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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-28 · Heft 13 (28.3.1882) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 13 (28.3.1882)
Date
1882-03-28
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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zu diesem Hader führte, der Kampf löste sich immer wieder in eine harmonische Bildung auf und die Kämpfer der streitenden Parteien selbst standen immer unter dem Einfluß der bildenden Kraft dessen, was sie eifrig, wenn nicht gar zelotisch bekämpften. Dieses einheitliche Fundament des Hellenismus und Hebräismus scheint uns wesentlich darin zu bestehen, daß beide ihre Wurzeln in der Anerkenntniß und Verehrung der Gottheit, wie verschieden beide diese auch auffaßten, in dem streng sittlichen Grundcharakter, den sie dem menschlichen Wesen zutheilten, und den sie in der Willensfreiheit des Mi^Aen begründet fanden. Aus dieser Grundlage sproßten beide Erscheinungen heraus, und wenn sie von da ab in sehr verschiedener Weise sich entwickelten und gestalteten, so kann doch nicht verkannt werden, daß die Erkenntniß des Uebersinnlichen und die Erörterung der ethischen Fragen in dem geistigen Leben auch der Hellenen eine dauernde und breite Stelle einnahmen, in der Poesie, Philosophie und selbst in der Plastik. Aber noch auf eine andere Eigentümlichkeit beider Nationen, die Hellenen und Israeliten, wollen wir hier aufmerksam machen, weil sie uns bisher übersehen zu sein scheint. Beide Völker sind, unterschieden von den anderen Völkern des Alterthums, nur wenig nach außen gegangen, sondern haben ihre ganze Kraft und Energie auf die Entwickelung ihres inneren Lebens verwendet. Weder die Israeliten noch die Hellenen sind auf Eroberungen ausgegangen, denn auch bei den letzteren ging der Expansionstrieb nicht weiter, als für ihre eigene Kultur Pflanzstätten in Colonien auf nahgelegenen Küsten und Inseln herzustellen, nicht Völker zu unterwerfen und zu beherrschen, sondern neue Blüthen ihres eigenen Lebens zu entfalten. So wurde ihre herrliche Lebenskraft nicht an barbarische Gewalttaten, an die Befriedigung der Herrschsucht und Habgier, an Raub und Mord verschwendet, sondern konnte ungestört unübertreffliche Früchte nach allen Richtungen des menschlichen Geistes zeitigen. Welch' anderes Bild bieten uns die Aegypter, die Assyrer, Chaldäer, Perser und Römer! Der Eroberüngszug Alexander des Großen war ein Ausfluß des makedonischen Hochmuths und der Halbkultur dieses Volkes , dem sich das niedergeworfene Hellas unterordnen mußte. Diese entschiedene Richtung des Nationalgeistes und Nationallebens dieser beiden Völker war jedenfalls eine Hauptbedingung, daß sie ihren geistigen Inhalt zu einer vollendeten Ausbildung bringen konnten. Nur in diesem Sinne konnte Zwingli Pindar und die Psalmen nebst dem Buche Hiob nebeneinanderstellen und vergleichen, und fühlen wir uns aufgefordert, diese Vergleichung auszuführen. Pindar, geboren zu Theben 522 vor der gew. Zeitr. und gestorben 442, also im 80. Lebensjahre zu Argos, war unbestritten der größte griechische Lyriker. Er gehörte der höchsten Blütezeit des hellenischen Volkes an, da er die Perserkriege erlebte, wenn auch in sein Atter schon die Vorboten jener traurigen peloponesischen Kriege sielen, welche das ganze griechische Volk zerrütteten und dessen Fall vorbereiteten. Er genoß des höchsten Ruhmes in ganz Hellas und dessen Colonien. Als er in seiner Vaterstadt wegen eines Lobliedes auf Athen mit einem Strafgelde von 1000 Drachmen belegt wurde, beschenkten ihn die Athener mit 10,000 Drachmen, nahmen ihn in die öffentliche Gastfreundschaft auf und errichteten ihm später eine eherne Bildsäule, die ihn als Sängerkönig mit der Lyra und einem Diadem ums Haupt Pindar erhielt sich seine dichterische Schöpferkraft bis in's tzohe Alter; denn er dichtete seinen ersten Hymnus in seinem 20. Lebensjahre und aus seinem 70. besitzen wir noch zwei Gesänge. In der Thät ist er vorzugsweise der Ausdruck des hellenischen Nationalgeistes. Wir können es daher als ein besonderes Glück betrachten, daß uns von ihm 45 vollständige Siegeshymnen erhalten worden sind, während von den anderen griechischen Lyrikern nur Bruchstücke oder selbst nur der Name übrig geblieben. — Einen Vergleich nun mit dem Buche Hiob anzustellen., müssen wir ablehnen. Denn wenn auch Pindar, wie wir sehen werden, nicht selten schöne Sentenzen über die Mühsale des menschlichen Lebens, die Wandelbarkeit und den Wechsel des Geschickes einstreut, so war er doch weit entfernt, diese als ein Problem aufzustellen, dessen Lösung anzustreben und ihm, wie der Ver-- fasser des Buches Hiob thut, ein großes didaktisches Gedicht zu widmen. Dahingegen besitzen wir in den Psalmen eine Reihe hymnologischer, lyrischer Lieder, die zwar mehreren Jahrhunderten angehören, und von denen bei sorgfältiger Prüfung nur eine Anzahl auf'David zurückgeführt werden kann, die jedoch in Form und Geist, in Tendenz und Charakter einander so weit ähnlich sind, daß sie, als Produkt eines und desselben Nationalgeistes auch als ein Ganzes den Siegeshymnen Pindars gegenübergestellt werden können. — Schon nach dem Gedanken, von welchem wir ausgingen, wäre es nicht am Platze, auch hinsichtlich der Kunst form in eine ausführliche Vergleichung einzütreten. Ist doch die Sprache in Pindars Hymnen und in den Psalmen sehr, verschieden. Jener erhebt sich zu einem Schwünge der Sprache, zu einer Mannigfaltigkeit und Ausdehnung derselben, zu welcher die Psalmen in ihrer Einfachheit, Naivität und tiefen Gefühlsweise nicht gelangen. Schon der große Mangel an Eigenschaftswörtern in der hebräischen, gegenüber der unerschöpflichen Gestaltungskraft der hellenischen Sprache nach dieser Richtung hin, verhinderte es, daß in den Psalmen ein solcher Reichthum an malerischem und charakterisirendem Ausdruck gewonnen werden konnte, wie bei Pindar. Aber unverkennbar wird auch bisweilen dieser Schwung Pindars zu Schwulst, dieser Reichthum zu Ueberfluß , und wenn, der Strom der Pindarischen Rede in "unnachahmlicher Fülle sich ergießt, so wird diese Flut auch mitunter lästig, weil sie

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