Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1882)
- Date
- 1882-03-28
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
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Londoner SrM X. London, im März 1882. Drei Gelegenheiten boten sich in letzterer Zeit' unserer Regierung dar, der Humanität und Civilisation Vorschub zu! leisten. Bei jeder dieser Gelegenheiten zog sie sich zurück, ihre j Liebe und Hingebung für Civilisation und Humanität, heuchlerisch betheuernd.; Die politische Heuchelei ist eine alte Schwäche des Libe-! ralismus, der .er es auch zu verdanken hat, daß er jetzt von; Rechts und Links desavouirt und unbarmherzig an die Wand -gedrückt wird. Aber Herr Gladstone scheint den Großmeisters der Heuchelei spielen zu wollen. Daß er Krokodilsthränen; weinend grausame Ausnahmsgesetze in Irland schafft, gehört j nicht vor dieses Forum; daß aber dieser „radikale" Ministers des reichsten und daher mächtigsten Staates in Europa das j Interesse seiner eigenen Bürger der Laune und Willkür einer; fremden despotischen Regierung preisgiebt, nur aus dem! , Grunde, weil diese Bürger Juden sind, daß die Consulate dieses Ministeriums indifferente, auf bloßem Hörensagen beruhende und aus verdächtigen Quellen geschöpfte Berichte einsenden, daß der Minister selber, dieser Champion für Recht und Gerechtigkeit in Armenien, Bulgarien, Crivoscia, Her-, zegowina rc. bezüglich der brennend gewordenen Judenfrage nichts Weiter hat als ein Paar Krokodilsthränen zu vergießen, um die Widersprüche in seiner Politik zu verdecken — kann in einem Blatte, das jüdischen Interessen gewidmet ist, nicht genug besprochen werden. Die Frage der Intervention hat zwei Seiten, die Rechts¬ und die Nützlichkeitsseite. Was diese anbetrifft, so ist zu bezweifeln, ob eine Intervention Ersprießliches hätte leisten können, welche Ansicht schon in einem vorigen Briefe angedeutet worden ist. Wenn Staatsmänner oder wer es auch sei, sich darauf berufen, daß es nicht statthaft sei, sich in Angelegenheiten fremder Staaten zu mengen, so weiß jeder den wahren Werth einer solchen Ausrede zu schätzen. Seit einem Jahrhundert hat die coalirte Reaction Europas, Eng-, land nicht ausgenommen, systematisch jede Freiheitsbewegung in irgend einem Staate mit bewaffneter Hand unterdrückt. (Ich brauche nur an die Coalitionen bei. Gelegenheit der französischen Revolution, an die Interventionen in Neapel, Florenz, Spanien in den 20 er Jahren, an die Intervention Preußens in Baden, Rußlands in Ungarn im 49 er Jahre zu erinnern.) Ist eine hundertjährige Praxis, der.ein absolutes Recht nicht entgegensteht, nicht hinreichend genug, um eine Intervention zu Gunsten der Juden zu rechtfertigen? Welcher Umstand hat Rußland das Jnterventionsrecht in der Türkei, gegeben? Oesterreich in der Herzegowina? Oder ist das Recht der Intervention überhaupt nur für die Reaction ha und existirt im Interesse der Humanität nicht? Es ist Aufgabe einer unparteiischen Presse, die Illusionen, die in vielen Kreisen noch herrschen, als wären Regierungen bereit, für Unterdrückte einzutreten, auch da, wo ihr Privatinteresse nicht berührt wird, zu verdrängen. Der Hohn, mit dem Rumänien den Berliner Vertrag ausführt, die Preisgebung seiner jüdischen Bürger von Seiten Oesterreichs bei Abschließung der Handelsverträge mit Rumänien, die nachher den übrigen Regierungen als Basis dienen konnte, diese und noch unzählige Ereignisse sollten manche Illusionen beseitigt und den Juden mehr die „Selbsthilfe" als die „Staatshilfe" empfohlen haben. Wenn die Juden im Allgemeinen kein Recht dazu haben, sich über Herrn Gladstone zu beklagen, daß seine Sympathien für sie geringer sind als für die Unterthanen Nikita's, so haben die englischen Juden wohl Grund genug, sich über Gladstone zu beschweren, über seine Bereitwilligkeit sie preiszugeben. Der Fall Lewisohn beweist diese Bereitwilligkeit zur Genüge. Die Antwort des Earl Granville an Herrn Lewisohn, die Correspondenz des Erstern mit Sir E. Thornton sagen deutlich, daß auch England dieser logischen Politik sich anschloß, der Herr Andrasfy s. Z. die österreichischen Unterthanen jüdischer Confession zum Opfer brachte. Die englische Regierung ist zwar ,so gnädig, ihren jüdischen Unterthanen das Bürgerrecht zu gewähren, aber nur so lange sie nicht nach Rußland gehen wollen. Wenn diese den russischen Boden betreten, hört der englische Schutz, der den englischen Christen auch hier zu Theil wird, auf, der englische Unterthan hört auf Engländer zu sein und wird nur Jude. Dieser Schritt ist um so tadelnswerther, als die amerikanische Regierung beim Fall Pinkos der russischen Regierung gegenüber eine ganz andere Sprache führte. Hatte die vom Baron H. de Worms eingebrachte Interpellation keinen materiellen Vortheil gebracht, wie sie auch angesichts der thatsächlich gegenwärtig herrschenden Verhältnisse und Verbindungen der verschiedenen Regierungen keinen bringen konnte, so hat sie leider ein Ereigniß heraufbeschworen, das, wenn es nicht recht bald beseitigt wird, Zwistigkeiten in den Reihen der Aüglo-Jewish Association bringen muß. Mag man über die Tragweite der genannten Interpellation denken wie man will, so viel ist sicher, daß die A. J. A. moralisch verpflichtet war, ihrem Präsidenten, dem Baron H. de Worms, für seine Hingabe für die jüdische Sache ihren Dank auszusprechen. Allein Serjeant Simon (liberal), der schon im Parlament gegen die Interpellation war, weit er sie den Interessen der gegenwärtigen liberalen Regierung schädlich glaubte, und der Vicepräsident der genannten Association ist, glaubte seinem Patriotismus und Ehrgefühle schuldig zu sein, sein Amt niederzulegen, was er auch in derselben Sitzung that. Es ist leicht begreiflich, l aß der Verlust einer solchen Kraft ein doppeltes Nebel sei. Der