Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-28 · Heft 13 (28.3.1882) · p. Seite 207

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 13 (28.3.1882)
Date
1882-03-28
Page
Seite 207 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227407--39760-3257360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Verein verliert nicht allein eine schätzbare Kraft, ihm wird indirekt der Stempel einer Parteieinseitigkeit aufgedrückt, was ihm seiner Natur nach fremd ist und fremd sein muß. Hoffentlich wird der Verein keine Mühe scheuen, aus dieser schiefen Lage herauszukommen. Der Jahresbericht des Vormundschaftsboardes (Board of Guardians) für das Jahr 1881 giebt ein richtiges Bild der materiellen Lage unserer ärmeren Glaubensgenossen. Unter ca. 40,000 jüdischen Einwohnern unserer Stadt reichten 2629 Personen Unterstützungsgesuche ein, 41 Personen mehr als in 1880. Darlehnsempfänger sind nicht miteingerechnet. Unter den Uuterstützungssuchenden waren 39 „neue Fälle".. Die Zahl der Applicanten aus den Reihen der Eingeborenen und der mehr als 7 Jahre Ansässigen hat sich um 70 verringert, die aus den Reihen der seit weniger als 7 Jahren Eingewanderten nahm um 111 zu. 87pCt. der eingewanderten Applicanten sind aus Rußland. 1243 Personen erhielten „zufällige" Unterstützungen in einem Durchschnitte von 1 £ 17 s. ll3/4 d. p. a. 500 Anwanderer sind unterstützt worden. 484 waren Ausländer, 415 Polen, 49 Deutsche, 17 Holländen, andere Länder 4. Die Uebrigen Inländer. 42 gingen nach anderen Städten im Jnlande, 306 nach dem Continent, 147 nach den Vereinigten Staaten und 16 nach den Südseecolonien. 84 Frauen mit 232 Kindern, die von den Männern, resp. Vätern verlassen, wurden nachgeschickt. In Allem waren 11,269 £ 18 s. 2 d. gegen 10,656 £ .19 s. 2 d. in 1880. verabreicht, einschließlich der Darlehne, die den größten Theil ausmachten. 74 Kinder sind als Lehrlinge untergebracht worden gegen 34 im vorigen Jahre. Der Board beabsichtigt im kommenden Jahre ca. 100 Kinder unterzubringen. Einzelne Meinungsverschiedenheiten verursachten den Rücktritt mehrerer zahlender Mitglieder. Hoffentlich werden auch diese Punkte zur allgemeinen Zu-i frieden heit beseitigt werden. Der Verein für Altersversorgung, der seit 53 Jahren besteht, zählt 2000 beitragende Mitglieder, die jährlich 1000 £ beitragen. Er hat eine jährliche Ausgabe von 1500 £, so daß der Verein unter einem Deficit arbeitet, aber bei seiner Popularität hofft er in Kurzem seine Einkünfte zu vergrößern. Unter ähnlichen Schwierigkeiten arbeitet -auch die Verwaltung der Kinderschule. Es werden 1200 Kinder unterrichtet. Die Kosten sind ca. 1700 £, das Einkommen hingegen ca. 1000 F. E R. z. Eine beabsichtigte Verfolgung in Nußland. (Die Mittheilung, die wir hier folgen zu lassen haben, wird durch soeben uns zugekommene russische Briefe als sehr zweifelhaft, ja als bloßes Gerücht bezeichnet. Wir werden unsere Berichte in nächster Nummer geben. Wir durften das Folgende, als charakteristisch für Stimmung und Befürchtung, nicht nachträglich streichen. Redakt.) Herr vr. Rülf in Memel versendet ein Circulair, dessen Hauptinhalt lautet: Soeben erhalte ich die Nachricht, bei welcher ein jeder Zweifel an ihrer Wahrheit vollkommen ausgeschlossen ist, (?) daß sich alle Verfolgungssucht gegen die russischen Juden zu einem ersten, fast vernichtenden Schlage zusammenballen will. Die Hauptcommission, welche in St. Petersburg hie sogenannte Judenfrage zu lösen berufen ist, hat beschlossen: In Anbetracht, daß die vollkommene Lösung mehr als ein Jahr beanspruchen dürfte; in Anbetracht, daß den „Pogromen" (Aufständen gegen die Juden) ein Ende gemacht werden müsse, empfiehlt die Commission folgende vorläufige und interimistische Maßnahmen: 1. Um alle Gelegenheit der Zusammenrottung zu beseitigen, überhaupt der Trunksucht entgegenzuwirken, wird den Juden überall, wo sie auch wohnen mögen, der Handel mit Getränken untersagt. 2. Alle Juden, welche auf Dörfern und Gehöften sich angesiedelt haben, was für ein Geschäft sie auch betreiben mögen, müssen den Ort verlassen, es sei denn, daß die bäuerlichen Ortsvorsteher (Selkes) die Bürgschaft, eine jede Schädigung an Leib und Gut von den Juden sernhalten zu wollen, übernehmen. 3. Das gegen die Juden gerichtete Verbot des Erwerbes von ländlichem Grundbesitze wird auch für die Folge aufrecht erhalten. 4. Bei der Wahl der christlichen Magistratsmitglieder in den Städten, sowie des Magistratsvorsitzendcn haben die Juden ferner nicht mehr mitzustimmen. (Die Magistrate, auch in Städten, welche fast nur jüdische Einwohner haben,! müssen mitsammt dem Vorsitzenden zu zwei Dritteln aus Christen bestehen. Bisher durften die Juden wenigstens bei der Wahl dieser milstimmen.) . 5. Die 'Juden können am kaspischen Meere als Ackerbauer sich niederlassen. Gezwungen werden sie hierzu nicht, auch wird ihnen zu diesem Behnfe keine Unterstützung gewährt. Diese Bestimmungen sollen als interimistisch, mit Ausschluß des Reichs- und Ministerraths, auf dem Verordnungswege eingeführt werden, um — die Juden vor Ueberfällen zu schützen. Wir wissen, wer die Ueberfälle angestiftet, zum wenigsten wissen wir ganz genau, wer die Räuber, Mörder und Frauenschänder ruhig gewahren ließ und später der Bestrafung entzogen hat. Durch die unter 1 und 2 bezeichnten Maßnahmen werden fast eine Million Menschen brodlos. Die Zahl der Krugbefitzer und Branntweinverkäufer ist schon sehr groß. Weit größer aber ist die Zahl der ländlichen Handwerker,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.