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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-28 · Heft 13 (28.3.1882) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 13 (28.3.1882)
Date
1882-03-28
Page
Seite 203 (sequence 3)
Language
German
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allzustark anschwillt, und ba§ zu umfänglich gezeichnete und mit Farben übersättigte Bild wird dunkel und unfaßbar — während in den Psalmen Alles natürlich, ernst und erhebend bleibt. Es ist geradezu bemerkenswerth, daß, wenn man gewöhnlich den Unterschied zwischen dem Orient und Occident darin findet, daß der erstere an Ueberladung und Ueppigkeit des Ausdrucks leidet, während die oceidentalifche Muse sich die Selbstbeschränkung und Mäßigung aufzuerlegen versteht, dies bei den Psalmen und wohl bei allen biblischen Schriften (höchstens das Hohelied ausgenommen) nicht zutrifft, besonders nicht dem* reichen Genius Pindar's gegenüber. Worin sich aber beide gleichen, das ist die immer weckende und anregende Mannigfaltigkeit, mit welcher bei Pindar wie in den Psalmen dieselben Gedanken und Gefühle zum Ausdruck kommen, und die uns in jedem einzelnen Liede längst befreundete Ideen und Empfindungen in neuer Gestalt und aus neuen Gesichtspunkten erscheinen läßt. — Es ist allbekannt, daß die hebräische Poesie das Metrum nicht kennt, während Pindar in der künstlerischen Behandlung des Metrums und in der unbeschränkten Nuancirung desselben unübertroffen ist. Der hebräische Vers baut sich dagegen im Parallelismus auf, und stellt sich deshalb zumeist aus zwei , höchstens drei Versgliedern zusammen. Worin aber Pindar und die Psalmendichtungen übereinstimmen, das ist der rhythmische Gang, den beide in feinster Sprachempfindung verfolgen und sesthalten, und der Strophenbau. Wir können hier auf das umfängliche Kapitel des Pindarifchen Strophenbaus nicht eingehen, das zu so heftigen Streitigkeiten zwischen deutschen Gelehrten, namentlich Boeckh und Hermann Veranlassung gab. Hingegen ist der Strophenbaü in den Psalmen ein noch wenig erörterter Gegenstand, und doch ist derselbe gar nicht schwer zu erkennen und nachzuweisen. Wir haben dies sehr speziell in unsrer „Einleitung zu den Psalmen" (Bibelwerk, B. IEt. S. 369 ff.) versucht, worauf wir hier verweisen. Es find daher nur das religiöse und das ethische Moment, auf welche wir hier eingehen wollen, denen die Psalmen ganz und gar gewidmet sind, und für die wir in den Hymnen Pindar's einen reichhaltigen Stoff finden. Wieso gelangte der letztere hierzu? Die Gesänge Pindar's, soweit wir sie vollständig besitzen, sind Epinikien, d. h. Loblieder auf Sieger in den olympischen, Pythischen, isthmischen und uemeischen Kampfspielen. So groß der Ruhm dieser Sieger in Hellas war, so daß der Glanz .derselben auch auf die Städte fiel, deren Bürger sie" waren, so konnte doch dieser einfache Gegenstand einem Genius wie Pindar nicht genügen. Um ihn zu einem wirklichen Objekte der Poesie zu machen, mußte er ihm einen hohen und erhabenen Hintergrund schaffen; er mußte ihm einen religiösen und sittlichen Inhalt geben, und dazu öffnete er sich einen zwiefachen Weg. Einentheils schrieb er den Sieg des Sterblichen der Huld eines Gottes zu, dem er nun mit der ganzen Kraft seines Geistes die höchste Verherrlichung gewährte; andererseits gab das Geschlecht des Siegers und noch mehr die Vaterstadt desselben die Veranlassung, an den Mythus und den Götterkultus anzuknüpfen, da jede erhebliche hellenische Stadt ihren Ursprung einem Heros, einem Halbgott oder einem Gotte selbst zuschrieb; in jeder Stadt befand sich ein vorzugsweise hochgehaltenes Heiligthum und dieses war die Wohnstätte eines bestimmten Gottes. So fand Pindar überall die Pforte offen, durch die er von der Arena, auf welcher der Sieger sich den Kranz erworben, in eines der zahlreichen hellenischen Heiligthümer einzog, in dem er sich der religiösen Weihe in vollem Maße überlassen konnte. Aber gerade dieser Zusammenhang des Göttlichen und Sterblichen ließ den Sänger seinen Blick um so leichter den Verhältnissen des menschlichen Lebens zuwenden und die sittlichen Tugenden in ihrem Werthe und ihrer Nothwendigkeit würdigen. So vermochte Pindar diese Kämpfe und Siege, welche doch nur der. leiblichen Kraft und Gewandtheit angehörten, in eine ganz andere Atmosphäre zu versetzen, in die religiöse und sittliche, wodurch sie erst ihren wahren^ Glanz erlangten. Dies lag uni so näher, als diese Siegeshymnen in Tempeln, Tempelhöfen, all Altären, auf dem Kampfplatz und in Palästen aufgeführt wurden, mit Gesang und Instrumentalmusik, theils mit der Lyra oder Phormix (einer Art Harfe), theils mit dem Äulos (einem Blasinstrument) oder mit beiden. In gleicher Weise war ja auch ein Theil der Psalmen zu Tempelgcsängen mit Instrumentalbegleitung bestimmt, und wurde nach der Tra^ dition auch so ausgeführt, und die Ueberschriften bezeichnen theils die Liedergattung, theils die musikalische Aufführung überhaupt, die Instrumente und die Tonarten. — H. Das religiöse Moment. Wenn Plato ans seiner Republik die Dichter verbannt wissen wollte, weil sie den Geist des Volkes durch ihre Fabeleien verschleiern, seine sittliche Kraft entnerven: so hat er haben neben Homer und Hesiod auch an Pindar gedacht, der zwölf Jahre vor Plato's Geburt (430 v. Chr.) verstorben war. Denn allerdings schöpfte Pindar aus der ganzen Fülle der griechischen Mythologie und entlehnte den Hauptinhalt seiner Gesänge aus der überreichen Welt der griechischen Sagen und Legenden. Die Götter, Halbgötter und Heroen erscheinen bei ihm so wie wir sie bei Homer und Hesiod kennen gelernt haben. Jndeß erkennen wir auch deutlich bei ihm schon die Züge feinerer Humanität, so daß er, was in jenen Mythen und Sagen Grelles und Schroffes über die Götterwelt ausgesagt wird, etwas mildert und sänftigt und in einem Lichte größerer Gerechtigkeit darstellt. Sehen wir hiervon zunächst ab, so durchweht alle Gesänge Pindar's ein tief religiöser Odem , und Weihe und Andacht kommen bei ihm zum warmgefühlten Ausdruck. Er fordert vom Menschen 13*

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