Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1882)
- Date
- 1882-03-21
- Page
- Seite 193 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS geweckt und ausgebreitet wurde, und bespricht die Behandlung der Juden in Rußland bis auf die neueste Zeit. Nach ihm ist das Verhalten der russischen geistlichen Würdenträger, des Adels und der gesunden Volkselemente ein durchaus freundliches und humanes. Er kommt daher auf die „schlechte Presse" zurück und widerlegt die Anklagen, die sie gegen die Juden schleudert. Daß Ackerbau und Handwerk, wie Arbeit überhaupt, in biblischer und talmudischer Zeit das ganze Element des jüdischen Volkslebens war, zeigt er nachdrücklich und stellt dem die Ursachen gegenüber, aus welchen die Juden diesen Beschäftigungen entsagen mußten. Der Vers, beschäftigt sich dann ausführlich mit der Hauptanklage der sog. Exploitation. Daß erkeinen Juden, der ungesetzlich handelt, von der ihm zukommenden Strafe lossprechen will, versteht sich von selbst. Nur dürfen die Vergehen Einzelner nicht dem gesammten Stamme aufgebürdet werden. Im großen Ganzen aber sei diese Exploitation nur ein Wahngebilde, dem freilich viele, sonst gesunde Geister anheimgefallen sind. Dieser Punkt ist zu wichtig, als daß wir nicht die Worte des Verf. anführen sollten. Er sagt: „Kommen wir übrigens zur Sache, bei der Exploitation muß nothwendig Einer exploitiren, und Einer oder Mehrere exploitirt werden; die active Person in dieser edlen Thätigkeit ist natürlich der Jude, die passive aber ebenso natürlich der Christ. Nun sehen wir uns die beiden Persönlichkeiten und ihr Berhältniß an: der russische Gutsbesitzer ist von alten Zeiten her an unbezahlte Arbeitsleistung gewohnt, sein leicht erworbenes Vermögen vergeudete er in der Regel im Auslande, kam ziemlich belehrt und geleert nach Hause, um nach einigen patriarchalisch verlebten Jahren seine alten Studien in Paris oder Monaco wieder aufzunehmen, dies ging gut oder schlecht, aber es ging. Jetzt aber wo die Arbeit bezahlt werden muß, fehlt es ihm zuweilen an Laarem Gelde. Der Jude streckt ihm gegen die Ueberlassung der zukünftigen Ernte das Geld vor, und durch dieses Geld allein wird die gegenwärtige Aussaat und die zukünftige Ernte ermöglicht. Wir sehen also, ohne dieses Geld würde das Land nicht bestellt, und der Gutsbesitzer wäre ruinirt, mit dem Gelde des Juden aber bleibt der Gutsbesitzer im Besitze, und kann bei einigen guten Jahren und, nota bene, bei einiger Sparsamkeit zur Selbstständigkeit kommen, — ergo exploitirt der Jude den Gutsbesitzer. Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft, resp. durch die Ablösung des Landes ist der Iwan zu einigem Besitz gekommen — nun hat er wohl Boden, dieser will aber, um etwas werth zu sein, d. h. um etwas zu bringen, bebaut werden, dazu braucht man Aussaat, Vieh und Geräthe, dieses kostet Geld — Geld aber ist gerade dasjenige, was der Iwan nicht hat, folglich hat er kein Geräthe, kein Vieh, keine Saaten, folglich kann er seinen Acker nicht bestellen, -folglich kann der Acker nichts bringen, folglich ist der Acker nichts Werth, und der Iwan ist mit seiner Freiheit und seinem Besitze ein geschlagener Mann. Wer wird nun dem Iwan das nöthige Geld geben? sein Freund, sein Nachbar nicht, denn sie sind in derselben Lage wie er. Diese können nicht, Andere wollen nicht, öffentliche Kreditanstalten für den' Bauernstand gibt es nicht. —. Da kommt der Jude, jene fürchterliche Exploitationsmaschine, er streckt dem Bauern das Geld vor (natürlich gegen die kommende Ernte, die übrigens noch fraglich ist), und die ganze Schwierigkeit ist gelöst. Nun glauben wir gar nicht, und wollen auch nicht glauben machen, daß dieß der Jude aus reiner Humanität, oder gar aus der sogenannten „jüdischen Liebe" thut. Moschko versteht zu rechnen, und vergißt seinen Vortheil nicht; aber ohne Moschko's Rechenfertigkeit wäre Freund Iwan ein geschlagener Mann, und träte bald in die Bande der Barfüßler ein, und würde eventuell Moschko die Fenster einschlagen, (ein zwar lockendes Geschäft, das aber schließlich auch keinen großen Nutzen abwirft); mit Moschko's Rechenfertigkeit, d. h. mit Moschko's Geld (nota bene und einiger . Mäßigkeit dazu) kann er ein wohlhabender-Mann werden. Inmitten der ganzen Welt und ihrer Liebe würde der Iwan zu Grunde gehen — Moschko's Berechnung rettet ihn, — ergo exploitirt der Jude den Bauern. Wir verlassen nun die Bilderjagd, und sprechen nicht mehr von den fingirten Persönlichkeiten Moschko's und Jwan's, sondern wir führen einen ganz konkreten Fall an: in Kachofka war vorigen Monat Markt. Die Bauern kamen mit ihrem Getreide, die sonst unfehlbaren Juden — diesmal fehlen sie — die Erinnerung gewisser Ereignisse von nicht sehr altem Datum läßt es ihnen rathsam erscheinen, ihr baares Geld in der Tasche dem Getreide im Magazin vorzuziehen. Die christlichen Getreidehändler, sehr zufrieden, die Concurrenz der Juden lös zu sein, denken an die alten lieben Zeiten zurück, wo man an den Tschetwert Waizen drei Rubel verdiente. „Die Juden, die alle ehrlichen Geschäfte verderben, und auch den Waizenhandel verderben, sind wir gottlob los", und bieten dem Bauer drei Rubel unter dem Odeffaer Marktpreis. Der arme Bauer kann gar nicht begreifen, wie unchristlich der christliche Händler, und wie der Jude beinahe — doch das darf er nicht sagen — gegen ihn gehandelt hat. Endlich auf die Versicherung von maßgebender Stelle, daß nichts zu riskiren, öffnen die Juden ihre Beutel, und zahlen) natürlich schon um die Conkurrenz niederzuschlagen, den höchsten Preis. Die Bauern fahren vergnügt nach Hause, erzählen ihren Weibern, die merkwürdige Geschichte, was doch gar nicht zw glauben wäre, wenn man es nicht selbst erlebt hätte, und dabei bleibt es; die