ganz aus dem Ich herausspinnt und statt in die Allgemeinheit sich zu verlieren, den Boden der menschlichen Persönlichkeit nicht verläßt. Er beginnt: „Ewiger, du erforschest mich und kennest, Du kennst mein Sitzen und mein Aufstehn, Verstehst mein Denken schon von ferne. Ist doch kein Wort auf meiner Zunge, Sieh', Ewiger, du kennst es ganz.". Der Sänger ist dieser Erkenntniß voll, aber sie erscheint ihm wunderbar, erhaben, aber unerreichbar. (B. 6.). Wie soll er sie sich erklären? Zuerst durch, die Allgegenwart Gottes. „Wohin soll ich vor deinem Geiste gehen, Wohin vor deinem Antlitz ffiehen? Stieg' ich zum Himmel auf: da bist du, Und nähm' ich mir die Unterwelt zum Lager: du bist da! Schwäng' ich der Morgenröthe Flügel, Wohnt' an des Meeres Ende: Auch dort würd' deine Hand mich leiten, Mich fassen deine Rechte. Sprach' ich: Ja, Finsterniß wird mich umfangen: Bei Nacht wird Licht um mich; Auch Finsterniß verfinstert nicht vor dir, Nacht leuchtet wie der Tag, Dunkel und Licht , sind gleich." Alsdann aber macht er sich diese Allwissenheit klar dadurch, daß Gott ihn geschaffen. „Du schufst ja meine Nieren, Wobst mich in meiner Mutter Schooß. Nicht war mein Wesen dir verhohlen, Da ich gebildet im Verborgnen ward, . Gewirket in des Irdischen Tiefen. Mich unentwickelt sahen deine Augen, Und alle waren in dein Buch verzeichnet, Die Tage, die gebildet wurden, als keiner war von ihnen da!" Weiter geht die menschliche Erkenntniß nicht, als noch das Bewußtsein, daß durch dieselbe die sittliche Läuterung des Menschen herbeigeführt und gefestigt wird. (V. 19—24.). So stellt der Psalmist, mitten aus der dichterischen Strömung heraus, die Grenzsteine des menschlichen Erkennens scharf und bestimmt auf: das Wissen des Menschen von Gottes Sein in Allem, das Erklären dessen durch die Allgegenwart Gottes und daß Alles Gottes Schöpfung ist, , daß jedoch das Wie den Menschen verborgen bleibt, daß es aber deshalb nur darauf ankommt, in Gedanken, Wort und That bei diesem Gott zu bleiben, auf daß das Leben des Menschen doch in Harmonie aufgehe. Wie man sich übrigens sonst die Gegenwart Gottes in den Dingen dachte, haben wir bereits oben gesehen. (104, 30.): „Du sendest deinen Odem (irm, nn bekanntlich „Odem" und „Geist"), sie werden geschaffen. Du nimmst ihnen den Odem, und sie vergehen." Es ist der Wille Gottes, der als das Sein an sich in den Dingen ist. — Daß bei solchen Anschauungen jener, von Pindar so oft ausgesprochene Glaube, daß die Götter an den Opfern und Opfermahlen ein großes Gefallen haben, daß sie solche von den Menschen fordern und darnach ihre Gunst gewähren, bei den Psalmisten verschwunden ist, wird man voraussetzen müssen. Sie sprechen es aber auch öfter aus, z. B. 40, 5—11: „Schlacht- und Speisopfer begehrest du nicht, Ganz- und Sühnopfer forderst du nicht — Deinen Willen zu thun, mein'Gott, begehr'ich Und deine Lehre ist in meinem Innersten." Noch nachdrücklicher spricht sich Ps. 50, 7—15 gegen die Opfer aus und erklärt sie geradezu als dem Begriff von Gott widersprechend. An ihre Stelle tritt das Gebet, das tiefempfundene, vorgetragen in einem. Liede, und „ein neues Lied" ist das Opfer und die Feier, die Gott geweiht werden. (Z. B. 92, 2. 144, 9. 146, 2. 149, 1.). Was uns aber besonders interessiren wird, das ist, wie die Psalmisten sich das ^Verhältniß zwischen Gott und Mensch dachten. Wenn Pindar trotz der Verschiedenheit der Götter und der Menschen beide aus demselben Ursprung hervorgehen läßt, so würden die Psalmisten eine solche Ansicht mit Entrüstung zurückgewiesen haben. Das mosaische Dogma: „Gott schuf den Menschen in seinem ELenbilde" vor sich habend, faßten sie die Frage von zweien Seiten auf. Sie erkennen dem Menschen von der Betrachtung der Natur und der Geschichte, als der Werke Gottes, die Nichtigkeit zu. , Im 8. Psalm, V. 4. heißt es: 14*