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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-21 · Heft 12 (21.3.1882) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 12 (21.3.1882)
Date
1882-03-21
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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terschied des Glaubens und der Nationalität der Hilfebedürftigen. Er erinnerte dann daran, wie oft Deutschland Amerika schon beigestanden, und wie freudig dafür Amerika Deutsche ausgenommen. Das bezeichne er als den eigentlichen Fortschritt in der modernen Kultur, daß die Schranken zwischen Nationen, zwischen Konfessionen mehr und mehr fallen, daß wir näher und näher der Zeit kommen, von der die Propheten sagen, daß dann die ganze Menschheit vereint sein werde in dem Glauben an Einen Gott, der der Vater aller Menschen ist und keinen Unterschied zuläßt zwischen Bruder und Bruder, zwischen Schwester und Schwester. — Als so viele russische Flüchtlinge in Amerika angekommen, da hätten schließlich die dortigen Juden die Mittel für sie nicht mehr aufbringen könne'R; denn es habe sich nicht um Almosen, .um Steuerung der augenblicklichen Noth gehandelt, sondern darum, die Leute aufzurichten und in den Stand zu setzen, für sich selbst zu sorgen. Solange es fünfhundert, ja tausend waren, sei es den Amerikanern nicht eingefallen, von Europa Mithilfe zu beanspruchen. Sie hätten die Auswanderer in Empfang genommen, nach verschiedenen Theilen des Landes gesandt, ihnen Arbeit verschafft, sich der Frauen und Kinder angenommen und in einem kleinen Maßstab begonnen, was jetzt in größerem Maße ausgeführt werden müsse, nämlich dieAnlegung von Kolonien. InLouisiana(Catahoula Parish) sei eine, kleine Kolonie angelegt worden und in gutem Fortgang begriffen. Die Ankömmlinge hätten alsbald erklärt, sie wollten keine Almosen, sie wollten arbeiten, er selbst habe dreißig davon an der Eisenbahn in Pittsburgh arbeiten sehen, sie fühlten sich glücklich dabei und das um so mehr, als sie Niemand in der Uebung ihrer Religion stört und sie den Samstag ruhen könnten. Nun sei ja in Amerika Land genug, das nur der Erschließung harre; aber das erfordere dennoch ein bedeutendes Kapital. Den 3000 bereits Ausgewanderten folgten vielleicht noch 10,000 und 20,000. Diesen könne man doch sein Herz nicht verschließen. Deswegen hätten seine Freunde in Amerika zu ihm gesagt: Geh heim zu deinen Brüdern, das sind dieMenschen, ohne Unterschied der Religion und der Nationalität; - sage ihnen, was nothwendig ist, und die Herzen werden dir entgegenschlagen! Ueherall habe er es auch so gefunden, die Herzen und die Taschen hätten sich geöffnet, in England, in Frankreich, in Hamburg, in Nürnberg, und erhebend sei die Begeisterung gestern in Mannheim gewesen. Frankfurt werde aber sicher mit hell leuchtendem Beispiel vorangehen. Der Plan der amerikanischen Hilfsgesellschaft sei folgender: Strecken Landes anzukaufen, dies einzutheilen und den Familien, die sich dem Ackerbau widmen wollen, zuzuertheilen, ihnen die zur Anschaffung von Utensilien, Viehstand u. st w. notwendigen Vorschüsse zu machen und fürs-erste Jahr den erforderlichen'Unterhalt zu gewähren. Dies solle aber kein Geschenk sein, sondern die Summe sei innerhalb einer gewissen Reihe von Jahren zurückzuzahlen, denn die Leute sollten, ganz auf sich selbst gestellt werden. Diese Zurückzahlungen, fließen in einen Fond, der für alle Zeiten eine Unterstützung bilden soll für Juden, die sich dem Ackerbau widmen. Denn die Juden seien stets ein ackerbautreibendes Volk gewesen, und nur die Gesetze ihrer Aufenthaltsländer hätten sie zum Handel gezwungen. Redner führte die in diesen Tagen erschienene Broschüre von vr. Rülff in Memel an, der die volkreichen russischen Städte Wilna und Minek besucht und fast die ganze-jüdische Bevölkerung aus Bauern, Handwerkern und Arbeitern bestehend gefunden hat. Wer dafür sorge, daß bisher unbebaute Landstrecken der Kultur erschlossen werden, sei ein Wohlthäter der Menschheit, ein noch größerer sei der, der zugleich Menschen dorthin verpflanze, die er aufrichte uüd befähige, später wieder Anderen zu helfen. — Dem warm empfundenen und darum auch einen tiefen Eindruck hervorbringenden Vortrage folgte andauernder Beifall. Herr Justizrath Dr. Fuld forderte unter einer kurzen Schilderung des Elends der Geflüchteten auf, recht tief ins eigene Vermögen zu greifen. Herr Direktor Dr. Bärwald wies auf die Wandlungen der Zeiten und Geschicke hin, auf die Verödung Spaniens seit der Vertreibung der Juden, auf die Blüthe der Kulturländer, welche die Verjagten ausnahmen. Die jetzt in Rußland Unterdrückten wanderten von den Rheingegenden bei den Verfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge und später nach den sarmatischen Ebenen aus, und die Nachkommen der im Laufe der Zeit Zurückgekehrten haben zur Förderung der deutschen Kultur manches beigetragen. Merkwürdig sei die Wandlung in Englands die englische Geistlichkeit, die s. Z. sich am meisten der Wiederzulassung der Juden widersetzt hatte, stehe jetzt an der Spitze der Bewegung zu Gunsten der Juden,-geleitet von den höchsten Würdenträgern aller christlichen Konfessionen. Gott habe das Unglück, das über die Juden hereinbrach, stets in Segen verwandelt/. Möge es auch jetzt so werden! Wir unsererseits müßten den Verfolgten und Verachteten Gelegenheitgeben, als freie Bürger eines freien Staates die Vorurtheile gegen Ihren Stamm zu widerlegen. Die Frage sei einfach die: Darf es geschehen, daß Millionen Menschen der Krieg erklärt, daß sie beraubt, geplündert, unmenschlich behandelt werden, bloß ihres Glaubens wegen? Insofern sei dies eine nicht bloß jüdische Sache, sondern eine Sache der Menschheit und der Menschlichkeit. Darum sei es.Pflicht eines Jeden, namentlich auch der Frauen, helfend anzugreifen, daß wir den weltgeschichtlichen Moment in seiner ganzen Bedeutung erfassen Und der großen Aufgabe gerecht werden. Nach einigen kurzen, aber eindringlichen Schlußworten theilt der Vorsitzende mit, daß Beitragslisten bei dem Bankhause B. H. Goldschmidt und sämmtlichen Comitömitgliedern aufliegen.

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