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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-21 · Heft 12 (21.3.1882) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 12 (21.3.1882)
Date
1882-03-21
Page
Seite 194 (sequence 14)
Language
German
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Herren Getreidehändler der Stadt aber fahren ergrimmt nach Hause, schimpfen in ihrem Club oder in ihrer Stammkneipe auf Pie Juden, die das Geschäft ruiniren, Alles an sich ziehen, — und morgen erscheint ein flammender Artikel von der Exploitation der Juden. Kommen wir in die Stadt, da wohnt an der Marktecke Herr N., ein „gemischter Waarenhändler", denn er verläuft Tuch und Häring, Shrup und Zündhölzchen, und Alles was der liebe Bürger braucht. Das Geschäft besteht schon seit drei Generationen. Herr N. hat's von seinem Vater, und dieser hatte es von seinem Vater, daß man an der Arschine. Tuch zwei Rubel verdienen müsse, haß das Pfund Kaffee unter 60 Kop. nicht gegeben werden könne, re. Nun zieht aber ein Jude in die Stadt, dieser denkt, um Kundschaft zu bekommen, muß ich billiger abgeben, und dann, wo steht geschrieben, daß ich an der Arschine Tuch zwei Rubel verdienen muß — verdien' ich einen, und verkaufe ich zweimal, soviel, so kommts auf eines heraus; und merkwürdiger Weise, die Berechnung des Juden stellt sich als richtig heraus, und Alle (selbst die besten Christen) lassen sich's gefallen, dieselbe Waare beim Juden billiger zu kaufen, als bei ihrem Glaubensgenossen, und Niemand von den Herren Käufern beklagt sich über diese Handlungsweise des Juden. Anders aber der alt angesessene Kaufmann, der die Religion in Gefahrdie bürgerliche Existenz bedroht, den Untergang der Welt nahe sieht — und bald erscheint ein Artikel in der. Zeitung, der schimpft ein Langes und Breites über die — Exploitation der Juden. Die Exploitation, d. h. die Ausbeutung der Menschen seitens der Juden wäre also, daß sie (freilich ihren Vortheil auch bedenkend) den Gutsbesitzer auf seinem Gute erhalten, dem Bauern die Möglichkeit bietet, ein wohlhabender Mann zu werden, dem Producenten den höchsten Preis für seine Waare geben, der Bevölkerung ihre Bedürfnisse mit dem kleinsten Gewinne zustellen — aber das schadet Alles nichts, der Jude exploitirt, das ist einmal das Feldgeschrei der national-ökonomischen Volksretter der Gegenwart, — und jedenfalls sehr — verwendbar." So geht der Vers, alle Anklagepunkte durch und zeigt, wie sie theils übertrieben, theils unbegründet und wiederum von den lächerlichsten ökonomischen Ansichten ausgehend sind, und daß man überhaupt den Juden zum allgemeinen Sündenbock macht, während in den, von Juden nicht bewohnten Provinzen sich gerade dieselben, ja noch ärgere Uebelstände zeigen. Auch unser Vers, ist der Ansicht, daß „mit halben Maßregeln nach keiner Seite hin etwas Befriedigendes erreicht werde." Er verlangt die vollständige Gleichstellung der Juden mit allen Unterthanen des Reiches. Von Gefährlichkeit eines solches Gesetzesaktes will er nichts wissen, da „Rußland gej wohnt ist, den Willen seines Czaren als den Ausfluß der unnahbaren absoluten Majestät zu betrachten." Würde diese nicht zugestanden, so müßte den Juden wenigstens die Freizügigkeit und die Auswanderung gestattet sein. Die großen Vortheile, die aus der Freizügigkeit erfließen würden, setzt er mit ausgiebiger Sachkenntniß auseinander. Wir unserseits haben nur den Wunsch auszudrücken, daß diese Denkschrift innerhalb und außerhalb Rußlands recht viel gelesen und berücksichtigt werde. . ° Petersburg, 9. März. Die Getreidehändler in Gelcz haben an die Stadtverordneten-Versammlung die Petition gerichtet, sämmtliche Juden aus der Stadt auszutreiben. Sie wollen natürlich nur die Konkurrenz der rührigen israelitischen Kaufleute loswerden. Wie sich die Grundbesitzer und Bauern bei Beseitigung dieser Konkurrenz befänden, ist natürlich eine andere Frage. Da aber einmal von oben her den Klagen über die Juden Thor und Thür geöffnet und alle möglichen Interessen gegen die Juden gehetzt worden, ist eine solche Petition sehr erklärlich. — Moskau, 6. März. Die russischen Zeitungen selbst bringen schauerliche^ Bilder von den hier herrschenden Polizei-Zuständen. Es heißt zum Schluß: Anstatt die Bewohner Moskaus vor Diebstählen, Raubanfällen und ähnlichen bei einer Bevölkerungszahl von 800,000 Seelen und bei dem täglich zunehmenden Proletariat unausweichlichen Uebelständen zu schützen, ist die Polizei fortwährend auf der Suche nach — Juden. Zu jeder Nachtzeit wird an den Thüren, innerhalb deren Juden wohnen, und auch dort, wo man solche nur vermuthet, gepocht und hereintritt ein Polizeiofstzier in Begleitung von Polizeisoldaten und der. Dornike. Die Pässe werden verlangt, Name, Stand, Charakter, Beschäftigung und Glaubensbekenntniß werden protokollirt, und wenn der Aufenthaltsort nicht angewiesen ist, wird der Paß.abgenommen und ein Ausweisungsbefehl eingehändigt. Gestern erhielten 80 Juden die ominösen Ausweisungsbefehle und Abends hat man dieses im israelitischen Tempel öffentlich bekannt gemacht, um eine Sammlung für diese unglücklichen Brüder, welche den Wanderstab ergreifen müssen, einzuleiten. Serbien. Belgrad, 7. März. Aus Anlaß der Erhebung Serbiens zum Königreiche, fand heute in dem hiesigen israelitischen Tempel ein solenner Gottesdienst mit Choralgesang statt. Amerika. New-Jork, Ende Februar. (Privatmitth.) Die Wortführer der amerikanischen Judenheit erfreuen sich durchaus nicht der Einigkeit, welche zu Gunsten der russischen Einwanderer zu wünschen wäre. Während es gelten sollte, alle; Kräfte für die gute Sache einzusetzen, was wiederum nur

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