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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-28 · Heft 13 (28.3.1882) · p. Seite 205

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 13 (28.3.1882)
Date
1882-03-28
Page
Seite 205 (sequence 5)
Language
German
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Weder bei Tage noch bei Nacht/ Das Schicksal uns entgegenzulaufen gebeut." Als die „eine Mutter", von welcher Götter und Menschen abstammen, ist bekanntlich Gäa, die Erde, gedacht, und somit rückt der Dichter bei aller Verschiedenheit Götter und Menschen einander sehr nahe, wenn auch die ersteren als von der Vergänglichkeit und von der Unkenntniß der Zukunft frei gekennzeichnet werden. Es liegt in dieser Vorstellung vom Ursprung der Götter und der Menschen der charakteristischeste Zug der hellenischen Mythologie, da hiermit die Götter als geschaffene Wesen und die Menschen als nicht von den Göttern geschaffen, dargestellt werden. Ist die Lebensdauer der Menschen eine beschränkte, so sind sie doch nach dem festen Glauben des Sängers unsterblich, und bewahren in der Unterwelt ihre menschliche Persönlichkeit so sehr, daß auch die Kunde von den Lebenden und deren Geschicken zu ihnen dringt. „Der Grabesstaub, sagt er, verbirgt ihnen nicht den Glanz ihres Geschlechtes" (Ol. 8. Ant. 4.) und „unter der Erde vernimmt ihr Geist" das Glück der Ihrigen (Pyth. 5, 95.), den Frevler erwartet unerträgliche Pein, den Gerechten Glückseligkeit. Pindar schildert das Paradies mit lebhaften Farben, und wir niüssen die ganze Stelle hersetzen (Ol. 2. Ep. 3.): . „Frevel, hier Oben in Zeus' Herrschaft Verübt, Einer im Schattenreich straft nach grausem Unwandelbarem Spruches Doch immer gleich scheint in Nächten Wie an den Tagen den Gerechten da die Sonne, müheloseren Daseins erfreuen sie sich dort, nimmer durchwühlend mit der Arme Kraft Erde oder Meeresfluth' Um so spärlichen Erwerb; es lebt Bei der Götter Lieblingen, Wer immer hier des Eidschwures Treu froh bewahrt, Ein harmloses Leben Auf ewig; doch Frevler tragen Unausstehliche Pein. Wer hier und dort, dreimal wechselnd, In Beständigkeit sein Gemüth hat durchaus Rein bewahrt Von Frevel, der wandelt auf dem Pfad des Zeus zur Kronosburg; dort umwehn Okeans Lüfte sanft Der Sel'gen Inseln, es erglüh'n Blumen da von lauterm Gold: bedeutet, hier denl „Verstände" gegenüber, etwa die leidenschaftlichen Bewegungen der menschlichen Seele. Diese schrieben die Griechen ihren Göttern zu, und allerdings auch Menschengestalt in verschönten und vergrößerten'Maßen, schwerlich jedoch, eine Körperkraft, in welcher Menschen ihnen gleichkämen. Die hier entsprossen an glänzendem Gezweig, Die dort nährt das Wasser. Mit deren Umschlingungen kränzen Sie sich Arme und Haupt. : - Ist diese Schilderung des Lebens im Jenseits auch noch sinnlich, ja materiell genug, so fällt doch bei einem Vergleich mit der Walhalla der alten Deutschen und noch mehr mit dem Paradiese des Islam die Sittigkeit und Keuschheit des PindarischeN Hymnos anmutheNd auf, und man wird sich des Fortschrittes bewußt, den das hellenische Volk gerade ttt diesem Punkte gemacht, wenn man sich dessen erinnert, was Homer den Odysseus von der Unterwelt berichten läßt. --. Dies sind die religiösen Vorstellungen, aus welchen die Siegesgesänge Pindar's herausgewachsen und von denen sie erfüllt sind. Wenn der moderne Mensch an dieselben herantritt und sie zu einem Gesammtbilde zusammenfaßt, so mögen sie ihm wie ein wallendes Nebelmeer erscheinen, durch welches nur hier und da ein starker Sonnenstrahl hindurchbricht. So waren die religiösen Vorstellungen der ganzen hellenischen Nation beschaffen. Dennoch lassen sich zwei Beobachtungen' hier machen. Zuerst, daß selbst die dem reinen Begriff von der Gottheit entferntesten Vorstellungen in dem kindlichen und der Begeisterung fähigen Gemüthe die erhebendste Andacht und Kräftigung des sittlichen Gefühles hervorzubringen vermögen. Das kommt uns bei Pindar zur Erkenntniß, dem bei dem Gedanken der olympischen Götter trotz ihrer phantastischen und sinnlichen Gestalten das Herz aüfgeht und von Ehrfurcht und Anbetung geschwellt wird. Andererseits, daß sie dennoch den Volksgeist zu fanatisiren und zu blutigen Thaten anreizen können, wie die Verbannung des Anaxagoras und der Tod des Sokrates bezeugen, die, wenn auch aus politischen Motiven hervorgegangen, doch die Lästerung der Nationalgötter zum Grunde hatten. Die Zähigkeit des Volksglaubens erscheint auch hier im vollen Lichte, da der philosophische Gedanke zur Zeit Pindars bereits einer starken Entwicklung genoß, wie denn Anaxagoras (geb. 500) und Sokrates (geb. 469) seine Zeitgenossen genannt werden können. Weniger verwundern wird es ihn, den modernen Beobachter, wenn er den vergleichenden Blick nunmehr auf die religiöse Gedankenwelt lenkt, die in den Psalmen zum Ausdruck kommt. Weiß er doch, daß diese Psalmen, obschon sie fünf Jahrhunderte vor Pindar zu erschallen begonnen, noch immer in unsre Gegenwart hineinragen, in den Gotteshäusern aller ConfeAonen gehört werden und das Wort geschaffen haben für das Gebet, das, in welcher Stimmung der Seele es auch sei, unsren bewegten Herzen entströmt. Das Psalmbuch ist „das Buch der Menschen" geworden. Dies müssen wir uns in bündigster Weise erkennbar machen. (Fortsetzung folgt.)

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