Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1882)
- Date
- 1882-03-21
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227406--39744-3257343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
eines gegen die jüdische-Race herauf beschwornen Geistes der Gehässigkeit und Feindseligkeit, wie solche in verschiedenen Theilen. Europas uns vorzugsweise in Rußland zu Tage tritt und an die dunkelsten Epochen der Geschichte erinnern; bald zu Plünderung und Mord antreiben, bald eine Gesetzgebung inspiriren,, welche die Israeliten außerhalb des gemeinen Rechts stellt. Es ist für uns eine Herzens- , und Gewissenssache, dagegen Protest zu erheben und Ihren unglücklichen Glaubensgenossen unsere volle Sympathie auszudrücken. Liegt es für die Söhne der Hugenotten doch nur allzunahe, mit den Verfolgten zu fühlen, i Uebrigens geziemt es gerade den Christen, ihre Stimme gegen Handlungen zu erheben, die einer Civilisation unwürdig sind, welche sich mit Stolz die christliche nennt und sich dennoch dem Geiste, wie den Lehren des Gründers selbst des Christenthums abtrünnig erweist. Genehmigen Sie u. s. f. G: Monod, Präsident. Rußland. Bonn, 9. März. (Privatmitth.) Das Schicksal der Juden im großen russischen Reiche ist eine so brennende Frage geworden, daß wir über dieselbe des Lichtes nicht genug verbreiten können. Wir wollen deshalb heute die Aufmerksamkeit unsrer Leser auf eine „Denkschrift über Entstehung und Charakter der in den südlichen Provinzen vorgefallenen Unruhen" lenken, welche der Stadtrabbiner Dr. Schwabacher zu Odessa an den Grafen Gutaisoff richtete, der bekanntlich von der russischen Regierung als Commissarius zur Untersuchung der den Unruhen zu Grunde liegenden Verhältnisse nach Sudrußland geschickt worden. Da die russische Presse in ihrer größten Majorität seit langer Zeit die heftigste Feindseligkeit gegen die Juden an den Tag legt, so muß es uns wichtig fein, hier einmal eine jüdische Stimme zu vernehmen, welche unerschrocken, im vollsten Freimuth sich vernehmbar macht. Und obschon diese Stimme aus der angegriffenen Partei hervorgegangen, können wir ihr ein aufrichtiges Streben nach Objectivität. mit vollem Rechte zuschreiben. Es lag dies schon in der Nothwendigkeit, denn sobald der Vers, der Denkschrift sich offenbarer Parteilichkeit schuldig gemacht, hätte, würden die Gegner dies sofort hervorgehoben, unh die Denkschrift den erzielten Eindruck verloren haben. Eine Analyse derselben wird deshalb hier am Platze sein. . Das Hauptargument wollen wir hier gleich constatiren» Der Verf. sieht die traurigen Excesse „in ihrer Entstehung als das Werk einer schlechten Presse, d. h. einer Parteian, die zum Theil aus ungeßlärter Weltanschauung, zum Theil aus unlautern Motiven die historische Entwicklung durch reaktionäre Diversionen, selbst durch einige Stückchen Mittelalter hindern will", und zu diesem Zwecke „Jahrelang gegen uns wühlt und hetzt und die wilden Leidenschaften der Massen gegen uns aufhetzt". Ec erweist dieß, und kommt zu der Behauptung, „daß keinesfalls von. spontanem Bolkshasse die Rede fein könne, d. h. von einer' ausdem Volksleben selbst stammenden, das ganze Volk beherrschenden feindlichen Gesinnung." Zum Beweise hierfür führt der Verf. „Berichte der gemächlichsten Naivität an, indem einen Tag vor der anbefohlenen Plünderung die ehrlichen Russen zu Moschko kamen, und ihn baten, er möchte doch alle seine werthvollen Sachen heute noch wegführen, da sie morgen alles zerschlagen und brechen müßten, . ja sogar die guten Leute boten ihm ihre eigenen Fuhrwerke an, die sie zu diesem Zwecke mitgebracht hatten.. Ein anderer Fall: zu einem Fabrikanten kam eine kleine Deputation seiner Arbeiter, der Anführer sprach folgendermaßen: Herr, wir sind zufrieden mit dir, wie du mit Uns zufrieden bist, aber was ist gegen einen Mas zu machen, morgen müssen wir brechen, willst du uns aber eine Verschreibung geben, schriftlich muß es sein, mit deinem Vornamen, Vatersnamen und Familiennamen, daß du die Verantwortlichkeit gegen die Behörde übernimmst, so rühren wir nichts an. Wer will, wer kann bei allem schmerzlichen Eindruck des Ganzen unempfindlich bleiben gegen diesen gemächlichen, ehrlichen Grundzug des russischen Nationalcharakters? Hier hat das Volk aus seinem Innersten herausgesprochen, dort hat es als blindes Werkzeug seiner Verführer gehandelt. - Wer kann nun hier vom Volkshasse sprechen? Freilich ist der Gesammteindruck der Ereignisse kein idyllischer, auch leugnen wir nicht, daß der Haß dabei eine große Rolle spielt, aber diesen Haß haben wir nicht bei dem gesunden Volke zu.suchen, der geht vielmehr in erster Linie von den halbgebildeten, oder ganz verbildeten Mitgliedernder sogenannten' höheren Klassen aus, von. jenen problematischen Existenzen, die selbst die höchsten Kreise unsicher machen; aber ganz besonders von einer Seite aus, die wir später zu betrachten uns Vorbehalten. ' Wir stellen es als Hauptsatz dieser Auseinandersetzung auf, daß das russische Volk in seinem Grundcharakter zu schlicht und harmlos, zu brav und bieder ist, als daß es eines leidenschaftlichen Haffes überhaupt fähig wäre, um so weniger gegen uns, die wir in den tausendfachen Wechselbeziehungen des Lebens freundschaftlich und hilfreich, nehmend und gebend mit ihm verkehren, und daß dieses Volk somit nur das unschuldige, blinde Werkzeug frevelhafter Bestrebungen, die viel höhere Ziele hatten, gewesen ist." Es versteht sich, daß der Verf. den Judenhaß, Neid, Raub-, und Rauflust als mitwirkende Triebfedern nicht wegleugnet. Er ergeht sich hier in einer ziemlich ausführlichen geschichtlichen Darlegung, auf welche Weise, namentlichdurch die Kirche, dann auch die weltliche Macht, der Haß und die Verfolgung der Juden