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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-21 · Heft 12 (21.3.1882) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 12 (21.3.1882)
Date
1882-03-21
Page
Seite 195 (sequence 15)
Language
German
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195 durch ein einträchtiges Zusammenwirken möglich wäre, mischen sich Personen- und Jnteressenfragen hinein und schädigen die Wirksamkeit, die doch in so hohem Grade erforderlich wäre. So liegen sich die verschiedenen jüdischen Zeitschriften für und gegen das Hülfs-Comit6 in den Haaren. Von der einen Seite wirft man'ihm Unthätigkeit vor, von der anderen tadelt man die Beschlüsse desselben, namentlich, daß das Eomitö durchaus nur kräftige und geschickte Einwanderer zulassen will, während die alten und schwachen Europa überlassen bleiben sollen; ebenso, daß das Comitö nur begrenzte Landschaften zur Cylonisation ins Auge faßt, und die Anzahl der Einwanderer deshalb beschränken will, während die Bereinigten Staaten noch so unermeßlichen Raum einschließen. Man kann aus allem dem nur folgern, daß das Londoner Comits sich die Dinge selbst ansehen muß, um ihre Schützlinge zu guten Zielen zu führen. Jndeß wird der praktische amerikanische Sinn sich schon zu helfen wissen, sobald die Dinge anwachsen und ihm auf den Leib rücken. So hat ein hiesiger Gentleman 250 Dollars ausgesetzt als Preis für den ersten Ballen Baumwolle/ welchen russische Colonisten erzielt haben werden. — Den Verhandlungen im englischen Unterhause und den Aeußerungen Gladftones gegenüber müssen wir hervorheben, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Mr. Blaine im Aufträge des verewigten Präsidenten Garsield an den hiesigen russichen Gesandten und an den nordamerikanischen Gesandten in St. Petersburg Noten gerichtet hat, in welchen Vorstellungen über das Loos der russischen Juden, selbstverständlich in freundschaftlichster Weise gemacht wurden, ebenso wie Beschwerde geführt ward, daß amerikanische Bürger jüdischer Religion in Rußland anders behandelt werden sollten, als solche christlichen Glaubens. Bonn, 12. März. (Notizen.) Man schreibt aus Paris vom 5. März: Heute fand, hier das Leichenbegängniß des vorgestern nach längerem Leiden verstorbenen deutschen Schriftstellers Ludwig Kalisch (s. Nr. 11) statt. Dem Leichenwagen folgte nur ein ganz kleines Häuflein von Landsleuten und Freunden des Verstorbenen nach dem Friedhof Montparnasse, wo er seine letzte Ruhestätte finden sollte. Die Association littäraire internationale, deren Vicepräses der Verstorbene eine Zeit lang gewesen war, ließ sich durch drei Mitglieder ihres Executiv-Comites vertreten; der deutsche Turnverein sandte seinen Präsidenten und mehrere Mitglieder und von den in Paris lebenden deutschen Schriftstellern und Journalisten erfüllten wohlgezählte zwei die melancholische Pflicht, dem gestorbenen alten Collegen das letzte Geleit zu geben. Am Grabe fühlte sich Niemand veranlaßt, dem Todten ein Lebewohl nachzurufen, und nach einem kurzen Gebet eines französischen Rabbiners wurde der Sarg ohne Sang und Klang in die Erde gesenkt. Bonn, 1. Febr. (Literarische Notizen.) Endlich wieder einmal ein geistreiches Buch, das nicht blos von den Brosamen der Vergangenheit und vom Wiederkäuen alter Stoffe lebt, sondern das mit Geist und Humor, mit Witz und Ironie, bald mit schneidiger Schärfe, bald mit freundlicher Laune sich des Gegenstandes bemächtigt und eine eigene Schöpfung daraus macht. „Der jüdische Stamm in nichtjüdischen Sprichwörtern. Bon Dr. Ad. Jellinek. Zweite Serie. Spanische, ungarische und kleindeutsche Sprüchwörter. (Wien 1882, Bermann und Altman.)" Ueber die erste Serie ist S. 524 vor. Jahrg. berichtet worden und nach unserer Meinung übertrifft die zweite ihre Vorgängerin an interessanten Sprüchen und deren Bearbeitung. Wenn man die meisten dieser Sprüchwörter oberflächlich ansieht, so findet man wirklich wenig an ihnen; aber folgt man nun dem Verf. in einem tieferen Erfassen, in einer Nachforschung nach Ursache und Verhältnissen, aus welchen der Spruch entstanden sein mag, so eröffnen sich eine Menge von An- und Aussichten in überraschender Weise. Das Buch hat aber auch noch eine bestimmte Tendenz, nämlich den heftigen Kampf gegen den Antisemitismus. Der Verf., der doch seine Bildung und Wirksamkeit in zwei hervorragenden deutschen Städten, in Leipzig und in Wien erlangt hat, deutschen Geist in sich ausgenommen und der deutschen Sprache Meister ist, kann es doch dem deutschen Volke nicht vergessen, daß es den Antisemitismus in seiner Mitte hat aufkommen lassen. Wir glauben aber, daß dennoch Jellinek den Deutschen, für die er nur Tadel gegenüber anderen Nationen, z. B. die Magyaren, für die er nur Lob hat, zu viel gethan. Wenn unter gegebenen Verhältnissen, unter eigenthümlichen politischen Umständen in einer großen Nation eine abenteuerliche Rotte, zumeist katilinarischer Existenzen mit Lärmen und Toben ein Feldgeschrei erhebt, das alte Vorurtheile, Neid und politischen Haß wecken soll, wenn ihr dies Anfangs gelingt und sich selbst Männer von Namen, wenn auch in kleiner Anzahl, ihr anschließen — dann aber trotz des betäubenden Geschreis und trotz der Begünstigung aus mächtigen Kreisen das Gewissen der Nation erwacht, die Edelsten in ihr ihre Stimme dagegen erheben, die Agitatoren in immer kleinere Kreise gebannt werden und in einem großen Wahlkampfe das Volk sich entschieden gegen sie erklärt, jo. hat man nicht mehr das Recht, dieses große Volk so bitter anzuschuldigen, wie es in der vorliegenden Schrift geschieht. Wir glauben deshalb, daß Manches an derselben bald als verspätet erscheinen und dann weniger ansprechen wird, während sie sonst die Eigenschaften besitzt, die einem Werke dauernden Werth geben. — „Beth-El. Ehrentempel verdienter ungarischer Israeliten. Von Ignaz Reich. III. Band, 1. Heft (mit sieben Porträts.) (Selbstverlag, Pest 1882.)" Der Verf. hat bereits in 2 Bänden zusammen 58 Biogra-

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